CSU-Politiker Manfred Weber Ein Niederbayer von Welt

Aus dem Dorf in die Hauptstadt Europas: Manfred Weber aus Wildenberg im Kreis Kelheim ist das außenpolitische Gesicht der CSU.

(Foto: Sebastian Widmann/Imago)

Manfred Weber hat sich fern der Heimat eine eigene Karriere aufgebaut. Der künftige CSU-Vize ist Angela Merkels Statthalter in Brüssel - und spielt als Chef der Konservativen im Europaparlament bei den Mächtigen mit.

Porträt von Wolfgang Wittl, Brüssel/Wildenberg

Auf die Frage nach seinem politischen Tiefpunkt muss Manfred Weber dann doch lächeln. Natürlich würde ein Berufspolitiker so etwas nicht zugeben, selbst wenn die Antwort auf der Hand läge. Vielleicht hat es aber auch damit zu tun, dass Weber mit solchen Begriffen grundsätzlich wenig anfangen kann. Er denkt in langen Zeiträumen, Politik ist für ihn ständige Entwicklung auf der Basis fester Positionen. Schon gar nicht würde er daher behaupten wollen, dass er im Moment so weit oben ist wie noch nie in seiner langen und doch jungen Laufbahn. Auch wenn das zweifellos so stimmt.

Ein früher Morgen in Brüssel, Manfred Weber, 42, sitzt in seinem Büro. Soeben hat er mit der georgischen Verteidigungsministerin gesprochen, vor der Tür wartet bereits der sächsische Ministerpräsident. Routinebesuche. Immer öfter reisen Politiker aus ganz Europa in die Hauptstadt der Europäischen Union, der Ort, an dem immer häufiger auch über nationale Fragen entschieden wird. Und wer da ist, kommt an Weber nicht mehr vorbei.

Angela Merkels Statthalter in Brüssel

Vor gut einem Jahr wurde der Niederbayer zum Fraktionssprecher der Europäischen Volkspartei (EVP) gewählt, der größten Gruppe im EU-Parlament. Seitdem ist er so etwas wie Angela Merkels Statthalter in Brüssel, mit einer Verantwortung für eine Parteiengemeinschaft aus 28 Ländern. Ausgerechnet einer aus der CSU, jener europakritischen, mitunter populistischen Partei. Weber hat einen Zugang zur Kanzlerin, wie er in der CSU nur Horst Seehofer und vielleicht Landesgruppenchefin Gerda Hasselfeldt vorbehalten ist. Ein Mann, den in Deutschland kaum einer kennt.

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Berichte über Manfred Weber beginnen oft mit seinem Geburtsort Niederhatzkofen, weil das so herrlich provinziell klingt. Tatsächlich wohnt Weber seit jeher in Wildenberg, Kreis Kelheim, ein kleines Dorf in der Hallertau. Auch von dort ist der Weg in die europäische Spitzenpolitik weit. Weber besucht nicht das Gymnasium, er erarbeitet sich seinen Studienabschluss in Physikalischer Technik über Haupt-, Real- und Fachoberschule.

Auch der Einstieg in die Politik stottert zunächst. Bei der Wahl zum JU-Bezirkschef unterliegt er einem Mann, dessen höchstes politisches Amt nun ein Kreistagsmandat im Bayerischen Wald ist. Weber macht weiter, er will mehr. 2003 gewinnt er hauchdünn die Kampfabstimmung um den JU-Landesvorsitz. Er wird Nachfolger eines gewissen Markus Söder, mit dem ihn seitdem ein bestenfalls schwieriges Verhältnis verbindet.

Es ist daher vielleicht kein Zufall, dass Horst Seehofer wochenlang nichts unversucht ließ, Weber als einen seiner Stellvertreter an die Parteispitze zu holen. In der CSU, in der es mehr menschelt als in anderen Parteien, wirkt sich das Mit- und Gegeneinander der Ambitionierten ganz besonders auf die Statik der Partei aus. Auch der Europa-Kurs wird neu geschrieben: Der Gestalter Weber statt des Grummlers Peter Gauweiler? Das sei nicht weniger als eine "politische Kontinentaldrift", sagt EU-Parlamentspräsident Martin Schulz (SPD).

Leicht werde es ihm nicht fallen, für den Vize seinen Bezirksvorsitz in Niederbayern aufzugeben, sagt Weber. Letztlich habe er sich dem Wunsch Seehofers gefügt. Die Partei ist in der Bewertung gespalten: Einige können nicht nachvollziehen, wie Weber seine Machtbasis aufgeben könne. Andere finden, Webers Hausmacht sei so groß, dass er nichts zu befürchten habe. Einigkeit herrscht darin: Weber soll als Partei-Vize das außenpolitische Sprachrohr der CSU werden. Seinen Gestaltungsspielraum dürfte er voll ausschöpfen.

