Drohende Abschiebung eines Asylbewerbers Momos große Angst

Sie glauben ihm nicht, dass seine Eltern tot sind, dass er als Kind auf der Straße lebte: Ein 18-jähriger, vorbildlich integrierter Asylbewerber aus Sierra Leone soll abgeschoben werden. Die Behörden zweifeln seine Geschichte an. Sein Therapeut jedoch ist überzeugt, dass Momo kein Simulant ist - sondern einer der am schwersten traumatisierten Patienten, die er jemals behandelt hat.

Von Heiner Effern, Rosenheim

Wenn in Mohameds kleiner Wohnung die Türklingel läutet, spürt er sofort, wie sich Panik in ihm breit macht. Diese Angst, dass sie kommen, um ihn zu holen. Dass sie ihn in ein Flugzeug nach Sierra Leone stecken. Dass die Flucht und die vergangenen vier Jahre in Deutschland umsonst waren. Mohamed Kamara, 18 Jahre alt, Auszubildender im ersten Lehrjahr, Stürmer in der A-Jugend, geht auf den Balkon, wenn es klingelt, und sieht nach, ob Polizisten unten vor dem Haus stehen. Im Ernstfall will er die Tür nicht öffnen. Mohamed ist ein Abschiebefall.

Deshalb sitzt der junge Mann im Besprechungsraum von Arne Katzbichler, "vom Chef", wie er sagt, im schwarzen Lang-Arm-Shirt, ein Anhänger um den Hals, und tut etwas, was er nicht will und in vielen Bereichen offenbar auch nicht kann. Was nicht an seinem Deutsch liegt, im Zeugnis der Berufsschule hat er die Note eins.

Mohamed erzählt von seiner Vergangenheit, weil er erkannt hat, dass er sonst keine Chance mehr hat, hierzubleiben. "Seit ich vier bin, habe ich auf der Straße gelebt", sagt er. Weil die Eltern "verschwunden" seien. Dass seine Eltern tot sind, sagt er nur Leuten, die er sehr gut kennt. Jeder Tag habe aus zwei Sorgen bestanden: "Wie komme ich an Essen, wo kann ich sicher schlafen."

In der Befragung durch das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge - damals war er 15 Jahre alt und erst wenige Monate in Deutschland - hat er noch erzählt, dass sein Vater ein Rebell gewesen sei, eine Bank überfallen habe und er deshalb in Sierra Leone um sein Leben fürchten müsse. Sein Vater habe ihm gesagt, wo die Beute sei. Mit Hilfe dieses Geldes sei er nach Deutschland gekommen.

"Völlig unglaubhaft", "nicht überzeugend"

Die Behörden hier halten Mohamed Kamara schlicht für einen Lügner. Im Bescheid zur Abschiebung vom 22. Juni 2010 steht: "völlig unglaubhaft", "nicht überzeugend", "kann ihm nicht geglaubt werden". Sie glauben ihm nicht, dass seine Eltern tot sind. Dass er als Kind auf der Straße lebte. Sie glauben ihm nicht einmal, wie er heißt und wie alt er ist. Das Verwaltungsgericht München schloss sich dem nach mündlicher Verhandlung an. Mohamed könne seine Biografie nicht ordnen, zeitliche und räumliche Bezüge nicht herstellen. Er habe nach eigenen Angaben keine gesundheitlichen Probleme außer Schlafstörungen, heißt es in der Begründung.

Für seine Freunde und Trainer vom DJK SB Rosenheim, für seinen Arbeitgeber und seine Kollegen, für seine Lehrer und Betreuer ist Mohamed, genannte Mo oder Momo, ein fleißiger, zuverlässiger, wissbegieriger und liebenswerter Kerl. Für Daniel Drexler, bei dem er nach langer Weigerung nun doch eine Therapie begonnen hat, ist Mohamed einer der am schwersten traumatisierten Patienten, die er jemals behandelt hat. Der Kinder- und Jugendpsychiater aus Rosenheim kennt die Traumata afrikanischer Kinder: Er praktizierte für Cap Anamur dort in Flüchtlingslagern.

Über Mohamed sagt er: "Ich kann ausschließen, dass er ein Simulant ist." Er sei als Bub schon früh Vollwaise und im Bürgerkrieg "Zeuge von Gräueln und gewaltsamen Tötungen" geworden. Als in Mohameds Heimat Freetown schrecklichste Massaker stattfanden, war er noch im Vorschulalter. Drexler weiß durch seine Arbeit, die ihn auch nach Sierra Leone führte, von den systematischen Verstümmelungen im dortigen Bürgerkrieg, von Jagd auf Kinder für den Organhandel, von Geheimbünden, die Kandidaten für Menschenopfer suchten. Der sicherste Schlafplatz für Straßenkinder sei oft der Friedhof gewesen, weil sich dort mancher Übeltäter aus Aberglauben nicht hintraute. Nach den Sitzungen bekommt Mohamed den Tag frei. Er ist nicht mehr in der Lage zu arbeiten.