Von Michael König, Deggendorf

Edmund Stoiber wirbt auf dem CSU-Parteitag um mehr Einfluss im Wahlkampf. Mit einer konfusen, aber kämpferischen Rede fordert er Horst Seehofer heraus.

Die schönste Liebeserklärung an die Partei findet nicht auf großer Bühne statt. Sondern im Vorraum, zwischen Garderobe, Leberkäs-Stand und Toilette. Dort steht Edmund Stoiber, 67, und gibt ein Interview. "Die CSU ist mein Leben", sagt er. Und: "Ich helfe gerne mit. Ich könnte noch viel mehr machen. Aber ich stehe eben nicht mehr auf, sondern neben dem Spielfeld."

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Noch immer ein zentraler Mann bei den Christsozialen: Edmund Stoiber. (© Foto: ddp)

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Wäre die CSU eine Fußballmannschaft, Stoiber wäre der Libero. Ein zentraler Mann, das schon. Aber auf einer Position, die in modernen Spielsystemen nicht mehr vorgesehen ist. Beim Parteitag im vergangenen Oktober in München war er ausgebuht worden, weil man ihm die Hauptschuld an der historischen Niederlage bei der Landtagswahl 2008 gegeben hatte. Wie sehr ihn das getroffen hatte, konnte man seinem Gesicht damals deutlich ansehen.

An diesem Samstag strahlt Stoiber, denn obwohl er nur noch Ehrenvorsitzender ist, hat er es allen gezeigt. Als er nach einer 30-minütigen Rede von der Bühne des CSU-Parteitages im niederbayerischen Deggendorf tritt, ist seine Stirn mit Schweißperlen übersät. Der Nacken ist klitschnass. Der Beifall der Parteifreunde ist ihm diesmal sicher. Damit legt er die Messlatte für den Ministerpräsidenten und CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer, der nach ihm die Bühne betreten wird, ein Stück höher.

Eine konfuse Rede

Seehofer hatte Stoiber um ein "Impulsreferat" über die Arbeit der "Hochrangigen Gruppe zum Bürokratieabbau" gebeten, deren Leiter Stoiber ist. Es ist das Gnadenbrot, das er bekam, nachdem ihn die CSU 2007 zum Rücktritt gedrängt und das glücklose Duo Günther Beckstein und Erwin Huber als Nachfolger bestimmt hatte.

Was Seehofer zu hören bekommt, ist eine etwas konfuse Rede. Immer wieder bricht Stoiber mitten im Satz ab, beginnt den nächsten. In dieser Hinsicht hat sich beim früheren CSU-Chef nicht viel geändert. Und noch etwas ist gleich geblieben: Der Chef-Entbürokratisierer hält sich nicht lange mit Bürokratie auf. Die Ergebnisse seiner Gruppe lässt Stoiber auf einem zweiseitigen Papier aushändigen. Er widmet sich lieber den großen Zusammenhängen. Das ist sein Spielfeld.

Den Job bei der EU habe er "auf besondere Bitte des Kommissionspräsidenten Barroso" übernommen, berichtet Stoiber. "Auch Angela Merkel hat großes Interesse daran." Es folgt ein Abstecher in die Tagespolitik: Stoiber geißelt Bundesfinanzminister Peer Steinbrück, der im Streit um die "Steueroasen" Luxemburg und die Schweiz mit Burkina Faso auf eine Stufe gestellt hatte: "Das geht nicht, das vergiftet das politische Klima!"

Dann wieder Europa: Stoiber blickt nach Irland und zeigt sich erfreut, dass sich die Stimmung dort offenbar zugunsten des Lissabonner Vertrags verändert hat. Er spricht sich gegen einen EU-Beitritt der Türkei aus: "Viel Vergnügen dabei, gemeinsam mit der Türkei von China die Einhaltung der Menschenrechte einzufordern!"

Bayern für Europa

Bei der Europawahl sei zu beachten, dass die Kandidaten der anderen Parteien "in der Regel nicht aus Bayern kommen." Stoiber führt aus: "Wenn Sie ihr Kreuz bei der SPD machen, wählen Sie womöglich jemanden aus Nordrhein-Westfalen." Es klingt, als sei das eine ansteckende Krankheit. Reinhard Bütikofer von den Grünen, Silvana Koch-Mehrin von der FDP - das seien alles keine Bayern, betont Stoiber.

Der CSU-Ehrenvorsitzende kommt später auch noch auf Gerhard Schröder, Joschka Fischer sowie Helmut Kohl zu sprechen - er betreibt phasenweise pures Namedropping, von einem roten Faden keine Spur. Was Stoiber wichtiger gewesen sein dürfte: Die Rede kommt an.

Statt Buhrufen gibt es diesmal Applaus. Erst zögerlich, dann immer stärker. Zum Schluss sind gar vereinzelte Bravo-Rufe zu hören. Stoiber ist jetzt vollkommen in seinem Element, er wippt auf den Zehenspitzen und packt seine Schlusspointe aus, die er regelrecht ins Mikrofon schmettert: "Und jetzt kommt eine feurige Rede von Horst Seehofer, die uns alle von den Sitzen reißen wird!"

Das ist eine kleine Gemeinheit, denn Europa gehört nicht gerade zu Seehofers Lieblingsthemen. Tatsächlich wählt der Parteichef eher leise Töne, bedankt sich artig bei seinen Vorrednern und spricht sich dafür aus, den ebenfalls anwesenden ehemaligen Finanzminister Theo Waigel zum CSU-Ehrenvorsitzenden zu wählen.

Es folgt eine lange, sachliche Rede, die mehr nach Bundestags- als nach Europawahlkampf klingt. Und in deren Verlauf die Fotografen am Bühnenrand verzweifeln, weil Seehofer zwar viel sagt, sich dabei aber wenig bewegt.

Als er schließlich zum Ende kommt, erheben sich die Delegierten eher gemächlich von ihren Sitzen. Stoiber streicht seine Krawatte glatt. Seine Nackenhaare sind noch immer feucht.

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(sueddeutsche.de/bica/vw)