Von Olaf Przybilla

Die politische Flexibilität des Nürnberger CSU-Chefs ist beeindruckend. Vor einem Jahr hat er mit Seehofer noch kaum ein Wort gewechselt. Jetzt setzt er sich als Steigbügelhalter in Szene.

Auf dem Würzburger CSU-Parteitag im November2007 konnte man eine kuriose Begegnung beobachten. Auf einem schummrigen Hallengang liefen sich Markus Söder und Horst Seehofer über den Weg, offenkundig zufällig und ohne Gefolge.

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Als Nürnberger CSU-Chef hat sich Markus Söder für für Horst Seehofer als künftigen Ministerpräsidenten stark gemacht. (© Foto: Seyboldtpress)

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Beiden fiel es sichtlich schwer, auch nur ein paar harmlose Worte miteinander zu wechseln. Seehofer, das war für Söder der notorische Quertreiber, der sich grundsätzlich nicht an die Parteilinie halten wollte.

Auf der anderen Seite galt Söder vielen als der Mann, der Seehofers außereheliche Affäre öffentlich lanciert hatte - eine Verdächtigung, die sich nie beweisen ließ, aber ebenso wenig aus der Welt zu schaffen war. Die beiden hatten sich monatelang auf das heftigste bekämpft, auf allen Ebenen.

Es dürfte in der CSU kaum eine größere Kluft gegeben haben als jene zwischen Söder und Seehofer, berichtet ein einflussreiches Mitglied der Nürnberger CSU. "Die beiden galten als Intimfeinde." Nicht einmal ein Jahr später ist davon nichts mehr zu spüren. Im Gegenteil: Söder konnte sich soeben als Steigbügelhalter Seehofers in Franken in Szene setzen.

Ein Votum für den Mittelfranken Joachim Herrmann als künftigen Ministerpräsidenten war ausgerechnet aus Nürnberg nicht zu hören. Aus "terminlichen Gründen" sei der Vorstand des CSU-Bezirksverbandes Nürnberg-Fürth-Schwabach nach dem angekündigten Rücktritt Becksteins nicht mehr zusammengetreten, erklärt Söder. Stattdessen galt öffentlich das Wort des Nürnberger CSU-Vorsitzenden. Der heißt seit vier Monaten Söder - und ließ unverblümt durchblicken, dass er keinen anderen als Seehofer unterstützt.

Atemberaubender Wandel

In Söders Bezirksverband reiben sich nun einige fassungslos die Augen. Natürlich, sagt ein politischer Wegbegleiter, habe man Söders politische Metamorphosen zur Genüge kennenlernen dürfen in der Vergangenheit.

Geradezu "faszinierend" sei es zuletzt gewesen, wie Söder sich binnen weniger Wochen vom politischen Wadlbeißer zum Chefdiplomaten im Rang eines Staatsministers gewandelt habe. Die Kehrtwende in Sachen Seehofer jedoch, das sei "einfach atemberaubend".

Schwer zu ergründen ist Söders Wendemanöver indes nicht. Nach dem CSU-Wahldebakel warb Söder zunächst für den angeschlagenen Beckstein. In fünf Jahren, so sein Kalkül, würde ohnehin alles auf Söder als Regierungschef zulaufen. Nach Becksteins Rückzug baten dann mittelfränkische CSU-Leute die Nürnberger um nachbarschaftliche Unterstützung für Joachim Herrmann. Dessen Heimatstadt Erlangen liegt schließlich nur 15 Kilometer weit entfernt von Nürnberg.

Doch die Hilfe blieb aus. Zwar hatte sich Nürnbergs CSU noch vor einem Jahr mit 95 Prozent gegen Seehofer als Parteichef ausgesprochen. Wäre aber Herrmann Ministerpräsident geworden - so hätte der 41Jahre alte Söder seinen Traum begraben müssen, irgendwann selbst Regierungschef zu werden.

Drei Ministerpräsidenten aus Franken hintereinander - das hätte die altbayerisch dominierte CSU niemals zugelassen, das weiß auch Söder.

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(SZ vom 08.10.2008)