CSU: Karl-Theodor zu Guttenberg Der größtmögliche Gewinn

Guttenberg wird wohl Verteidigungsminister bleiben. Zumindest vorerst. Alle in der CSU profitieren davon - am stärksten Partei-Chef Seehofer. Denn der Baron ist gedämpft, aber nicht glanzlos.

Eine Analyse von Annette Ramelsberger

Der Baron wird dem Land erhalten bleiben - auch weil die Basis ihre Lichtgestalt ohne Rücksicht auf die Hinweise für Karl-Theodor zu Guttenbergs wissenschaftlichen Betrug weiter anbeten will. All die CSU-Kreisvorsitzenden und Landräte und Landtagsabgeordneten (siehe Umfrage oben) wollen nicht sehen, was sie schwarz auf weiß vor Augen haben. Dass Guttenberg in großem Umfang abgeschrieben und geschummelt hat, um sich mit einer Würde zu schmücken, die er nicht verdient hat: dem Doktortitel.

CSU-Parteitag Bayerns Ministerpraesident Horst Seehofer (CSU, l.) und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU), aufgenommen am Freitag (29.10.10) in Muenchen auf dem CSU-Parteitag. Die Bundeswehrreform und die Integrationspolitik sind wichtige Themen beim CSU-Parteitag, der am Freitag in Muenchen begonnen hat. Ausserdem geht es bei den zweitaegigen Beratungen um die geplante Parteireform. (zu dapd-Text) Foto: Johannes Simon/dapd

(Foto: dapd)

Die Haltung in der CSU deckt sich mit der Mehrheit der Menschen in Deutschland: Über 70 Prozent wollen nicht, dass Guttenberg wegen des erschlichenen Doktors als Verteidigungsminister zurücktritt. Die meisten dieser Anhänger wissen nicht, wie viel Arbeit und Anstrengung, wie viel Ernsthaftigkeit in einer Doktorarbeit steckt. Deshalb tun sie so, als handele es sich bei Guttenbergs Unterschleif um eine Petitesse und nicht um den Beweis dafür, dass es mit der persönlichen Glaubwürdigkeit des Ministers, auf die er selbst größte Stücke hält, nicht sehr weit her ist.

Aus Sicht der CSU ist es nur allzu verständlich, dass die gravierenden Verfehlungen des Verteidigungsministers verniedlicht werden. Als wenn da ein Schlingel bei der Prüfung vom Banknachbarn abgeschrieben hätte und nicht ein arrivierter Bundestagsabgeordneter ganze Passagen aus Zeitungen als eigene Leistung ausgegeben hätte. Noch dazu ohne Not, niemand drängte ihn, einen Doktortitel zu erwerben.

Karl-Theodor zu Guttenberg wird aber nicht nur deswegen Minister bleiben, weil ihn die Basis weiter lieben will. Er bleibt, weil nun in der CSU eine Balance eingetreten ist, die für alle Beteiligten größtmöglichen Gewinn verspricht. Guttenberg weiß nun, dass seine Partei ihm lieber einen falschen Doktor verzeiht, als auf seine Popularitätswerte zu verzichten. Vermutlich wird sie ihm noch vieles andere durchgehen lassen. Die Partei weiß nun, dass ihr Shooting-Star selbst in schwer angeschlagenem Zustand noch immer die Sympathiewerte für die CSU hebt. Und Parteichef Horst Seehofer weiß nun, dass er Guttenberg nicht mehr als Konkurrenten neben sich fürchten muss, sondern als Begnadigten unter sich hat.

Seehofer hat in der Guttenberg-Krise das Bestmögliche für sich herausgeholt: Er hat sich als Schutzengel des jungen Guttenberg stilisiert, der ihm - weise und gestählt durch eigene Erfahrungen - gut zuredet, damit der Baron die Nerven und das Amt behält. Er hat sich als selbstloser Vorsitzender seiner Partei präsentiert, der zum Wohle der CSU die eigenen Gefühle hintan stellt und den schärfsten Rivalen für die Partei erhält.

Jenen Mann, der gerade noch als baldiger Parteichef, wenn nicht Kanzlerkandidat gehandelt wurde. Der Dämpfer, den Guttenberg bekommen hat, ist leicht genug, damit er - zerknirscht lächelnd - weiter Sympathie auf die CSU lenken kann. Und stark genug, damit er weiß, bei wem er sich bedanken muss. Seehofer sagt: "Meine Losung ist immer, ein Minister stürzt nur, wenn es die eigene Partei will - und die eigene Partei will es nicht."

Allerdings will die Partei, sprich: Seehofer, natürlich ein wenig Dank vom ehemaligen Herrn Doktor. Den kann er bald abstatten - in Bayern. Seehofer sagt, die Qualität eines Politikers erweise sich erst dann, wenn er in der politischen Ebene durchhält. Diese Ebene durchschreitet Guttenberg in den nächsten Monaten mit der Bundeswehrreform. Seehofer wird ihn dabei fürsorglich begleiten. Bei jeder Kaserne, die der Verteidigungsminister dichtmachen will, bei jedem Bundeswehrstandort, den er verkleinern will, wird Seehofer Guttenberg daran erinnern, dass man in schweren Zeiten zusammenhalten muss - so wie er zu ihm hielt, als es um den falschen Doktor ging.

Die Bundeswehrreform wird in Bayern kaum mehr nach sachlichen Kriterien ablaufen. Vermutlich wird die Zahl der Soldatenstellen, die nun durch Guttenbergs Dankbarkeit erhalten bleiben, höher sein als die Zahl der abgeschriebenen Stellen in seiner Doktorarbeit.

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