CSU-Vorstand läuft zu Grünen über Verkehrte Welt im Bayerischen Wald

In Bayern läuft ein ganzer Ortsvorstand der CSU zu den Grünen über: wegen des Atomausstiegs, aber auch wegen des fragwürdigen Bürgermeisters. Eine Politposse aus der Provinz - in der sich die große Politik widerspiegelt.

Von Frederik Obermaier und Christian Sebald

Die CSU ist in der Krise, das steht fest für Gaby Englmeier. Um die Krise zu erklären, müsse man nur in ihre Heimat schauen, in das 2000-Einwohner-Dorf Ruhmannsfelden im Bayerischen Wald. Den Bürgermeister Josef Brunner nennt Englmeier nur "Plagiatus", er sei wie Guttenberg - "nur schlimmer". Seine Partei ist die CSU, um die 50 Mitglieder hatte sie in Ruhmannsfelden und Gaby Englmeier war die Ortschefin. Doch auch im ehemals christsozialen Stammland Niederbayern kommen der CSU die Mitglieder abhanden. Und nun ist gar das Unerhörte passiert: Der ganze Ruhmannsfelder Ortsvorstand der CSU verlässt die CSU und will die erste grüne Ortsgruppe im Bayerischen Wald gründen.

Als Grund nennen die Abtrünnigen den Guttenberg von Ruhmannsfelden: Bürgermeister Brunner. 2009 hatte das Amtsgericht Viechtach den gelernten Bautechniker verurteilt, weil er sich Diplom-Ingenieur nannte, ohne studiert zu haben. Als Diplomarbeit soll er in weiten Teilen ein Gutachten vorgelegt haben, das ein anderen Planer im Auftrag der Gemeinde erstellt hatte. Als Brunner dann im April zum CSU-Ortschef gewählt wurde, hatte CSU-Frau Gaby Englmeier genug. Eigentlich sollte ihr Sohn Tobias, ein treues JU-Mitglied, sie in dem Amt als Ortschef beerben. Gewählt wurde Brunner. Mit beinahe dem gesamten Ex-Vorstand trat Englmeier aus der Partei aus.

Eine Politposse in der Provinz möchte man meinen. Doch die Beauty-Salon-Besitzerin Englmeier sieht darin große Politik: "Die CSU macht keine ehrliche Politik mehr." Als Frau sei sie in "dem Männerverein" ohne Chance, sagt die 44-Jährige. Und dann der ständige Meinungswechsel in Sachen Atomausstieg. "Das machen die nur, weil Wahlen anstehen, im Herzen will die CSU das nicht."

Der ehemalige CSU-Chef und personifizierte Niederbayer Erwin Huber sieht schon eine Zeitenwende. "Vor zehn Jahren war sowas undenkbar", sagt er. "Aber die Grünen haben eine solche Normalisierung hinter sich, dass solche Wechsel möglich sind - auch wenn sie seltene Ausnahmen sind und bleiben."

Bei der Ruhmannsfelder CSU sieht man das anders: Nichts als Zwietracht habe geherrscht, sagt Herbert Brem, der Vizechef der Ruhmannsfelder CSU, ein jeder habe nach Englmeiers Pfeife tanzen sollen. Nicht nur im Ortsverband, auch im Gemeinderat. Immer wieder habe Englmeier die Arbeit ihrer Parteifreunde torpediert - ob es um die Verlegung der Bundesstraße ging oder das neue Feuerwehrauto. "Das wollte keiner mehr mitmachen", sagt Brem. Deshalb habe man den Ortsvorstand komplett neu gewählt und Bürgermeister Brunner als Übergangschef an die Spitze gesetzt. Das mit dem "Diplom-Ingenieur" hängen sie nicht so hoch in Ruhmannsfelden. "Unser Bürgermeister ist halt ein sehr ehrgeiziger", sagen sie. Der Bürgermeister selbst spricht mittlerweile von einer "Dummheit", die er da begangen habe.

Helmut Brunner, der Agrarminister und örtliche CSU-Kreischef, will den Zwist von Ruhmannsfelden nur als lokalpolitische Posse sehen. "Das kommt immer mal wieder vor, dass in einem Ortsverband zwei Gruppen um die Macht rangeln", sagt Minister Brunner, der mit dem umstrittenen Bürgermeister Brunner weitläufig verwandt ist. Dass Englmeier und ihre Getreuen zu den Grünen wechseln, will Brunner ebenfalls nicht zu hoch hängen: "Das klingt spektakulärer, als es ist."

Wie auch immer, ein Einzelfall ist es nicht. Erst kürzlich hat Thomas Müller, der Bürgermeister von Bayrisch-Eisenstein, nach 20 Jahren die CSU verlassen und ist den Grünen beigetreten. "Ich war immer ein grüner Schwarzer", sagt er. "Jetzt bin ich ein schwarzer Grüner." Außerdem ist Müller nun Grünen-Kreischef im Bayerischen Wald und freut sich sehr über den Zuwachs in Ruhmannsfelden. "Die neue Ortsgruppe ist ein Signal weit über den Ort hinaus." Beim Grünen-Landeschef Dieter Janecek ist es schon angekommen. Janecek will demnächst bei der Neu-Grünen Englmeier vorbeischauen.