"Eine Mischung aus medizinischer Wichtigtuerei, Sturheit und Hexenjagd": Warum die Konzertsängerin Petra Heller seit mehr als vier Jahren ihr Kind nicht mehr sehen kann.
Gerda Munz hat sich an diesem Morgen aus ihrem Heimatort in der Nähe von Tübingen auf den Weg nach Bamberg begeben, um dort für die Rehabilitierung einer Frau zu demonstrieren, der es noch schlimmer ergangen ist als ihr selbst. Für Frau Munz, 65, ist die Tagestour nach Franken eine Qual.
Kämpft um ihren Sohn: Konzertsängerin Petra Heller (© Foto: oh)
Anzeige
Seit sie 1993 an Borreliose erkrankt ist, leidet sie unter Gelenkschmerzen. Manchmal ist es so schlimm, dass sie nicht nach Bamberg aufbrechen kann, wenn dort an das Schicksal von Petra Heller erinnert wird.
Jeden zweiten Samstag findet man sich vor dem Alten Rathaus zusammen, seit inzwischen mehr als dreieinhalb Jahren. Hätte man ihr im Juni 2005 gesagt, im April 2009 werde sie noch immer für Petra Heller auf die Straße gehen müssen - sie hätte das für einen sehr schlechten Witz gehalten, sagt Frau Munz.
Vor viereinhalb Jahren wurde der an Borreliose erkrankten Petra Heller ihr damals neun Jahre alter Sohn entzogen. Am 3. August 2004 holten Mitarbeiter des Jugendamtes, flankiert von mehreren Polizisten, das Kind im Haus der Hellers in der Bamberger Greiffenbergstraße ab.
Die Mutter, die damals 41 Jahre alte Konzertsängerin Petra Heller, wurde zwangsweise in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Klinik eingeliefert. Nachdem Angehörige gegen die Einlieferung protestierten, durfte sie das Klinikum nach einem Tag wieder verlassen. Wie ein entsetzlicher Traum laste dieser eine Tag auf ihr, sagt Petra Heller - ein Albtraum, der seit mehr als vier Jahren nicht mehr enden will.
Der Vorwurf der Bamberger Behörden trägt einen schillernden Namen. In einer Stellungnahme des Landratsamtes heißt es im August 2004, Petra Hellers Erkrankung trage "Züge eines Münchhausen-Syndroms", in Bezug auf ihren Sohn eines "Münchhausen-by-proxy-Syndroms".
Unterstellt wird damit, die Mutter bilde sich ihre Erkrankung lediglich ein - und misshandle zusätzlich ihren Sohn als Stellvertreter ("by proxy"), indem sie auch diesen ohne Not mit Antibiotika vollpumpe. Die Diagnose eines sogenannten Lügen-Stellvertreter-Syndroms gilt inzwischen grundsätzlich als höchst fragwürdig.
Irreparabel beschädigtes Urvertrauen
Der britische Mediziner, der es 1977 beschrieben und anschließend auch mehrfach diagnostiziert hat, musste sich wegen beruflicher Verfehlungen vor Gericht verantworten.
Mehrere Diagnosen wurden revidiert. Die australische Medizinsoziologin Helen Hayward-Brown, die weltweit über die Praktiken von Kindesentzug arbeitet, hat die Bamberger Causa Heller in einer eidesstattlichen Erklärung als einen der "schwersten Fälle einer fälschlichen Anschuldigung" des Syndroms bezeichnet, der ihr in ihrer zehnjährigen Forschungsarbeit begegnet sei.
Die Erklärung stammt aus dem Jahr 2006 - an der Situation von Petra Heller hat das bis heute gleichwohl nichts geändert. Noch am selben Tag, als ein Bamberger Medizinaldirektor das Syndrom attestierte, ließ das Amtsgericht Bamberg der Mutter das Sorgerecht entziehen.
15 Monate später - nach Beginn der öffentlichen Proteste gegen den fortwährenden Kindesentzug - wurde am Bamberger Amtsgericht zusätzlich ein Betreuungsverfahren für Petra Heller eingeleitet. Da die Mutter "in ihrer alles überlagernden Egozentrik letztlich gegen ihre eigenen Interessen" handle, solle vorsorglich geprüft werden, ob die Mutter womöglich selbst einen Vormund benötige.