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Für Horst Seehofer, der Politiker vor allem nach Nützlichkeit bewertet, ist Weber so angesagt wie nie. Keine Parteiveranstaltung vergeht, ohne dass er den Niederbayern ausgiebig loben würde. Mit fast kindlicher Freude erzählt Seehofer dann, wie Weber im Haus des britischen Premiers David Cameron Weltpolitik gestalte. Dabei gehörte der CSU-Chef lange selbst zu den großen EU-Skeptikern, aber Geschichten wie mit Cameron beeindrucken ihn.

Vor gut drei Jahren war alles anders. Damals forderte Seehofer eine Volksbefragung über die Rettung des Euro, die CSU-Europagruppe leistete offen Widerstand. Der Streit eskalierte in der Drohung des Parteichefs, er werde die Liste für die Europawahl umbauen. Das könnte so ein Tiefpunkt in Webers Laufbahn gewesen sein. Oder 2009, als er bereits als CSU-Generalsekretär gesetzt gewesen sein soll, ehe sich Seehofer doch für Alexander Dobrindt entschied. Auch beim Donauausbau und Zukunftsrat gerieten Weber und Seehofer aneinander - stets jedoch mit offenem Visier.

Wer Weber auf Details anspricht, landet schnell im Grundsätzlichen. Er wünsche sich wieder mehr inhaltliche Debatten, ein Ringen um Themen und Strategien, zu denen man dann auch stehe. "Das Fehlen von Positionen ist eine Ursache für Politikverdrossenheit", sagt Weber. Er initiiert daher Diskussionsforen wie vor ein paar Wochen in Niederbayern, zu dem neben mehreren CSU-Jungpolitikern auch die Aussteiger Karl-Theodor zu Guttenberg und Georg Fahrenschon gekommen waren. Das Getuschel in der Partei war nicht zu überhören. Weber beteuert bis heute, dass es nur um Inhalte gegangen sei.

Gegen den Trend zu agieren, das ist keine Seltenheit bei Manfred Weber. Beim politischen Aschermittwoch setzt er Peter Gauweilers Wutrede schon mal ein Plädoyer für Europa entgegen. Oder er trägt seine Worte im Referatstil vor, anstatt wie andere von der Bühne zu plärren. Wenn es im Publikum dann mucksmäuschenstill ist, empfindet er das als Belohnung.

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Am schwersten nachzuvollziehen war für Parteifreunde wohl seine Entscheidung vor zehn Jahren, nach Brüssel zu gehen: Weber war JU-Landeschef, saß im Landtag, das Ministeramt schien eine Frage der Zeit zu sein. Er aber wählte den Weg nach Europa, das bis dahin als Austragsstüberl für abgehalfterte CSU-Leute galt. Ein Risiko. Doch seine Überzeugung lautet seit jeher: "Europa ist der Top-Entscheidungslevel." Dieser Linie blieb er treu. Und baute sich fern der Heimat eine eigene Karriere auf.

Als die CSU bei den Europawahlen im vergangenen Jahr mit einem EU-feindlichen Kurs auf 40,5 Prozent abstürzte, bekam Weber exakt zehn Prozentpunkte mehr. Die EU mit dem Krümmungsgrad von Gurken zu verspotten, dieses Rezept funktionierte nicht mehr. Griechenland, Ukraine, TTIP, Flüchtlingspolitik: In Brüssel, sagt Weber, werden die großen Herausforderungen behandelt. Und bloß mit Sprüchen erreiche man hier wenig. Seine größte Extravaganz besteht wohl darin, dass seine Initialen in sein Hemd gestickt sind.

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Es ist Donnerstagmittag, die Griechenlandkrise beherrscht die Nachrichten. Weber sitzt mit Staats- und Regierungschefs am Tisch, Merkel ist gekommen, der Spanier Rajoy, EU-Kommissionspräsident Juncker und andere. Wieder geht nichts voran, wieder werden Fristen verschoben. Ein sehr belastbarer Verhandlungspartner sei Weber, sagen Gesprächspartner, verlässlich, vorsichtig und mutig zugleich. Seine Zurückhaltung solle nicht mit mangelnder Zielstrebigkeit verwechselt werden.

Welche Rolle Manfred Weber einmal für die CSU oder in Bayern spielen könne, diese Frage mutet in Brüssel eher seltsam an. Stellvertretender Chef einer deutschen Regierungspartei und Vorsitzender der größten Fraktion im Europaparlament, sagt der SPD-Mann Schulz: "Wann hatte die CSU zuletzt so eine internationale Figur?"