Bildungspolitik Kultusministerium stellt 1079 Lehrer für Flüchtlinge ein

Im September gab es 470 Übergangsklassen für Flüchtlingskinder, jetzt sind es 580. Hier ein Bild aus der Grundschule Martinsried im Kreis München.

(Foto: Robert Haas)
  • Um die rund 60 000 Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter zu integrieren, will das Kultusministerium weitere Stellen schaffen.
  • 1079 Lehrerstellen und ein Budget für 700 weitere Vollzeitjobs werden auf die Schulen verteilt.
  • Allerdings gibt es bislang keine Pläne, Übergangsklassen auch an Gymnasien und Realschulen anzubieten.
Von Anna Günther

Selten waren sich die bayerischen Bildungspolitiker im Landtag so einig wie am Donnerstag: Die Integration der vielen Tausend Flüchtlinge ist die größte Herausforderung in der jüngsten Geschichte. 40 Prozent der Ankömmlinge im Freistaat sind Kinder und Jugendliche. Etwa 60 000 sind laut Sozialministerium im schulpflichtigen Alter.

In anderen Bundesländern seien es deutlich weniger, sagte Kultusminister Ludwig Spaenle. Wie sich Bayerns Schulen dieser Aufgabe stellen, erklärte er im Bildungsausschuss: 160 Millionen Euro bekam sein Ministerium zur Integration der Flüchtlinge aus dem Zwei-Milliarden-Paket des Nachtragshaushalts 2016.

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1079 Lehrerstellen und Budget für 700 weitere Vollzeitjobs werden auf die Schulen verteilt. Dazu kommen zehn Millionen Euro für Honorarkräfte wie Schulpsychologen oder Dolmetscher, die von den Schulen angefordert werden können. Der größte Teil der Beamtenstellen sei freigegeben, sagte Spaenle, im Herbst würden weitere Lehrer eingestellt. Am stärksten profitieren mit 696 Stellen die Grund- und Mittelschulen.

"Da wird jeder Einzelne mit der Kapelle am Bahnhof abgeholt", sagte Spaenle zu den guten Jobaussichten. An den Grund- und Mittelschulen lernen erst einmal alle Flüchtlingskinder Deutsch, deren Aufenthaltsstatus geklärt ist und die länger als drei Monate in Bayern sind. Ob sie dann in eigenen Übergangsklassen lernen oder mit den bayerischen Kindern zusammen in Klassen sitzen, hängt von der Größe der Gruppe ab. Zu Schuljahresbeginn gab es 470 solcher Übergangsklassen, jetzt sind es 580. Bei Bedarf könnten bis zum Herbst etwa 1000 Klassen dazukommen.

Die älteren Flüchtlinge zwischen 16 und 21 werden zwei Jahre lang in speziellen Klassen an den Berufsschulen unterrichtet und sollen im Idealfall danach fit für eine Ausbildung sein - oder mit speziellen Kursen weiter unterstützt werden. 580 solcher Berufsintegrationsklassen gibt es, die Zahl könnte das Kultusministerium heuer noch verdoppeln.

Wo genau die Stellen geschaffen werden

Entsprechend gehen 332 Lehrerstellen an die Berufsschulen. Realschulen und Gymnasien bekommen 28 und 23 Stellen dazu. Dort gibt es bisher zwei Modellversuche, in denen Flüchtlinge, die besonders intelligent sind, an das anspruchsvollere Niveau herangeführt werden.

Berufsintegrationsklassen wie in Bayern gebe es sonst nirgends in Deutschland, betonte Spaenle. Das Konzept habe der Flüchtlingsrat kürzlich sogar den anderen Bundesländern zur Nachahmung empfohlen. Allerdings werden nur etwa 30 Prozent der Asylbewerber zwischen 16 und 21 Jahren in diesen Klassen auf den Arbeitsmarkt vorbereitet. Für mehr ist derzeit kein Platz. 40 Prozent sei das Ziel, sagt Spaenle. Und die anderen 60 Prozent? Wenn diese jungen, oft alleinreisenden Männer zu lange ohne Beschäftigung herumsitzen, kommt es immer wieder zu Streit und Massenprügeleien.

Ein anderes Problem ist der Platzmangel. Auch ohne Übergangsklassen ist es an vielen Schulen schon eng und die Sprachkurse für Flüchtlinge wachsen schneller, als Grundstücke oder Container zu organisieren sind. Mittlerweile arbeiten viele Schulen im Schichtbetrieb. Sind die eigenen Schüler weg, kommen die Flüchtlinge zum Sprachkurs.

Bisher keine Übergangsklassen an Realschule oder Gymnasium geplant

Auf eine Idee der SPD-Fraktion ging Spaenle nicht ein: Der Vorsitzende des Bildungsausschusses, Martin Güll, regte an, auch an Realschulen und Gymnasien Übergangsklassen anzusiedeln, um Volks- und Berufsschulen zu entlasten. "Wir müssen jetzt eben auch Dinge ändern, die schon immer so waren", sagte Güll. Realschul- und Gymnasiallehrer könnten sofort mit Sprachunterricht beginnen, ohne zweijährige Umqualifizierung für die Mittelschule.

Darauf dringen die Lehrerverbände seit Monaten. Denn so würde auch der Stellen-Regen auf alle Schularten verteilt. Anders als bei den Volks- und Berufsschulen, die so dringend Lehrer suchen, dass sogar mehr als 500 Pensionisten mit Minijobs aus dem Ruhestand zurückkommen, sind die Jobchancen für junge Realschul- und Gymnasiallehrer derzeit schlecht. Besonders bei den Fächern Deutsch und den Fremdsprachen. Es sei denn, sie schulen um auf Mittelschule. 270 nutzen gerade diese Chance.

Bei allen Bemühungen zur Integration der Neuankömmlinge bleibt Spaenle aber auf Linie der CSU: Alle Projekte gelten für anerkannte Flüchtlinge und diejenigen, die wahrscheinlich bleiben dürfen. Die anderen bekommen das Sparprogramm. "Wenn wir keine geordnete Abwicklung haben, dann schafft das auch das System Schule nicht", sagte Spaenle. Die Begrenzung der Zuwanderung bleibe ein sehr wichtiges Thema.

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