Dafür ließ Theo Waigel seiner Entrüstung freien Lauf. "Man darf die Integrität von Parteifreunden nicht öffentlich infrage stellen", polterte der Ehrenvorsitzende auf der letzten Vorstandssitzung in Richtung Seehofer, "Sie muss gewährleistet sein. Sonst zerreißt das die CSU."

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Der frühere Bundesfinanzminister weiß, wovon er spricht: 1993 stellte das Stoiber-Lager die Integrität des Schwaben in Frage, als es um die Neubesetzung des Postens des Ministerpräsidenten ging.

Da wurde in der Presse lanciert, dass der damals noch mit seiner ersten Frau verheiratete Waigel eine andere Beziehung habe - zu seiner heutigen Gattin Irene. Das Ergebnis: Die CSU kürte nicht den Parteichef Waigel, sondern Innenminister Stoiber zum Landesvater.

Dass nun ausgerechnet Waigel wortgewaltig das Personal seines großen Rivalen in Schutz nehme, zeige den Ernst der Lage, betont ein namhafter Christsozialer, der anonym bleiben will.

Waigels harsche Kritik im Vorstand hat sich Seehofer postwendend verbeten. Allerdings dürfte der zornige Widerspruch coram publico dem "großen Vorsitzenden" zu denken gegeben haben.

In den Reihen der Parteifunktionäre wird auf jeden Fall registriert, dass Seehofers Generalsekretär Alexander Dobrindt an diesem Dienstag im Münchner Merkur gleich zweimal erwähnt, dass es der CSU-Führung nicht um "Schuldzuweisungen" gehe.

Dobrindt spricht nun nur noch vom "Zur-Verantwortung-Ziehen in der Finanzbranche" und wettert gegen New Yorker Spekulanten und Banker-Boni - von bayerischen Politikern ist nicht mehr die Rede.

Distanzierung von der Ära Stoiber

Ein Christsozialer, der stets nahe beim "Edmund" war, vermutet, dass Seehofer zwischenzeitlich mit dem Gedanken spielte, eine "altneue CSU" begründen zu wollen. Grundlage wäre eine Distanzierung von der Ära Stoiber, so wie die SPD mit der Hinterlassenschaft der Kanzler-Jahre Gerhard Schröders ringt.

"Das würde nicht funktionieren", sagt der erfahrene Konservative. "Wenn man ein Erbe antritt, kann man nicht nur die Werte nehmen und die Schulden liegen lassen."

Wenn man sich in diesen Tagen mit CSU-Mitgliedern, mit Abgeordneten und Veteranen unterhält, ist oft von der Sehnsucht nach Harmonie und Geschlossenheit zu hören. Nach dem "Seuchenjahr" 2008, will man das kaum bessere 2009 abschließen.

Bloß kein neuer Krach, auch keine Personaldiskussion. Es ist eine Stimmung, die Seehofer schützt. "Sich gegen den Horst auflehnen?", fragt einer und winkt ab: "Da hat doch keiner die Kraft dazu."

Ob die harmonischen Töne in der CSU auch noch über die Jahreswende hinaus reichen, könnte maßgeblich von der BR-Umfrage abhängen, die am 13. Januar veröffentlicht wird. Falls die Partei, die bei der Landtagswahl 2003 noch mehr als 60 Prozent der Stimmen erhielt, nicht die 40-Prozent-Marke erreichen sollte, dürfte es Seehofer recht heiß werden im verschneiten Kreuth.

In der Landtagsfraktion rechnet man mit dem Schlimmsten: "Jeder, der draußen unterwegs ist und sich mit den Leuten unterhält, weiß, was Sache ist", orakelt ein CSU-Parlamentarier. "Derzeit fühlt es sich nach 30 plus X an."

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  1. "Gefühlt: 30 plus X"
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(sueddeutsche.de/mati/aho)