Von Christine Burtscheidt

Um das DDR-Wissen deutscher Schüler, die nach dem Fall der Mauer geboren wurden, ist es nicht gut bestellt. Das Wissen ist von Bundesland zu Bundesland verschieden: So sind Bayerns Hauptschüler über das SED-Regime besser informiert als Gymnasiasten aus Brandenburg.

Bayerns Schüler sind über die Geschichte der DDR besser informiert als Gleichaltrige in Ostdeutschland. Der Vorsprung ist sogar so groß, dass bayerische Hauptschüler über einen größeren Kenntnisstand verfügen als Gymnasiasten in Brandenburg. Gerade Hauptschüler sympathisieren dabei auch mit dem DDR-Prinzip eines lenkenden Staates. Das geht aus einer Studie der Freien Universität Berlin hervor.

Die DDR ist für deutsche Jugendliche, die nach dem Mauerfall geboren wurden, ein weithin unbekanntes Land. (© Foto: AP)

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Die DDR ist für deutsche Jugendliche, die nach dem Mauerfall geboren wurden, ein weithin unbekanntes Land. Die meisten beziehen ihre geringen Kenntnisse aus Erzählungen, Filmen, Büchern oder dem Schulunterricht. Für Schüler im Freistaat ist er nahezu die einzige Quelle. Wie aus der Untersuchung, der vierten Teilstudie des SED-Forschungsverbands der FU Berlin, hervorgeht, waren die meisten von ihnen bis zum heutigen Tag nicht einmal in Berlin.

Dennoch sind sie am besten informiert. 20 Prozent verfügen über ein "sehr hohes oder hohes Wissen" - in NRW sind es neun, in Brandenburg nur sieben. Das fängt schon beim Mauerbau an. Die Bayern können häufiger sagen, wann und von wem sie errichtet wurde. Der Grund ist: Die DDR kommt hier als Thema im Stundenplan häufiger vor als in anderen Ländern. "Von allen Schülern wissen die bayerischen am meisten und sehen die DDR am kritischsten", sagt Studienmacher Klaus Schroeder.

Mit seinem Team hat Schroeder 5000 Schüler über ihr Bild der ehemaligen DDR befragt. Vier Bundesländer nahmen teil: Berlin, Brandenburg, Nordrhein-Westfalen und zuletzt Bayern. Die Erhebung finanzierte die Landeszentrale für Politische Bildung mit. Im Freistaat wurden 1231 Schüler in den zehnten und elften Jahrgangsstufen befragt. Sie ordneten sich politisch mehrheitlich der Mitte zu, was heißt: Die meisten, 30 Prozent, würden die CSU wählen. SPD und Grüne kamen je auf 20 Prozent. Das linke und rechte Lager war kaum vertreten. Allerdings fiel auf, dass sich in Nordbayern jeder fünfte Schüler mit rechten Positionen identifizieren konnte.

Bayerische Jugendliche lehnen im Gegensatz zu Schülern in Ost-Berlin und Brandenburg das ehemalige SED-Regime ab. Die Skepsis steigt proportional zum Wissen. Die Mehrheit der 16-Jährigen steht zum demokratischen System der Bundesrepublik, vor allem wegen der Reisemöglichkeiten, des Wohlstands und der Pressefreiheit.

SED-Regime schneidet durchgehend schlecht ab

Auch die Kinderbetreuung und die Schulbildung halten sie zu 80 Prozent im Westen für besser. Positiv sehen sie lediglich, dass das Schulsystem in der DDR durchlässiger gewesen sei und allein Leistung den Bildungserfolg garantiert habe - womit sie, so Schroeder, einem Vorurteil aufsäßen.

Politisch schneidet das SED-Regime durchgehend schlecht ab. Im Gegensatz zu Schülern in Ost-Berlin und NRW hat eine große Mehrheit von 72 Prozent keinen Zweifel daran, dass der SED-Staat eine Diktatur war. 90 Prozent bezeichneten Vorfälle an der Mauer, die zum Tode von mehr als 1000 Menschen führten, als Verbrechen.

Allerdings herrscht auch in Bayerns Klassenzimmern Verunsicherung über die Rolle der SED. Ebenso konnte nur ein Drittel der Schüler sagen, dass die DDR nicht durch freie Wahlen legitimiert war. Generell hatte ein größerer Teil der Befragten keinerlei Ahnung vom Zusammenhang zwischen Demokratie und freien Wahlen. In der Gruppe stachen Haupt- und Realschüler vor allem hervor. Ein Drittel von ihnen war auch der Ansicht, dass die Stasi ein normaler Geheimdienst gewesen sei.

Besonders Hauptschüler können der DDR Positives abgewinnen. Sie punktet durch niedrigere Mieten, eine intensivere Sportförderung oder auch den sicheren Job. 40 Prozent der befragten Hauptschüler in Bayern sympathisieren zudem mit der Idee einer "umfassenden staatlichen Planung und Lenkung der Wirtschaft". 30 Prozent würden für eine staatliche Rundumversorgung sogar Individualrechte opfern. Schroeder führt die "Sehnsucht nach dem sozial starken Staat" auf "eigene Zukunftsängste" zurück.

In das Bild fügt sich auch, dass Haupt- und Realschüler den geringen Ausländeranteil der DDR begrüßen. Jeder fünfte steht zudem der Wiedervereinigung skeptisch gegenüber. Insgesamt sagten 40 Prozent der Befragten, der Osten könnte dem Westen dankbarer für die finanziellen Hilfen sein.

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(SZ vom 25.01.2008)