Am Tag, als das Schreiben bei ihr einging, packte Petra Heller ihre Sachen. Seither hält sie sich im Ausland auf. Seit jenem Albtraumtag im August 2004 sei ihr "Urvertrauen in den deutschen Rechtsstaat" irreparabel beschädigt, sagt sie.
"Unbelehrbar, arrogant und zum Teil dilettantisch"
Georg Hörmann, er ist Professor für Pädagogik an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg, hat den Demonstranten am Alten Rathaus lange Zeit kaum Beachtung geschenkt. Man sei schließlich geneigt, Menschen, die seit mehr als drei Jahren in einem Rhythmus von 14 Tagen auf die Straße gehen, für ein wenig verschroben zu halten, erklärt Hörmann.
Der Hochschullehrer dachte das allerdings nur solange, bis ihn ein Bamberger Stadtrat gebeten hat, er als promovierter Mediziner, promovierter Psychologe und promovierter Pädagoge möge sich doch in den komplizierten Fall Heller einlesen.
Nach der Lektüre der Akten hat Hörmann kürzlich an die bayerische Justizministerin Beate Merk einen Brief geschrieben, mit der Bitte, diese solle möglichst unverzüglich einschreiten - die Bamberger Justiz sei offenkundig mit dem Fall heillos überfordert.
Hörmann sagt, wie "unbelehrbar, arrogant und zum Teil dilettantisch" sich Bamberger Behörden seit vier Jahren in der Sache Heller erwiesen, hätte er vor Lektüre der Akten nicht für möglich gehalten.
Die Umstände für das Schreiben, das einen vier Jahre andauernden Kindesentzug ausgelöst hat, wirken in der Tat dubios. In einer eidesstattlichen Versicherung hat ein ehemaliger Richter am Oberlandesgericht Bamberg geschildert, wie es zum Antrag auf Kindesentzug gekommen ist.
Sie sind jetzt auf Seite 1 von 2 nächste Seite
Premier kämpft um die Macht
Die neueste Antwort
Was in Deutschland vorherrscht ist Amtsmissbrauch in großem Stil. Es fehlt eine Kontrollinstanz für Jugendämter. Niemand der Kommentatoren kann hier sagen, ob Frau Heller Unrecht hat und die Ärzte Recht oder umgekehrt.
Fakt ist, dass deutsche Jugendämter im Vergleich zu anderen EU-Ländern häufig falsch reagieren. Dem gilt es entgegenzuwirken.
Probleme mit dem Jugendamt in Deutschland hat nicht nur Frau Heller. Der Petitionsausschuss des EU Parlaments spricht in seinem Arbeitspapier (Hunderte von Fällen untersucht in den Jahren 2004 bis 2009) eine deutliche Sprache.
http://www.petra-heller.com/fileadmin/user_upload/petra-heller/Dokumente/Arbeitsdokument.pdf.
Es geht bei dem Vorgehen der Jugendämter .. um verschiedene Praktiken die immer wieder gegen die Europäische Menschenrechtskonvention verstoßen..
Marcin Libicki fordert in seinen Empfehlungen:
eine bessere Aufsicht - auch durch die gewählten Vertreter auf allen Ebenen sowie strengere Schutzmaßnahmen als derzeit vorhanden, was .den
potenziellen Missbrauch von Kinderrechten oder Rechten und Pflichten der Eltem angeht.
Und weiter: Alle Eltern sollten von den Jugendämtern über ihr Recht auf Einspruch gegen
Entscheidungen sowie darüber informiert werden, unter welchen Bedingungen sie
Einspruch erheben können.
Dies ist in Deutschland vielfach nicht der Fall, wie dieser Leserbrief vom 18.04.2009 erkennen lässt.
http://www.mittelbayerische.de/index.cfm?pid=1679&pk=385961&p=1
Immer schneller greift das Jugendamt in den letzen Jahren ein, reißt Kinder aus den Familien. Die Leserin schreibt:
Aber durch groß angelegte Propaganda wurde die Gesetzesänderung, die eine weitere Beschneidung der Familie zur Folge hat, vorbehaltlos von der Bevölkerung hingenommen ..Wenn Kinder in Pflegefamilien oder Kinderheimen zu Schaden kommen durch Misshandlung, Missbrauch, Vernachlässigung oder Verwahrlosung, dann schaut niemand mehr hin, vor allem nicht das Jugendamt.
