Eching Ein Dorf leidet mit

Ursula Herrmann ist auf dem Echinger Friedhof bestattet. Das Grab ist sehr gepflegt.

(Foto: Franz Xaver Fuchs)

Wie das Dorf am Ammersee mit dem Zivilprozess umgeht, den Ursula Herrmanns Bruder Michael angestrengt hat

Von Christian Deussing, Eching

Das Grab von Ursula Herrmann auf dem Echinger Friedhof am Ammersee ist immer gepflegt. Das Kind ist unvergessen. Schüler laufen unbeschwert auf dem Weg an den Grabstätten vorbei, hinüber zu ihren Elternhäusern. Die Mädchen und der Bub sind in dem Alter von Ursula, die nur zehn Jahre alt werden durfte. Etwa 50 Meter vom Friedhof entfernt wohnt Irmgard Windersch, die in ihrem Gemüsebeet arbeitet. Die Rentnerin kannte Ursula, aber auch deren Vater, der seit fast sechs Jahren im Grab neben seiner Tochter liegt. Der Lehrer starb einige Monate nach dem Urteil gegen Werner M. - ebenfalls an einem 15. September, 29 Jahre nach dem grausigen Tod seines jüngsten Kindes. Die Rentnerin fragt sich stets, warum dieser so bescheidenen, sehr netten und gläubigen Familie das alles widerfahren ist. Die Echingerin hat von dem Prozess um Schmerzensgeld in Augsburg gehört - wie die meisten in diesem beschaulichen Ort.

In Eching wohnen auch noch Freundinnen und frühere Klassenkameradinnen von Ursula. Eine Mutter erinnert sich daran, wie "aufgeweckt, gut erzogen und intelligent" die Zehnjährige gewesen sei, die mit ihrer Tochter Andrea oft gespielt hat. Ursula habe eine "wunderbare Schrift gehabt" und schon Klavier gespielt, erzählt die Echingerin. Sie denkt auch an die qualvollen Wochen, nachdem Ursula plötzlich verschwunden war und dann die Holzkiste gefunden wurde. Neben ihr steht ihr Ehemann, der in der Dämmerung Ursula lieber im Auto nach Hause zum südlichen Ende des Dorfes gebracht hat. Jetzt kommt alles wieder hoch und häufig ist zu hören, "wie schlampig damals die Ermittlungen gelaufen" seien.

Ein anderes Ehepaar geht in Richtung "Gasthof Eberhardt" spazieren. Es findet es "etwas eigenartig", dass Ursulas Bruder jetzt über einen Zivilprozess angeblich offene Fragen in dem Kriminalfall klären will. Zum Beispiel, ob Werner M. wirklich der Täter sei oder zumindest Mitwisser habe. "Wer weiß das schon", sagt der Echinger, während seine Frau sich vor allem eines wünscht: dass sich mit diesem Prozess in Augsburg endgültig bestätigt, dass dieser Werner Mazurek der Täter war.

In dem Gasthof ist an diesem späten Mittag wenig los. Ein älterer Mann ist in eine Lokalzeitung vertieft. Er wirkt ein wenig mürrisch und abwehrend, als er auf den Fall Herrmann angesprochen wird. "Es ist doch mal Zeit, dass Ruhe einkehrt und nicht alles wieder aufgewärmt wird", sagt der Echinger. Hinter dem Tresen taucht Wirt Klaus Strobl auf. In seinem Gasthaus war nach dem Verbrechen eine Zeit lang das hölzerne Gefängnis aufgestellt, in dem Ursula Herrmann erstickt war. Die Kriminalpolizei erhoffte sich dadurch seinerzeit wichtige Hinweise aus der Bevölkerung. Nun kommen die Bilder wieder, der Fall ist auch erneut Thema am Stammtisch. Viele Theorien leben auf, alles kreist um die Frage: "Kann er es wirklich allein gewesen sein?" Dabei beschleicht vielleicht so manchen Einwohner das mulmige Gefühl, dass womöglich ein Komplize völlig unbehelligt und unauffällig im Dorf lebt und sein dunkles Geheimnis hütet.

Gastwirt Strobl zuckt die Schultern. Wer wisse das schon, sagt er bedächtig. Er zweifelt daran, dass sich nach 35 Jahren tatsächlich neue Erkenntnisse ergeben. Nun wird er in diesen Tagen wieder häufiger an Ursula Herrmann denken. Der Echinger begegnete dem Mädchen öfter, als es auf dem Bauernhof der Strobls frische Milch holte.

Dass es nun aber in dieser Gemeinde wieder unruhig werden könnte, daran glauben trotz des neuen Prozesses wohl die wenigsten Bewohner. Zum Beispiel auch nicht der Mann, der mit seiner Werkzeugkiste zu seinem Wagen geht. "Es ist natürlich alles schlimm", sagt der 59-jährige Echinger. Er sei damals übrigens auch von der Kripo vernommen worden. Das erging aber den meisten im Dorf so. Eines aber betont der Anwohner sehr vehement: "Dieses Verbrechen hat bestimmt nichts mit uns Echingern zu tun."