Später wurde Stellwags Wohnung durchsucht. Es muss eine beklemmende Situation gewesen sein, für beide Seiten. Immerhin war es die Kriminalpolizei Nürnberg, die einst gegen Stellwag ermittelt hatte. Zwar hatte einer der Beamten immer wieder zu erkennen gegeben, dass er Stellwag für völlig unschuldig halte - es hatte schließlich Zeugen gegeben, die ihn gesehen hatten in dem Hotel in Leuna, am Tag der Tat. Am Ende aber hatte das alles nichts genützt vor Gericht, der wissenschaftliche Gutachter schien die besseren Argumente zu haben.

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Stellwag wird nicht verdächtigt, den Transporter selbst überfallen zu haben. Der Gedanke wäre auch absurd. Der 52-Jährige leidet an zwei Gehirntumoren und an Diabetes. Auf einem Auge ist er erblindet, Glasknochen hindern ihn daran, sich flink bewegen zu können. Stellwag hat das in den Talkshows immer wieder dargelegt. Es war meist die Stelle, an der die anderen Gäste nicht mehr wussten, in welche Ecke sie schauen sollten, vor lauter Fassungslosigkeit über das Schicksal dieses Menschen.

Stellwags Geschichte wirkt wie ein Dürrenmatt-Drama. Dass er vor 25 Jahren Masse ansetzte, lag an den 150Milligramm Cortison, mit denen sein erster Tumor bekämpft werden sollte. Hätte er das Cortison nicht gebraucht, dann wäre ein Polizist aus Schweinfurt wohl nie auf den Gedanken gekommen, dass es sich bei dem großen Dicken mit der dunklen Brille um Donald Stellwag aus einem unterfränkischen Dorf handeln könnte. Stellwag war dem Beamten wohl bekannt: als unehelicher Sohn eines US-Soldaten; als Sohn einer Mutter, die an Gelbsucht starb, als Stellwag ein Jahr alt war; und als ein Mensch, der nach einer Kindheit ohne Eltern manchmal mit dem Gesetz in Konflikt geraten war.

Jetzt, ein halbes Jahr nach dem Überfall auf den Goldtransporter, verdächtigt ihn die Stuttgarter Staatsanwaltschaft, die Täter über die Details der Fahrt auf dem Laufenden gehalten zu haben. Sein Anwalt Manfred Neder sagt, Stellwag bestreite gar nicht, mit den Beteiligten des Millionen-Coups Kontakte gepflegt zu haben. Schließlich kenne man sich untereinander in der Szene der Goldhändler.

In der Erklärung der Staatsanwaltschaft wird Stellwag als "Schmuckhändler" bezeichnet. Sein Anwalt hält das für unpräzise. Stellwag gehe lediglich jenem Mann ein wenig zur Hand, der ihn pflegt, aus gegenseitiger Verbundenheit. Im Grunde aber sei es der Pfleger, der mit Schmuck handele. Dass Stellwag den Tätern erzählt haben könnte, wann der Goldtransporter gestartet ist, das sei nicht auszuschließen. "Vielleicht hat mein Mandant das ausgeplaudert", sagt Neder, "aber das war kein Geheimnis."

Die Staatsanwaltschaft schweigt

Würde ein Haftbefehl gegen eines der berühmtesten Justizopfer Deutschlands erlassen, ohne harte Indizien? Die Staatsanwaltschaft schweigt über die Details. Nur so viel sagt eine Sprecherin: Der Soko "Gold" lägen Hinweise vor, dass "der Schmuckhändler als Hinweisgeber" in den Fall verwickelt sei. In Nürnberg sei der Haftbefehl allerdings umgehend außer Vollzug gesetzt worden, denn der Verdächtigte sei momentan nicht haftfähig. Stellwags Anwalt erklärt: "Mein Mandant befände sich nun wieder in Untersuchungshaft, wenn er nicht so krank wäre." In Untersuchungshaft saß Stellwag schon einmal. Zweieinhalb Jahre lang, vor dem fatalen Urteil des Nürnberger Landgerichts im Jahr 1994. Der Anwalt macht eine Pause, dann sagt er: "Es gibt Sachen, die glaubt man nicht."

Stellwag wohnt im dritten Stock eines Mehrfamilienhauses. Am Briefkasten im Flur hängt ein Zettel. Päckchen für Stellwag sollen in der Boutique nebenan abgegeben werden. Die Geschäftsinhaberin nimmt die Post entgegen, seit Stellwag sich nicht mehr gut bewegen kann. Sie sei "einfach nur erschüttert" über den neuen Haftbefehl gegen ihren Nachbarn, sagt sie. 20.000 Euro hatte Stellwag vom Freistaat Bayern bekommen, als Ersatz für knapp fünf Jahre verlorener Lebenszeit. Der Justizirrtum gilt damit offiziell als abgegolten. Würde Stellwag wieder verurteilt, wieder wegen räuberischer Erpressung, würde ihm nichts angerechnet.

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  1. Das Leben, ein Gefängnis
  2. Sie lesen jetzt "Einfach nur erschüttert"
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(SZ vom 19.06.2010/juwe)