Drogen Falscher Freund

Kampagne gegen Crystal Meth

Von Johann Osel

Im Büro stapeln sich Akten, der Chef nervt; zu Hause Familienstress, die Frau telefoniert, die Tochter nölt. Zu sehen ist der Alltag eines jungen Mannes, vielleicht Ende 20. Dann aber zu sehen im Film: eine Diskothek, Rausch, Unsinntreiben mit dem Kumpel auf einem Parkplatz. Schnitt. Der Freund wird aggressiv, geht dem Mann an die Gurgel. Schnitt. Kleine Tüten im Bild, Crystal Meth. Schnitt, Job, Familie, alles geht kaputt. Am Ende die Frage: "Findest du den Weg zurück in die Wirklichkeit?" Und der Slogan: "Crystal ist nicht dein Freund." Es ist das Motto der Kampagne der Staatsregierung - "Mein falscher Freund". Der Spot, einer von zweien, der seit gut einer Woche in bayerischen Kinos läuft und online auf Kanälen wie Youtube Resonanz finden soll, ist flott gemacht. Zielgruppengerecht, könnte man sagen. Schnelle Schnitte, eine Stimme aus dem Off - die Machart erinnert ein wenig an die Spots, mit denen FDP-Chef Christian Lindner im Bundestagswahlkampf viel Aufmerksamkeit bekam.

Außer den Kino-Spots gibt es die Kampagnen-Seite (mein-falscher-freund.de) mit Beratungskontakten und Informationen zur Modedroge, wie sie wirkt, was sie anrichtet - und dass sie sogar das Sexleben ausbremst. Laut Innenministerium ist Crystal, das vorwiegend aus tschechischen Drogenküchen kommt, häufig, aber nicht nur im grenznahen Raum ein Problem. 2016 gab es im Freistaat durch Missbrauch von Metamphetaminen, zu denen Crystal gehört, 25 Drogentote.

Neue Zahlen nannte nun Staatssekretär Gerhard Eck im Innenausschuss des Landtags. Er sprach von einer "hochgefährlichen Killerdroge". Demnach liegen die Fallzahlen von Januar bis September 2017 zwar auf Vorjahresniveau - jedoch habe die Polizei größere Mengen sichergestellt, 40 Prozent mehr, fast vier Kilo Crystal insgesamt. Die Konsumeinheit liegt bei fünf bis 25 Milligramm. Laut Eck bilden offenbar immer mehr Konsumenten und Dealer "Einkaufsgemeinschaften", um gemeinsam nach Tschechien zu fahren. Man setze auf hohen Druck zum Beispiel durch Schleierfahndung und auf Prävention - wie den Kinospot, der zeigen soll, wie die vermeintliche Flucht aus der Leistungsgesellschaft zum Verfall führt. Eck sagte: "Vielen ist gar nicht bewusst, wie verheerend sich Crystal auf den Organismus auswirkt."

Gleichwohl sagen Kritiker: Diese Verheerungen spart der Spot völlig aus. Der Bayerische Rundfunk berichtet über Bedenken im Ausschuss, auch in der CSU-Fraktion, wonach die Spots zu harmlos seien. Karl Vetter, Gesundheitsexperte der Freien Wähler, teilte mit: Bei allem Lob für die Kampagne an sich müsse die Zielgruppenansprache "deutlich drastischer werden". Wohl eine zweischneidige Sache: Man kennt ja Fotos von Abhängigen - verlebte, eingefallene Gesichter, Narben, düsterer Blick. Wer sich das im Kino anschauen muss, dem kommt eher das Popcorn hoch. Auch ist fraglich, ob solche Bilder nicht wie ein erhobener Zeigefinger wirken - der an die Zielgruppe erst recht nicht herankommen dürfte mit dem Anliegen.