Diskussion über Stromtrassen Seehofers Kabelsalat

Die Staatsregierung will keinen Braunkohlestrom nach Bayern leiten. Deswegen sucht sie nach Alternativen zur geplanten Süd-Ost-Trasse. Gut möglich, dass die am Ende Richtung Norden verlängert wird - für Seehofer ein halbwegs gesichtswahrender Ausweg.

Von Michael Bauchmüller, Berlin, und Mike Szymanski, München

Kohlestrom für die Energiewende in Bayern? Das war Ministerpräsident Horst Seehofer schon lange suspekt. Ausgerechnet in Sachsen-Anhalt soll eine jener Trassen starten, die Bayern nach dem Abschalten der letzten Meiler mit Strom versorgt. Von Bad Lauchstädt bei Halle - das mitteldeutsche Braunkohlerevier liegt gleich um die Ecke - nach Meitingen bei Augsburg. 450 Kilometer lang, quer durch Bayern.

Für den Freistaat nicht hinnehmbar: "Der Anfangspunkt einer Gleichstrom-Übertragungsleitung im Zentrum der Braunkohlestromerzeugung", heißt es in einer Stellungnahme des Wirtschaftsministeriums zum Netzausbau, "schafft bei Bürgern kein Verständnis für deren Notwendigkeit und deren Zusammenhang mit der Energiewende".

"Phantasievolle" Lösung gesucht

Aber Bayern braucht Strom, wenn das Atomzeitalter 2022 zu Ende ist. Eine "phantasievolle" Lösung des Problems hatte sich Seehofer neulich im Kabinett gewünscht. Längst fahndet der Freistaat nach einem Plan B, denn neuen Leitungen wird er sich nicht länger verweigern können. Und so suchen die Bayern auch einen neuen Startpunkt für ihre Leitung. Einen, der nach Ökostrom klingt, nach Zukunft. Nicht nach Kohlerevier.

Bayerns Wirtschaftsministerin Ilse Aigner (CSU) und Bundeswirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) stehen schon in Kontakt. "Wir glauben, dass wir mit den Bayern zusammen Vorschläge entwickeln können, wie man Trassenverläufe so organisiert, dass man keinen gesellschaftlichen Streit hat", sagt Gabriel.

Alternative enthielte quasi Windstrom pur

Eine Alternative könnte ausgerechnet die Verlängerung der umstrittenen Leitung sein - bis hoch in den Norden. Ursprünglich war das ohnehin so vorgesehen, die Trasse hätte bis nach Güstrow in Mecklenburg-Vorpommern führen können. Eine Leitung von dort enthielte quasi Windstrom pur. Obendrein prüft derzeit der ostdeutsche Netzbetreiber 50Hertz eine Trasse nach Schweden, die "Hansa Power Bridge". Die vorgebliche Kohleleitung würde so zur astreinen Energiewende-Leitung, samt Zugang zu gigantischen Stromspeichern in Schweden.

Richtung Süden dagegen könnte die Leitung beim Atomkraftwerk Isar enden, also bei Landshut. Sie wäre zwar nicht sehr viel kürzer. Aber jeder Kilometer weniger erspart schon Ärger, so aufgeheizt ist die Stimmung in Bayern. Auch wäre nicht mehr der Dortmunder Netzbetreiber Amprion zuständig, sondern Tennet. Sitz: Bayreuth.