Brandanschlag auf Flüchtlingsunterkünfte Naziparolen am Waldrand

Dieser Schriftzug steht an einer Hauswand in Vorra. In drei als Flüchtlingsunterkunft vorgesehenen Gebäuden hatte es in der Nacht zu Freitag gebrannt.

(Foto: dpa)
  • Im mittelfränkischen Vorra brennen in der Nacht drei Flüchtlingsunterkünfte nieder. Hakenkreuze und weitere Schmierereien werden an einer Hauswand entdeckt.
  • Seit geraumer Zeit beobachtet die Polizei eine Gruppe von Menschen, die durch das Grölen von Naziparolen aufgefallen sind. Die Beamten ermitteln in diese Richtung.
  • Innenminister Herrmann (CSU) hat angekündigt, die Sicherheitsvorkehrungen für Flüchtlingsunterkünfte in ganz Bayern zu verschärfen.
Von Olaf Przybilla, Vorra

Die Szene mutet gespenstisch an. Seit den frühen Morgenstunden durchkämmen Einsatzkräfte der Polizei die Vorgärten in dem 1000-Einwohner-Ort Vorra in Mittelfranken. Wenige Meter entfernt steht in großen roten Lettern auf einer frisch geweißelten Hauswand: "Kein Asylat (sic!) in Vorra." Flankiert wird der Spruch von zwei roten Hakenkreuzen.

Drei geplante Flüchtlingsunterkünfte haben in der Nacht gebrannt - ein Gasthof, eine Scheune und ein leer stehendes Wohnhaus. Eine Anwohnerin hatte am Donnerstagabend gegen 22.45 Uhr die Feuerwehr alarmiert. 150 Feuerwehrleute waren im Einsatz, einer wurde bei den Löscharbeiten verletzt. Sonst glücklicherweise niemand. Die Unterkünfte waren noch nicht bewohnt. Den Schaden an den Gebäuden schätzen die Experten derzeit auf etwa 700 000 Euro. "Es spricht einiges dafür, dass es sich um Brandstiftung handelt", sagt Polizeisprecher Robert Sandmann.

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Gegen Mittag trifft auch Innenminister Joachim Herrmann (CSU) in Vorra ein - mit dem Hubschrauber kommt er direkt von der Innenministerkonferenz in Köln. Diese rechtsextreme Schmiererei sei "ein ganz starkes Indiz, dass es sich um eine Tat mit rechtsextremistischen Hintergrund handeln dürfte", sagt er. Konsequenzen für die bayerische Flüchtlingspolitik lehnt er indes ab. Es komme nicht in Frage, Flüchtlinge in großen Lagern und hinter hohen Zäunen unterzubringen, so Herrmann. Nur so viel: Die Sicherheitsvorkehrungen für die anderen Unterkünfte im Freistaat sollen verschärft werden.

32 Zimmer für 80 Asylbewerber

Eugen Ehmann war als einer der ersten am Brandort. Allerdings nicht in seiner Funktion als Regierungsvizepräsident von Mittelfranken. Sondern als Nachbar des Gasthofs zur "Goldenen Krone". Der Gasthof steht seit mehr als 15 Jahren leer, seit etwa einem Jahr wurde er zur Unterkunft für Flüchtlinge umgebaut. Ebenso wie ein leer stehendes Wohnhaus gleich nebenan und eine Scheune.

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Es hätte eine Einrichtung der Bezirksregierung von Mittelfranken werden sollen, 32 Zimmer für 70, vielleicht 80 Asylbewerber. Man war schon weit gediehen, eigentlich hätte die Einrichtung schon eröffnet werden sollen. Die Fassaden waren schon fertig, auch die Zimmer, neue Böden, neue sanitäre Einrichtungen. Kürzlich war die Abnahme für den Brandschutz und einen Tag der offenen Tür hatte die Regierung auch schon ausgerichtet. Der wurde toll angenommen, erzählen sie in dem 1000-Einwohner-Ort.

