Ein Kommentar von Annette Ramelsberger

Die absolute Mehrheit in Bayern zu erhalten hat für die CSU die absolute Priorität. Und dafür schwingt sie sich sogar zur Kämpferin gegen die Bundeskanzlerin auf.

Die CSU ist eine ziemlich große Partei, deren Bedeutung, so findet sie selbst, man kaum überschätzen kann. In Berlin stellt sie sich sogar noch ein bisschen größer dar, als sie wirklich ist. Die CSU pocht darauf, auf Augenhöhe mit den Chefs der ganz großen Parteien CDU und SPD zu verhandeln.

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Die Stimmung zwischen Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein und Bundeskanzlerin Angela Merkel ist abgekühlt. (© Foto: ddp)

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Wenn es um wichtige Absprachen im Kanzleramt geht, dann darf die CSU nie fehlen. An Wahlabenden - selbst wenn es um Bremen oder Hamburg geht - sitzt die CSU ganz selbstverständlich in den Fernsehrunden. Und in ihrer Heimat Bayern ist die CSU nach dem 60-Prozent-Sieg Edmund Stoibers bei der Landtagswahl 2003 so stark geworden, dass sie oft vor Kraft gar nicht laufen kann. Ein Riese sitzt da in Bayern - und mittlerweile finden selbst treue CSU-Anhänger, dass es diesem Riesen ganz guttäte, ein wenig zurechtgestutzt zu werden.

Die CSU-Oberen spüren, spätestens seit den Verlusten bei der Kommunalwahl im März, wie sehr sie die Sympathie der Bürger verloren haben; sie fürchten, dass diese Liebe noch mehr erkalten könnte. Deswegen versuchen sie nun, die Sympathie der Bürger mit einer ziemlich gewagten Verkleidung zurückzugewinnen.

Statt als politischer Riese Goliath auf das Schlachtfeld der bayerischen Landtagswahl zu treten, verkleidet sich die CSU unter den Augen der erstaunten Republik als kleiner David, der quasi nur mit einer Steinschleuder bewaffnet gegen die Großen da oben in Berlin kämpft. Am heftigsten gegen die gestrenge Kanzlerin, die in ihrer unerbittlichen Logik die einfachen Lösungen der CSU einfach nicht abnicken will. Und der Stein, den der bayerische David besonders gern in seine Schleuder legt, heißt Pendlerpauschale.

Dieser Stein ist wunderbar einfach zu schleudern. Fast jeder Bürger fährt Auto, jeder stöhnt über den hohen Benzinpreis, Bayern ist ein Land der weiten Entfernungen. Die Rechnung ist schlicht: Wer leidet, sehnt sich nach einem Retter, zumindest aber nach einem Schuldigen. Und die CSU hat sich entschieden, diesen Retter zu spielen.

Auch die Schuldige hat sie bereits ausgemacht: die sture Kanzlerin. So überbieten sich nun CSU-Chef Erwin Huber und Bayerns Ministerpräsident Günther Beckstein darin, Angela Merkel an den Karren zu fahren. In einer Wortwahl, die von Tag zu Tag schroffer wird und bald den Tatbestand der Beleidigung erfüllen könnte. Die Unterschriftenaktion, die in der CSU nun organisiert wird, ist nur der erste Schuss des vermeintlichen Davids gegen die Großen in Berlin. Weitere werden folgen.

Für die CSU zählt immer zuerst die Bastion Bayern. Die absolute Mehrheit, die sie seit fast 50 Jahren hält, ist das oberste Ziel. Diesem Ziel wird alles untergeordnet: die Logik, die Manieren, selbst der Erfolg der großen Koalition in Berlin.

Und natürlich hängt sich die CSU für dieses Ziel auch jederzeit das Mäntelchen des kleinen David um - auch wenn sie sonst immer gern den bayerischen Goliath gibt.

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(SZ vom 04.07.2008/ssc)