Bayerischer Helfer in Ungarn "Das sind doch Leute, die alles verloren haben"

Zahlreiche Flüchtlinge warten am Bahnhof in Budapest auch weiterhin auf ihre Ausreise.

(Foto: epd)

Als Manfred Kiefhaber die Bilder aus Budapest sieht, packt er sein Auto voll mit Lebensmitteln und fährt los. Dabei hätte bei dem Rentner aus Mittelfranken einiges schief laufen können.

Interview von Olaf Przybilla, Deuenbach

Vor einer Woche hat Manfred Kiefhaber, 63, aus dem mittelfränkischen Deuenbach sein Auto voller Lebensmittel geladen und ist spontan nach Budapest aufgebrochen, um Flüchtlingen zu helfen. Bereut hat er es nicht. Aber von einer Idee ist er doch abgekommen.

SZ: Herr Kiefhaber, machen Sie so was öfters spontan?

Manfred Kiefhaber: Nein, so was hab' ich noch nie gemacht. Aber ich habe die Nachrichten geschaut an dem Tag und gesehen, da spitzt sich was zu. Und ich weiß auch, wo der Ostbahnhof in Budapest ist.

Aber Sie arbeiten bei Hilfsorganisationen mit?

Nein, gar nicht. Ich bin Bankkaufmann gewesen und seit kurzem in Rente.

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Interessant.

Ja, ich versteh schon die Überraschung, das entspricht womöglich nicht dem öffentlichen Klischee. Aber das hat mich einfach so bewegt. Es war doch zu befürchten, dass es mit Lebensmitteln ziemlich schlecht ausschaut in Budapest. Das war für mich der Anstoß zu sagen: Jetzt muss ich da runter. Das sind doch Leute, die alles verloren haben. Und die Schutz suchen.

Und da sind Sie losgefahren.

Ich hab' abends noch Wasser, Brot, Äpfel und Käse gekauft und habe mein Auto damit vollgeladen. Mit Grundnahrungsmitteln kann man ja manchmal viel Gutes tun. Eigentlich wollte ich morgens aufbrechen, aber ich hab' die ganze Nacht nicht schlafen können, ich war so unruhig. Also bin ich um zwei Uhr in der Früh aufgestanden und eine Stunde später losgefahren. Dass kurz darauf Zehntausende nach München in Zügen kommen dürfen, konnte ich da noch nicht wissen. Es ging mir auch um die moralische Unterstützung, um ein Symbol für die Menschen am Budapester Bahnhof. Dass dort ein Deutscher ist und womöglich einige Syrer nach Deutschland bringen kann. Das war der Grundgedanke.

Hätte auch schiefgehen können, oder?

Richtig, aber daran hab ich im ersten Moment gar nicht gedacht. Erst am Budapester Bahnhof hat mich ein deutscher Journalist gewarnt: Wenn Sie jetzt Syrer in Ihrem Auto Platz nehmen lassen, mit ihnen durch Ungarn fahren und dabei angehalten werden - werden Sie womöglich als Schleuser verhaftet und ins Gefängnis gesteckt.

Hatten Sie nicht auf dem Schirm?

Nein, in dem Moment nicht. Ich hatte einfach diesen hehren Gedanken im Kopf. Ich habe ein großes Auto, da kann ich fünf bis sechs Personen transportieren. Hat mich zwischenzeitlich ziemlich frustriert. Ich hab mich aber dann trotzdem dort am Bahnhof umgetan, anderthalb Stunden mit einer achtköpfigen Familie unterhalten: Was sie alles verloren haben, wie sie nach Budapest gekommen sind. Unfassbar. Eines muss ich aber sagen: Man war da absolut nicht der einzige, der Grundnahrungsmittel gebracht hat. Da waren schon auch viele Ungarn, die geholfen haben.

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Haben Sie die Fahrt bereut?

Nicht im Geringsten. Es gibt einfach Dinge, die muss man selbst gesehen haben, um sie beurteilen zu können. Auch wenn ich dann gewissermaßen von den Zeitläuften überrollt wurde und die Menschen in Zügen nach Deutschland kommen konnten. Einer Familie habe ich auch meine Handynummer gegeben. Die wollten nach Hannover, wenn sie angekommen sind, wollen sie sich melden. Mit der Ankunft hört die Hilfsbedürftigkeit ja nicht auf.

Und die Bilder aus München?

Sind fantastisch für mich. Dass sich die Hoffnungen dieser Menschen am Bahnhof erfüllt haben, macht mich glücklich. Ich habe Geschichte erlebt und würd' es wieder machen.

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