Bildungschancen in Bayern Damit alle ins Ziel kommen
Medizinstudenten beim gemeinsamen Lernen: Bildung fängt bereits im Kindergarten an.
(Foto: Robert Haas)Anzeige
Auch wenn die Studiengebühren fallen: In Bayern sind die Bildungschancen im Vergleich zu anderen Ländern ungerecht verteilt. Was aber muss die Staatsregierung tun, damit Talente nicht verloren gehen? Fünf Thesen.
1. Bildung fängt im Kindergarten an
Kindergärten müssen für alle endlich kostenlos werden. Bildungsferne Familien, in denen das Geld öfter knapp ist als in Akademiker-Haushalten, würden ihre Kinder dann schon mit drei Jahren und nicht erst im Vorschulalter dorthin schicken. Viele denken immer noch, dass Bildung erst in der Schule anfängt. Aber die Weichen werden lange vorher gestellt. Es gibt Dreijährige, die werden von ihren Eltern stundenlang vor dem Fernseher geparkt. Als Antwort auf ihre Fragen hören sie immer nur: "Dafür bist du noch zu klein."
Sie haben schlechtere Startchancen als jene Buben und Mädchen, denen die Eltern Fragen kindgerecht beantworten und jeden Tag aus Büchern vorlesen. Die Erzieherinnen im Kindergarten können zumindest versuchen, solche Nachteile auszugleichen. Damit das gelingt, müsste es aber eine Kernzeit von drei bis vier Stunden pro Tag geben, zu der alle Kinder verpflichtend anwesend sein müssen.
Am wichtigsten ist die Förderung in Deutsch und zwar vom ersten Kindergartenjahr an - nicht erst im Vorschulalter, wie derzeit üblich. Das ist viel zu spät und außerdem viel zu kurz, um all das nachzuholen, was Gleichaltrige aus bildungsnahen Familien - mit denen sich benachteiligte Kinder ja vom ersten Schultag an messen müssen - jahrelang selbstverständlich mitbekommen haben. Wer schlecht Deutsch spricht, bekommt nicht nur im Deutschunterricht Probleme, sondern überall. Sprachförderung vom ersten Kindergartenjahr an würde den Freistaat viel Geld kosten. Doch im Vergleich zu den Summen, mit denen er die Hochschulen subventioniert, wird für frühkindliche Bildung erschreckend wenig ausgegeben.
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2. Ganztags in die Grundschule
Schon in der Grundschule muss es einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz geben. Gute Ganztagsschulen können Nachteile ausgleichen, die etwa ein Kind aus einer Familie hat, in der kein Deutsch gesprochen wird und in der die Eltern den Unterschied zwischen Gymnasium und Mittelschule gar nicht kennen. Ganztagsschulen stellen unter anderem sicher, dass alle Schüler Hilfe bei den Hausaufgaben bekommen. Studien zeigen, dass dieser ausgleichende Effekt auf die Bildungschancen aber nur bei Ganztagsschulen zu beobachten ist, die personell und räumlich ausreichend ausgestattet sind.
Die Mittel, die derzeit für den Ganztagsbetrieb zur Verfügung stehen, reichen aber hinten und vorne nicht. Was vor allem fehlt, sind Lehrer, die zum Beispiel mit schwächeren Schülern in kleinen Gruppen üben könnten. Das jetzige System verstärkt die ungleichen Bildungschancen auch wegen der im internationalen Vergleich frühen Einteilung der Viertklässler in Mittelschüler, Realschüler und Gymnasiasten. Denn je früher die Weichen für den weiteren Bildungsweg gestellt werden, umso stärker ist der Einfluss der Eltern auf die Entscheidung: Mütter und Väter, die selbst nicht auf dem Gymnasium waren, scheuen sich oft davor, ihr Kind dorthin zu schicken, selbst wenn es die dafür erforderlichen Noten hat.
Dazu kommt, dass Grundschullehrer bei ihrer Empfehlung etwa fürs Gymnasium oft unbewusst mitberücksichtigen aus welcher Familie das Kind kommt. Im derzeitigen System sogar noch zu Recht, denn es ist ja tatsächlich so, dass Kinder, die von zu Hause keine Unterstützung bekommen, am Gymnasium öfter scheitern als andere.