Broschüre des Kultusministeriums Ein Hoch auf den Frontalunterricht

Der Lehrer vorn, die Schüler in ihren Bänken. So sieht es in den meisten Klassenzimmern im Freistaat aus.

(Foto: dpa)

Lernen soll Spaß machen? Lehrer sollen auf die Schüler eingehen? Alles Schmarrn. So steht es in einer Broschüre des Kultusministeriums. Die Opposition ist erbost - und will von dem Geld für die Zeitschrift lieber neue Lehrer einstellen.

Von Tina Baier

Fast jeder, der in Bayern schulpflichtige Kinder hat, kennt die Zeitschrift "Schule&Wir". Gezwungenermaßen - denn die Kinder bringen das Heft, das vom bayerischen Kultusministerium herausgegeben wird, regelmäßig aus der Schule mit nach Hause. Man ist dagegen wehrlos, weil es für Kinderschulranzen leider keine Bitte-keine-Werbung-Einwerfen-Aufkleber gibt wie für den Briefkasten. Besonders ärgerlich ist das bei der aktuellen Ausgabe, in der es um die "Zehn populärsten Irrtümer der Pädagogik" geht.

Vor allem vor dem Hintergrund, dass im Zuge der Debatte um das achtjährige Gymnasium gerade über dringende pädagogische Reformen an den bayerischen Schulen diskutiert wird, sind die Botschaften des Artikels gelinde gesagt seltsam. Der Anspruch ist nicht gerade bescheiden: Die Eltern sollen endlich erfahren, was "wirklich guten Unterricht" ausmacht und "was in die pädagogische Mottenkiste gehört". Zum Beispiel die absurde Vorstellung, dass Lernen Spaß machen soll (Irrtum Nummer 7). Das ginge aber auch wirklich zu weit! Wo kämen wir da hin, wenn Schule jetzt auch noch Spaß machen soll? "Lernen ist mit Anstrengung und Mühe verbunden", erklärt die Autorin und schreckt nicht einmal vor der wirklich sehr abgedroschenen Floskel zurück: "Ohne Fleiß kein Preis!"

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Oder Irrtum Nummer 3: "Frontalunterricht ist schlecht": Lächerliche Behauptung. Wahrscheinlich wieder von einem der im Vorspann erwähnten "Erziehungswissenschaftler, Pädagogen, Hirnforscher, Philosophen", die ständig "Tipps für guten Unterricht" geben. Dabei wird an bayerischen Schulen schon Frontalunterricht gehalten, seit die CSU im Freistaat regiert. Kein Grund, da irgendwas zu ändern. Schließlich gibt es nichts Schöneres als eine Doppelstunde Mathematik oder Latein, in der der Lehrer "die Schüler durch gezielte Fragen oder Arbeitsaufträge dazu anregt, dem Unterricht gedanklich zu folgen und das gewünschte Lernziel zu erreichen".

"Der Mensch lernt nicht mit den Sinnen"

Und individuelle Förderung hin oder her - dass Lehrer jetzt auch noch Rücksicht auf die verschiedenen Lerntypen ihrer Schüler nehmen sollen, ist wirklich zu viel verlangt (Irrtum Nummer 1). Albernes Geschwätz ("Oft wird behauptet, es gebe unterschiedliche Lerntypen"). Dabei "lernt der Mensch nicht mit den Sinnen, sondern mit dem Gehirn".

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"Das Kultusministerium missbraucht die Zeitschrift, um seine eigenen Positionen an die Eltern zu bringen", sagt Günther Felbinger, Bildungssprecher der Freien Wähler. Er hat deshalb eine Anfrage an die Behörde gestellt, die nach acht Wochen und mehreren Nachfragen jetzt auch vorliegt. Der Artikel über die zehn populärsten Irrtümer der Pädagogik entspreche "gängigen journalistischen Standards und wurde darüber hinaus von einer Autorin mit wissenschaftlich-pädagogischer Ausbildung verfasst", heißt es in der Antwort. "Schule&Wir" informiere "seit mehr als 40 Jahren über aktuelle Entwicklungen im Bildungswesen".

Die Kosten für die Zeitschrift dürften bei einer Auflage von mehr als einer Million und einem Erscheinen drei- bis fünf mal pro Jahr nicht unerheblich sein. "Für das Geld sollte man lieber Lehrer einstellen", sagt Felbinger.