Bildungsausschuss Cybermobbing gegen Lehrer: Das große Schweigen

Schüler, die Lehrer mit dem Messer bedrohen oder attackieren, sind in Bayern selten, aber Fälle von Cybermobbing und psychischer Gewalt nehmen zu.

(Foto: dpa)
  • Schüler, die ihre Lehrer brutal angreifen, sind in Bayern die Ausnahme, häufig sind Fälle von psychischer Gewalt.
  • Das Kultusministerium erhebt keine Zahlen von Cybermobbing gegen Pädagogen, allerdings gehen Experten von einer hohen Dunkelziffer aus.
  • Bildungspolitiker Thomas Gehring will eine Weigerung des Ministeriums erkennen, die reale Situation der Gewalt gegen Lehrer wahrzunehmen.
Von Anna Günther

Soziale Netzwerke nutzen Jugendliche, um ihre Freunde an Urlaub, Mittagessen oder Shopping teilhaben zu lassen. Oder sich am unbeliebten Lehrer zu rächen. Internetpranger gibt es so lange, wie das Internet, aber die Fälle von Cybermobbing gegen Pädagogen nehmen auch in Bayern zu. Zuletzt hatte es in der Oberpfalz Fälle von anonymen Diffamierungen gegeben, ein Schulleiter denkt über rechtliche Schritte nach, ein anderer löste das Problem pädagogisch. Wie oft Lehrer in Bayern mit dieser Art von Übergriffen konfrontiert sind, weiß niemand. Sicher sind sich die Verbände nur, dass Pädagogen deutlich öfter Opfer von Gewalt in der Schule werden als früher. Darüber sprechen wollen allerdings die wenigsten. Die Schmach, Kinder nicht im Griff zu haben, ist zu groß, wie auch das Gefühl, als Pädagoge versagt zu haben. Andere haben Angst, vom Vorgesetzten negativ beurteilt zu werden.

Experten gehen daher von einer hohen Dunkelziffer aus. Das Kultusministerium erhebt dazu keine Zahlen - anders als andere Ministerien, die Statistiken darüber führen, wie oft und wodurch Staatsbedienstete angegriffen werden. Das ergab im Frühjahr die Antwort der Staatsregierung auf eine Anfrage der Grünen im Landtag. Die Forderung von Markus Ganserer und Thomas Gehring, auch Angriffe gegen Lehrer zu erfassen, hatte die CSU-Mehrheit wegen des zusätzlichen Verwaltungsaufwands für die Schulen abgelehnt.

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Entsprechend präsentierte das Kultusministerium an diesem Donnerstag im Landtag keine Zahlen, denn "eine verpflichtende Datenerfassung könnte Lehrer davon abhalten, sich Rat und Hilfe zu holen." Stattdessen gab es ein Potpourri an Präventionsmaßnahmen, Fortbildungen und Beratungsangeboten. Zudem gelte die Fürsorgepflicht der Schulleiter, die Ansprechpartner bei psychischer oder physischer Gewalt sind und gegebenenfalls rechtliche Schritte einleiten. Nur bei schweren Straftaten wie räuberischer Erpressung oder erheblicher Körperverletzung sind Lehrer verpflichtet, das ihren Vorgesetzten zu melden.

Schüler, die ihre Lehrer brutal angreifen, sind in Bayern die Ausnahme. Aber wer im Vertrauen mit Pädagogen spricht, hört von Jugendlichen, die als Gruppe Lehrer bedrängen und damit drohen, dass sie deren Privatadresse kennen. Oder von Eltern, die für bessere Noten der Kinder mit dem Anwalt drohen. Massive verbale Angriffe von Eltern oder Jugendlichen gelten bei den Berufsverbänden schon als Klassiker. Häufig sind laut Hans-Peter Etter, dem Leiter der Rechtsabteilung im Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) Fälle von psychischer Gewalt. Wie viele Lehrer von Gewalt betroffen sind, weiß aber auch Etter nicht genau zu sagen. In einer Forsa-Umfrage, die der Lehrerverband 2016 durchführen ließ, gaben 18 Prozent der befragten Lehrer an, selbst schon beschimpft oder beleidigt worden zu sein. 59 Prozent der Attacken waren dabei den Eltern zugeschrieben worden.

Mehr als die Hälfte der befragten Pädagogen klagte über fehlende Unterstützung durch ihre Vorgesetzten. 59 Prozent sagten, das Ministerium kümmere sich nicht gut genug um dieses Thema. Der Bildungspolitiker Gehring will sogar eine Weigerung des Ministeriums erkennen, die reale Situation der Gewalt gegen Lehrer wahrzunehmen. Dass keine Zahlen erhoben werden, kann auch Johann Lohmüller nicht verstehen. "Es ist eigenartig, dass alles abgefragt wird, aber bei Gewalt gibt es keine generelle Meldepflicht", sagt der Rektor des Sonderpädagogischen Förderzentrums in Ergolding. Dabei plädiert auch Lohmüller eher für weniger Verwaltungsarbeit. "Aber man muss sich diesem Thema stellen und könnte durch die Erfassung besser auf die Umstände reagieren, um gezielter zu helfen", sagt der Vorsitzende des Verbandes Sonderpädagogik. Gewalt ist für ihn dabei nicht gleich Gewalt: Ein Kind in der ersten Klasse, das ausrastet, weil es überfordert ist und Frust noch nicht anders ausdrücken kann, sei nicht mit einem 15-Jährigen gleichzusetzen, der gezielt den Lehrer angreift.

Lohmüller hat an seiner Schule täglich mit verhaltensauffälligen Kindern zu tun. Aber Eskalationen sind in Ergolding selten. Die Lehrer bitten sofort um Hilfe, wenn "es brodelt". Lohmüller kommt dann dazu und bleibt, bis die Schüler sich beruhigen. "Früh Hilfe zu holen, ist professionell, das bewerte ich sogar positiv", sagt der Schulleiter. Dass sich diese Denkweise an vielen Schulen noch nicht durchgesetzt hat, zeigt die Hemmung der Betroffenen, sich nach Übergriffen dem Chef anzuvertrauen. Um Gewalt zu verhindern, seien Offenheit, Wertschätzung und Zusammenhalt der Lehrer noch wichtiger, als zusätzliche Sozialarbeiter und Schulpsychologen, findet Lohmüller. "Schüler spüren, ob sie 60 Einzelkämpfer vor sich haben oder Lehrer mit einer gemeinsamen Idee von Erziehung."

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