Ein Kommentar von Heribert Prantl

Der CSU ist der Thron weggenommen worden, sie sitzt nur noch auf einem normalen Holzstuhl. Jetzt braucht die Partei eine friedliche Revolution - ihr fehlen aber Anführer, Programm und Mumm.

Wenn der bayerische Geist mit sich selbst in Widerspruch gerät, formuliert er Sätze wie diesen: "Na mach' ma halt a Revolution, dass endlich wieda a Ruah is!" Der Satz könnte von einem frustrierten bisherigen Traditionswähler stammen, der am Sonntag zum ersten Mal in seinem Leben nicht die CSU gewählt hat. Der Satz ist aber schon ein wenig älter, er stammt aus dem Jahr 1918, ein Münchner Arbeiter hat ihn gesagt.

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Am Tag nach der Wahl wird in Nürnberg ein CSU-Plakat überklebt (© Foto: ddp)

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Ganz so wild wie damals ist es im Bayern des Jahres 2008 nicht, trotzdem liegt ein Hauch von Revolution in der Luft. Diesmal muss zwar kein König ins Exil, es ist aber einem König der Thron weggenommen worden. Die CSU sitzt nur noch auf einem normalen Holzstuhl. Aber "endlich wieder Ruhe" ist damit noch lange nicht. Es wäre auch fatal für CSU und CDU, wenn jetzt einfach Ruhe einkehrte. Das wäre die zweite Katastrophe nach dem Sonntag. So wäre auch noch die Chance der Erneuerung vertan, die für die CSU in der Katastrophe steckt.

Der Wahlsonntag war eine demokratische Revolution in Bayern. Ihr muss, wenn die CSU nicht weiter fallen will, eine demokratische Revolution in der CSU folgen. Die CSU muss sagen, wie und mit wem sie die Lehrer, die Richter, die Trachtenvereine und Gastwirte, wie sie all die Leute, die sie vergrätzt hat, wiedergewinnen will. Mit Seehofer, der ein Odysseus beim Reden ist, aber nicht beim Handeln?

Die CSU muss zeigen, dass und was sie aus der Katastrophe gelernt hat. Da reicht es nicht, das im Unverstand abgeschaffte Bayerische Oberste Landesgericht wiedereinzuführen. Wenn man die absolute Zahl der Wahlberechtigten nimmt, hat nur jeder vierte Bayer CSU gewählt. Das liegt nicht nur, aber auch an den beiden Führungsfiguren; das liegt daran, dass diese Partei kein Feuer mehr hat. Wenn das Kreuz des Südens nicht mehr leuchtet, wird es in der ganzen Union finster.

Die bevorstehende Koalitionsbildung ist nicht ganz so schwierig wie die Quadratur des Kreises, aber fast. Es wird keine Kunst für die CSU sein, eine Vierer-Koalition aus SPD, Freien Wählern, FDP und Grünen zu verhindern. Diese Anti-CSU-Allianz des Wahlkampfes ist disparat. Es wäre zwar ein pfiffiger Schachzug der SPD, wenn sie einer anderen Partei, womöglich Sepp Daxenberger von den Grünen, den Posten des Ministerpräsidenten anböte. Aber solche Spiele gehören eher ins Museum der Phantasie denn in die politische Wirklichkeit Bayerns.

Die CSU hat also alle Koalitionsoptionen. Die pfiffigste, modernste und mutigste, die mit den Grünen, hat sie ausgeschlossen. Sie liebäugelt mit der FDP, und diese äugelt zurück - was angesichts der Animositäten zwischen beiden erstaunlich ist. Die Abneigung geht zurück bis zu Franz Josef Strauß. Die Programme von CSU und FDP liegen, in der Wirtschafts- und Sozialpolitik ebenso wie bei der inneren Sicherheit, so weit auseinander wie Erde und Mond.

Die natürlichen Partner der CSU wären die Freien Wähler. Die wären freilich verrückt, wenn sie sich anwerben ließen, weil sie sich komplett unglaubwürdig machten: Sie sind als Anti-CSU-Partei in den Landtag gewählt worden, als eine, die nicht nach Posten schielt. Wenn sie sich jetzt sogleich an den Tisch mit den Fleischtöpfen setzten, säßen sie dort als die weiß-blauen Lügner. Der CSU könnte es recht sein. Am Regierungstisch vergiftet sie eine gefährliche Konkurrenz.

Bleibt die Koalition mit der SPD - die inhaltlich Gemeinsamkeiten hätte. Kann aber die CSU ein Jahr vor der Bundestagswahl eine Koalition eingehen, deren Beendigung in Berlin das erklärte Ziel des Bundestagswahlkampfes ist? Angela Merkel gefiele, natürlich, eine CSU/FDP-Koalition in Bayern - als Vorbotin des Wandels in Berlin. Indes: Die CSU hat eigentlich keinen Grund, Merkel einen Gefallen zu tun um den Preis des weiteren Verfalls. Es wäre ein Bündnis mit einer eher zentralistischen Partei. Das ist das Letzte, was die CSU derzeit braucht.

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(SZ vom 30.9.2008/ihe)