Zu viel Wahlerfolg 2003, eine falsche Raucherpolitik, Verrat durch die CDU: Wilfried Scharnagl, graue Eminenz der CSU, rechnet ab.
Er ist der große, alte Mann der CSU aus der Ära des Franz Josef Strauß - und am Abend des Desasters zeigt Wilfried Scharnagl, was der Noch-Parteichef Erwin Huber nicht kann. Er spricht in der ARD-Talkshow "Anne Will" süffig-herablassend ("gnädige Frau" zu Andrea Nahles) wie weiland der selige Strauß. Vor allem: pointiert und selbstbewusst.
Bild vergrößern
Da lachten sie noch: CSU-Chef Erwin Huber (re.) und Wilfried Scharnagl am 12. September bei der Vorstellung einer Strauß-Biographie (© Foto: ddp)
Anzeige
Anders als das sichtlich angeschlagene Führungs-Duo Beckstein/Huber eiert Scharnagl keinen Deut. Die graue Eminenz der Christsozialen poltert unverdrossen - auch gegen Fehler seiner eigenen Partei.
Das Unglück habe vor fünf Jahren begonnen, hebt Scharnagl an, damals, als man einen viel zu hohen Sieg eingefahren habe, der eine "abstruse Zwei-Drittel-Mehrheit" zur Folge gehabt habe. Die Niederlage will der langjährige Chefredakteur der Partei-Postille Bayernkurier nicht alleine Beckstein und Huber anlasten.
Den Namen des wahren Schuldigen nennt er kein einziges Mal, aber es ist klar, wer gemeint ist: Edmund Stoiber, der Mann, der mit dem Strauß-Amigo-Erbe einst so rigoros aufgeräumt hatte.
Dann zählt Scharnagl, das assoziierte Mitglied des CSU-Vorstands, Fehler auf Fehler auf: Über die "besonders abstruse Raucherpolitik" knarzt er besonders, aber auch über die G8-Erfindung (verkürzte Schulausbildung) der Stoiberianer sowie über die "massive Nicht-Unsterstützung" der Schwesterpartei CDU.
Schäumen über das "Schurkenstück"
Groll hat Scharnagl auf den hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch. Der CDU-Vize hat zusammen mit dem sozialdemokratischen Bundesfinanzminister Peer Steinbrück gegen die Wiedereinführung der Pendlerpauschale agitiert - in Form eines gemeinsamen Artikels in der Süddeutschen Zeitung.
Die Wiedereinführung der mit CSU-Zustimmung abgeschafften Kilometerpauschale sollte im Flächenland Bayern der CSU Stimmen sichern. Dementsprechend schäumt nun Scharnagl: Der Koch/Steinbrück-Artikel sei ein "Bubenstück" gewesen, das zum "Schurkenstück" geworden sei.
Den bei "Anne Will" auch anwesenden Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg Günther Oettinger - auch ein Pendlerpauschalen-Gegner - hingegen schont Scharnagl.
Stattdessen blickt der CSU-Stratege in die Zukunft: "Nach der Wahl ist vor der Wahl", sagt er und das sei der Urnengang für das Europa-Parlament - "eine dramatische Wahl" für die CSU. Da müsse sich die Partei, die stets für das "Ja, aber" in der EU stand, etwas einfallen lassen müssen.
Nachdem der Strauß-Vertraute Scharnagl noch zu Bedenken gegeben hat, dass die Union es nicht schaffe, das "gewaltige Ansehen" der Bundeskanzlerin in Prozentpunkte umzumünzen, erklärt er unumwunden: Eine "gewaltige Kraftanstrengung" sei vonnöten, damit sich seine "schwächelnde" CSU aufrappelt. Ja, es sei wahr, die Partei schwächele derzeit.
Moderatorin Anne Will versuchte immer wieder, dem erfahrenen Kämpen etwas zur Nachfolge-Diskussion in der CSU zu entlocken, die hinter den Kulissem in vollem Gang ist, doch Scharnagl blockte. Er werde in Berlin um "drei viertel fünf aufstehen", um zurück nach München zur Sitzung des Parteivorstandes zu fliegen.
Das große Meucheln findet nicht statt, behauptet Scharnagl: "Es wird zu keiner Revolution kommen." Edmund Stoiber ist ja bereits weg.
- Wahldesaster für die CSU Zwei Männer, ein Fall 29.09.2008
- Landtagswahl: Debakel für die CSU Fassungsloses Entsetzen 29.09.2008
- Interview mit Alf Mintzel "Der Nimbus ist weg" 28.09.2008
- Ticker-Nachlese Herbst, Hagel, CSU 29.09.2008
- Änderungen in der Schulpolitik Die Schüler haben die Wahl 28.04.2010
- Parteitag der Linken Gysis Machtwort 18.04.2010
- Reisen in Deutschland Servus, Watzmann! 09.04.2010
(sueddeutsche.de/jja)
OB-Kandidatin Nallinger
Die neueste Antwort
Habt's Euch doch nicht so. Der Mann will doch nur sein Buch über Strauß verkaufen. Was ist ihm denn geblieben, nachdem ihm Stoiber den Bayernkurier weggenommen hatte?
Habt doch Verständnis für die Gerontokratie der CSU? In ihren besten Jahren, mußten sie sich als Wasser- und Taschenträger, als Putztruppe vor und hinter Strauß durch die politischen Landschaften schlagen, prügeln und wurzelgeflechten.
Und da wollten sie wenigstens zum 20. Jubiläum des Strauß-Todestages auf seinem Grab tanzen: Wer will es ihnen verdenken, dass sie auf die Jüngeren und Jungen stinkendsauer sind? Die haben ihnen nämlich gestern schlicht die Party versaut!
Die vergraulende Eminenz hat gesprochen. Es hat doch keinen Zweck, den hier in der SZ noch zu versuchen hochzujubeln. Seine Analysen sind wertlos.
Wir kommen nun von der Dämokratie zur Demokratie. Mehr nicht!
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Bitte beachten Sie unsere netiquette und unsere AGB
Paging