Auch Mustafe Bajrami ist erschüttert von der Tat. Mit seiner Baufirma hat er die Gebäude renoviert. Immer wieder war er während der Bauarbeiten in dem kleinen Ort Vorra. Fremdenfeindlichkeit habe er hier nie erlebt, berichtet er. Im Gegenteil, überall sei er freundlich behandelt worden.

Auch Landrat Armin Kroder von den Freien Wählern ist fassungslos. Den Landkreis habe der Brandanschlag "wie ein Schlag aus dem Nichts" getroffen. Natürlich, in der oberfränkischen Idylle, in Gräfenberg, sind vor einigen Jahren einmal im Monat rechtsextreme Glatzköpfe aufmarschiert. Aber im Nürnberger Land sind die braunen Kameradschaften kaum vertreten. Im Städtchen Hersbruck, etwa 15 Kilometer entfernt von Vorra, haben sie im Sommer mal versucht, die Leute gegen Ausländer aufzuhetzen. Es marschierten dann aber nur etwa 30 Personen, "die ganze Veranstaltung lief völlig in die Leere", sagt Gerhard Hertlein, der beim Landkreis für die öffentliche Sicherheit zuständig ist.

Widerstände gegen die Unterkünfte gab es nicht

Fremdenfeindlichkeit, so berichten es auch die Einwohner, habe es in ihrem Ort mit den schmucken Fachwerkhäusern bislang nicht gegeben. Lediglich ein paar kritische Nachfragen.

Widerstände gegen die geplanten Unterkünfte? Praktisch gar keine, erzählt Bürgermeister Volker Herzog, ein SPD-Mann. Im Gemeinderat hat die SPD die Mehrheit, das ist ungewöhnlich für diese Region. Aber auch die anderen Gemeinderäte waren "einfach nur froh, dass in dieses Gasthaus mal wieder Leben reinkommt". So ein schönes Haus mitten im Örtchen, wer will schon, dass das die Jahre lang leer steht? Gegenüber steht ein kleines Schlösschen, umgebaut zum Schullandheim, da ist immer Betrieb.

Natürlich gab es eine Debatte im Ort, ob bis zu 80 Flüchtlinge auf etwa 1000 Einwohner, "nicht doch ein bisschen viel sind". Aber ernst zu nehmender Widerstand, Aufruhr sogar? Kein bisschen. Im Gegenteil. In der Kirchengemeinde hatte sich schon ein Kreis zusammengefunden, der sich um die neuen Bewohner im Ort kümmern wollte. Leute, die sich einsetzen wollten.

Naziparolen in der Nacht

In Vorra ist es nun erst einmal endgültig vorbei mit der mittelfränkischen Landidylle - und wenn man den Einwohnern genau zuhört, hat das eigentlich schon vor ein paar Jahren seinen Anfang genommen. Denn in der Nähe der abgebrannten Gebäude, keine 500 Meter entfernt, sei vor geraumer Zeit von Unbekannten ein Wochenendhaus angemietet oder gekauft worden. Mehrere Einwohner berichten übereinstimmend, dass man nachts auch immer wieder Menschen gehört habe, die laut Naziparolen gegrölt haben.

Und auch der Bürgermeister Volker Herzog (SPD) berichtet von einer Gruppe, die vor allem im Sommer immer wieder in der Nähe des Waldes damit aufgefallen ist. Seit einem Jahr stünden sie laut Polizei bereits unter Beobachtung. Auch in diese Richtung wird nun ermittelt. Das ist verheerend für diesen Ort, betont Herzog immer wieder. Er geht davon aus, dass die Täter "nicht aus unserem Dorf kommen".

Die Polizei bittet Zeugen, sich an den Kriminaldauerdienst Mittelfranken unter folgender Telefonnummer zu wenden: 0911/ 2112 - 3333.