Debatte Was das Wort "Obazda" wirklich bedeutet

Einzig unstrittig erscheint den Obazda-Experten: Zur Breze passt er immer.

(Foto: Maria Holzmüller)

Die Käsespezialität ist ein wichtiger und altbekannter Bestandteil bayerischen Genießertums. Und doch birgt sie offenbar letzte, ganz grundlegende Geheimnisse.

Von Hans Kratzer

Ähnlich wie der Biergarten, die Mass Bier und die Weißwurst zählt auch der Obazde zur nicht verhandelbaren Grundausstattung des bayerischen Genießertums. Kein Wunder, dass dieses würzige Nahrungsmittel in den vergangenen Monaten in die Schlagzeilen gerückt ist, nachdem wieder einmal der Amtsschimmel gewiehert hatte. Die Käsespezialität gilt behördlicherseits fortan als ein Produkt mit geschützter geografischer Angabe und unterliegt deshalb strengen Vorschriften.

Der Obazde darf nur noch dann unter diesem Namen verkauft werden, wenn er nach einer bestimmten Rezeptur hergestellt wurde. Dieser Eingriff der Obrigkeit in die Konsistenz des Obazdn hat mehrere Leser geärgert, etwa Herbert Blum, der unter anderem eine "diktatorische Rezeptur der Milchindustrie" beklagt. Auch die Wirte haben die Neuerung nur kopfschüttelnd akzeptiert, zumal sie sich künftig, sofern sie einen Obazdn verkaufen, einer kostenpflichtigen Kontrolle unterziehen müssen.

Ärger um den Obazdn

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Obwohl über diese Gemengelage in den Medien lang und breit berichtet wurde, ist das Thema offensichtlich weder von der Rezeptur noch von der Wortgeschichte her erschöpfend behandelt worden. Was die Herkunft des Obazdn betrifft, so ist zumindest gesichert, dass die Wirtin Katharina Eisenreich in den Zwanzigerjahren Camembert und Brie vermengte und dieses Gemisch mit großem Erfolg in ihrem Freisinger Bräustüberl feilbot. Darüber hinaus ist jedoch vieles ungeklärt, das zeigen jedenfalls die Reaktionen verschiedener SZ-Leser, die kraft ihrer Argumentation als Obazder-Experten auf jeden Fall ernst genommen werden müssen.

Auslöser der Debatte in der SZ war neben der Berichterstattung ein sich darauf beziehender Brief von Norbert Hobmeier, der die gängige und auch von der SZ verwendete Übersetzung des Wortes Obazder mit dem Begriff Angepatzter in Zweifel zog. Hobmeier wies darauf hin, dass das Obazn nur mit offenem o richtig ausgesprochen werde und nicht mit dem geschlossenen o. Der "Obatzte" heiße deshalb nicht "Angepatzter", sondern "Abgepatzter". Das erklärt sich laut Hobmeier schon aus der Vermengung von Butter und Camembert sowie Zwiebeln und einer Prise Paprikapulver mit einem Schuss Bier in einer Schüssel zu einer streichfertigen Masse. Pastenähnliche Lebensmittel wie der Obazde lassen sich abpatzen, aber nicht anpatzen, argumentiert Hobmeier.

Kaspar Apfelböck und Marcus Maximilian Muhr wiederum verwerfen Hobmeiers These. Der "Obatzde" ist gewiss kein "Abgepatzter", sondern ein "Angepatzter", schreibt Apfelböck. Das o stehe nämlich für die Vorsilbe "an", gesprochen mit einem dunklen nasalen a, gleich dem französischen "an" in grand. Und es stehe nicht für die Vorsilbe "ab", deren bairische Entsprechung ein ähnlicher, aber zum offenen o tendierender Vokal ist, der aber keinesfalls nasal gesprochen wird.

Als Beispiel nennt Apfelböck den Unterschied zwischen an-brocha (die Tafel Schokolade) und o-brocha, manchmal auch deutlicher abbrocha (das baufällige Haus). Der Obazde ist demnach sehr wohl ein "Angepatzter", vorn gesprochen mit dem nasalen a und in der zweiten Silbe mit einem hellen a. Statt des Buchstabens o, der einen nicht nasalen Vokal bedeutet, sollte man daher die Vorsilbe "an" ausschreiben, um so die nasale Aussprache wie im Französischen anzudeuten, schlägt Apfelböck vor.

Marcus Maximilian Muhr schreibt, Hobmeier sei mit seiner Interpretation des Obazdn "ein Opfer der zahlreichen untauglichen Versuche, die vielen bairischen Vokale ausschließlich mit den in der deutschen Sprache zur Verfügung stehenden acht Vokalzeichen (a e i o u ä ö ü) wiedergeben zu wollen und auf Sonderzeichen zu verzichten, was zwangsläufig zu Fehlinterpretationen führt". Im vorliegenden Fall handle es sich zum einen um einen Anfangsvokal, bei dem es sich ganz klar um ein geschlossenes nasales o (õ) handelt, und zum anderen um ein "a", das einmal an dunkles a (a) ist und im anderen Fall ein helles a (à) ist.

Für Muhr ist der Ursprung des "õpàtztn" das bereits bei Schmeller (Band 1/1, Sp. 314) belegte Wort "pàtzn" (bei ihm "bätzen" geschrieben), das so viel wie "in etwas Schmierigem herumlangen, herumgreifen" heißt. An dieses Verb wurde laut Muhr die betonte Vorsilbe "õ" gesetzt, die dem deutschen "an" entspricht, um aus dem auf das reine Tun beschränkten "pàtzn" ein zielgerichtetes Verb zu machen. Gerade im kulinarischen Bereich komme das häufig vor, um spezielle Küchenvorgänge zu beschreiben, wie man sie etwa in den Wörtern "anbraten, anmachen, anrichten" (bairisch: õprån, õmachà, õrichtn) auch im Deutschen vorfindet. Das Ergebnis des Vorgangs "õpàtzn" sei der "õpàtzte" (Partizip Perfekt von "õpàtzn"), ein Wort, das zwar wie ein Substantiv verwendet werde, als Partizip jedoch wie ein Adjektiv zu deklinieren sei, weshalb viele, die des Bairischen nicht mächtig sind, im Biergarten Sätze produzierten wie "Ich hätte gerne einen Opatzta".

Das Wort "õpatzn" (mit dunklem a) hat laut Muhr direkt nichts mit "õpàtzn" (mit hellem a) zu tun, weil es eine Ableitung von "patzn" ist, das so viel wie "schlagen, mit den Fingern berühren, antatschen" heiße und auch mit dem deutschen Wort Patzer (Fleck, Fehler) verwandt sei - weil "mit den Fingern berühren" nicht nur in früheren Zeiten, in denen man sich nicht so oft die Hände gewaschen hat, auch beschmutzen heiße. "So wird eine Speise, die jemand bereits berührt hat, oft nicht mehr als appetitanregend empfunden, ein õpàtztar, den noch keiner õpatzt hat, hingegen schon.

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