Kinderschutz ja, aber nicht durch eine Behörde, die nahezu uneingeschränkte Macht hat, jedoch keiner wirklich wirksamen Kontrolle unterliegt. Es gibt in Deutschland keine außergerichtliche Beschwerdeinstanz gegen das Jugendamt.
Zitat Richter Ernst Elmar Bergmann in der Panorama Sendung vom 22.01.2009
http://daserste.ndr.de/panorama/media/panorama188.html :Die Eltern müssen sich nicht machtlos fühlen, sie sind machtlos
Die Berichterstattung über diesen Fall ist sehr selektiv und stellt sich einseitig auf die Seite der Kindsmutter. Der Bericht unterschlägt wesentliche und gewichtige Hinweise darauf, dass der Kindesentzug vielleicht doch gerechtfertigt sein könnte und sich tatsächlich nicht eine breite Front aus Ärzten, Richtern, Behördenmitarbeitern, Ministerien bis hin zum Europaparlament zu einer Verschwörung gegen eine geistig völlig gesunde Frau zusammengetan haben könnten.
Die im Bericht angeführten Suggestionen und Scheinargumente können mich nicht dazu überreden, mich der von der Frau Heller initiierten Petition an das Europäische Parlament anzuschließen, dass sämtliche deutsche Jugendämter abgeschafft werden sollen.
Ich tendiere zu der Ansicht, dass die Richter in allen Instanzen aufgrund einer objektiven Gesamtschau aller relevanten Fakten in rechtsfehlerfreier Art und Weise eine richtige Entscheidung getroffen haben, die das Kind vor seiner Mutter schützt und ihm die Chance auf ein normales Leben und eine gesunde Entwicklung gibt.
Jede mediale Hetze gegen diesen angeblichen Skandal schadet dieser gesunden Entwicklung des Kindes, dieser unsägliche Streit muss ein Kind doch im Innersten auseinanderreissen - egal wer Recht hat. Ginge es der Mutter um ihr Kind, dann würde sie sich mit dem Hinausschreien ihrer Weltverschwörungstheorien zurückhalten und in vernünftiger Art und Weise versuchen, mit dem Jugendamt und den zum Schutz des Kindes befassten Institutionen zum Wohle ihres eigenen Sohnes zusammenzuarbeiten.
Ich bin entsetzt, dass derart inobjektiver Journalismus in der SZ veröffentlicht wird.
... wie damals, wie zur Zeit der Deportationen: Jeder Uniformierte, jeder Staatsangestellte macht kraft seiner Dienstposition mit und hinterher, auch wie damals hat keiner was gewußt, ist jeder unschuldig, hat jeder nur seine Pflicht getan. Und die angeblich oberste Moralinstanz, Bischöfe und Erzbischöfe in Bamberg, schweigen. Wie feige sind diese Leute, wie bekloppt ist diese Justiz? Wer bestraft diese Täter und entlässt sie auch mal fristlos, so wie eine Verkäuferin wegen 1,30 entlassen wurde, auch von deutscher Justiz! Es ist so bizarr, dass man es eigentlich nicht für real halten kann. Gibt es schon wieder Nazis in Bamberg?
Einerseits verteidigen viele - zu Recht - den Rechtsstaat Bundesrepublik Deutschland, gerade auch vor dem historischen Hintergrund des Dritten Reichs und seiner willkürlichen Maßnahmen, als den ersten Rechtsstaat auf dem Boden Deutschlands.
Wir tuen viel dafür, Islamisten und Kommunisten und Faschisten und Rassisten zu erklären, warum dieser Staat für uns alle so wichtig ist, warum wir ihn schützen wollen und warum wir unserer demokratischen Rechtsausstattung so bedürfen.
Liest man dann, was diesem Kind und seiner Mutter widerfährt, liest man von anderen Fällen, in denen Menschen "aus Prinzip" ihr Recht verweigert wird, Lösungen be- und verhindert werden, Machtmißbrauch gepflegt, unterstützt wird und unbestraft bleibt, dann frage ich mich, wie man weiter für diesen Staat werben soll.
Und komme mir keiner mit den üblichen leeren Beschwichtigungsformeln "bedauerlicher Einzelfall", "zum Streiten gehören immer zwei" und ähnlichem.
Es ist ein furchtbares Syndrom - das "Amtsmißbrauch-Syndrom" - Es droht in Deutschland immer wieder eine unheilbare Pandemie dieses Syndroms.
Paging