Bildung Das schwimmende Klassenzimmer

Für die nächsten sechs Monaten werden 34 Jugendliche auf dem Traditionssegler "Thor Heyerdahl" zusammen leben, kochen, arbeiten und lernen - nach dem bayerischen Lehrplan

Von Anne Kostrzewa

Die Segel hissen und über den Atlantik fahren, während die Klassenkameraden daheim für Prüfungen pauken und Tests schreiben: Für 34 Zehntklässler geht dieser Traum in Kiel in Erfüllung. Dort soll an diesem Samstag der Traditionssegler Thor Heyerdahl auslaufen und die Jugendlichen auf den Spuren von Entdeckern wie Kolumbus und dem Namensgeber ihres Schiffes, dem Forschungsreisenden Thor Heyerdahl, in die Neue Welt bringen. In sechs Monaten geht es über Teneriffa, Grenada und Panama bis Kuba und über die Bermudas und Azoren zurück nach Europa.

"Für die Schüler ist die Reise eine enorme Herausforderung", sagt die Projektleiterin Ruth Merk. "Auf dem Schiff gibt es keine Distanz, man lebt, lernt und arbeitet zusammen. Das ist ein Risiko, aber auch eine Riesenchance." Die Mathe- und Sportlehrerin hat das Projekt "Klassenzimmer unter Segeln", kurz: KUS, mit ihrer Promotion an der Uni Erlangen-Nürnberg (FAU) vor zehn Jahren ins Leben gerufen. Seitdem begleiten Wissenschaftler der FAU jeden Jahrgang mit Fragebögen und entwickeln so gemeinsam mit den Schülern und Lehrern an Bord neue Unterrichtsformen. Denn allem Abenteuer zum Trotz versteht sich die Thor, wie die Besatzung ihr Schiff liebevoll nennt, vorrangig als segelndes Klassenzimmer. Dazu fahren fünf Lehrer aus ganz Deutschland mit. Unterrichtet wird nach bayerischem Lehrplan.

Neben dem Unterricht warten auf die Schüler an Bord aber auch ungewohnte Herausforderungen: Die Zehntklässler aus Deutschland, Belgien und der Schweiz lernen, das Schiff selbst zu segeln, zu navigieren und in der Kombüse für die 50 Mann starke Besatzung zu kochen. Auch Wachehalten und Putzen bei Wind und Wetter gehören für sie auf der Thor zum Alltag. Gelernt wird in Schichten: Während die eine Gruppe die Schulbank drückt, kümmert sich die andere um das Schiff. Deshalb, so hatte Ruth Merk die Eltern bei einem Infoabend - nach Risiken gefragt - vorgewarnt, "kann es gut passieren, dass Ihr Kind sich nach der Reise für einen Beruf in der Seefahrt entscheidet".

Dass einen die Liebe zum Meer für immer packen kann, weiß Detlef Soitzek. Als der Kapitän der Thor zum ersten Mal zur See fuhr, war er 15 Jahre alt - wie die meisten Schüler, die er mit an Bord nimmt. "Das war eine harte Schule", erinnert er sich. "Ich war fürchterlich seekrank, habe mich allein gefühlt." Als er aber in New York am Times Square stand und die bunten Lichter sah, war es um ihn geschehen: "Ich habe den Mund vor Staunen nicht mehr zubekommen. Da wusste ich, dass ich zur See fahren will, um noch mehr von der Welt zu sehen." Seit 1983 ist er mit Jugendlichen auf der Thor unterwegs.

Kapitän Detlef Soitzek.

(Foto: privat)

Nach mehr als 40 Jahren auf See habe er "immer noch großen Respekt vor den Naturgewalten", sagt Soitzek. "Wer mal bei Orkanstärken auf einem Ozean unterwegs war, wird demütig. Da muss man Geduld haben und Durchhaltevermögen." Für ihn sei es das Schönste, zu sehen, welche "enormen Schritte" die Schüler an Bord in ihrer Entwicklung machten. "Das motiviert mich jedes Mal aufs Neue."

Eine Abenteuerreise für reiche Kinder will KUS ausdrücklich nicht sein, weder Segelerfahrung noch der Kontostand der Eltern spielen für die Bewerbung eine Rolle. "Wir sind vom Projekt elitär, nicht von der Auswahl der Schüler", sagt Ruth Merk. Viele Jugendliche sind beim Probe-Törn das erste Mal mit einem Segelschiff unterwegs. Für Familien, die sich die Reise nicht aus eigener Tasche leisten können, gibt es Stipendien. "Bislang konnten wir jeden geeigneten Teilnehmer mitnehmen", sagt Merk. "Das ist uns sehr, sehr wichtig."

Wenn die Thor am Samstag ausläuft, sind auch Julius Bodler und Eva Hartmann mit an Bord. Gemeinsam mit ihren neuen Mitschülern haben die beiden bereits eine Woche in der Werft verbracht, um den Dreimaster und die Crew kennenzulernen und gemeinsam letzte Reparaturen und Wartungsarbeiten auf dem knapp 50 Meter langen und gut sechs Meter breiten Schiff durchzuführen.

"Je näher die Abfahrt rückt, desto bewusster wird einem, was für ein unglaubliches Projekt das ist", sagt Julius Bodler. "Am Spannendsten ist es für mich, zu sehen, wie wir als Gruppe zusammenwachsen." Das Segeln macht dem Schüler dabei keine Sorgen, das hat er in seiner Heimat am Chiemsee schon als Kind gelernt. "Segeln gehört zu meinem Leben einfach dazu", sagt Bodler. Er freue sich auf die ganze Erfahrung - einschließlich Küchendienst. "Ich koche und backe sehr gerne. Aber für 50 Leute Pizzateig machen, das wird eine Premiere." Schon in der sechsten Klasse erfuhr der heute 16-Jährige von dem Projekt. "Ein halbes Jahr auf See zu leben, ist ein Traum, der jetzt in Erfüllung geht."

Auch Eva Hartmann blickt der Abfahrt mit Spannung entgegen. "Ich liebe das Reisen, weil es einen an die eigenen Grenzen bringt - und darüber hinaus", sagt die 15-Jährige. "Besonders freue ich mich darauf, nach der Atlantiküberquerung in der Neuen Welt anzukommen und dort Menschen und ihre Kulturen kennenzulernen, auf eine Art, wie ich sie als Tourist nie erleben könnte."

Die Erlebnisse der Reise werden an Bord eng mit dem Lehrstoff verknüpft. Zwar stünden etwa Kolumbus' Reiseroute oder die Eigen- und Fremdwahrnehmung auch für die daheimgebliebenen bayerischen Schüler im Lehrplan. "Eine solche Praxisnähe wie wir sie auf der Thor haben werden, ist aber in Deutschland bei den meisten Themen nur schwer hinzubekommen", sagt Nele Lengfeld, die als Lehrerin für Geschichte und Englisch mitsegelt. So sollen die Schüler etwa, bevor sie auf Kuba anlanden, Sozialismus und Kommunismus durchnehmen. Die Aufgabenblätter dazu hat Nele Lengfeld bereits auf der Thor verstaut - natürlich laminiert, falls während der Geschichtsstunde mal eine Welle ins Klassenzimmer schwappt.