Bildung Bayern ist Schlusslicht bei Ganztagsschulen

Essen in der Mensa und danach wieder Unterricht - in Bayern ist das die Ausnahme.

(Foto: Franziska Kraufmann/dpa)
  • In keinem Bundesland gibt es weniger Kinder in Ganztagsklassen als in Bayern.
  • Die Staatsregierung hat bereits vor vier Jahren geplant, dass bis 2018 jedes Kind bis 14 Jahre einen Ganztagssplatz bekommen soll.
  • Die SPD fordert ein Umdenken und neue Ansätze, um den Ausbau voranzutreiben, außerdem will sie einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz.
Von Anna Günther

Geht es um den Ganztagsunterricht, belegt Bayern meist hintere Plätze in den Ranglisten der Bildungsforscher. Zuletzt präsentierte die Bertelsmann-Stiftung ihr Gutachten: Bayern ist mit 16 Prozent der Kinder in Ganztagsklassen letztes unter den Bundesländern. Das Kultusministerium kontert stets mit dem vielfältigen Angebot im Freistaat und dem Ausbau nach Bedarf. Nun aber zeigen die blanken Zahlen, was Rankings lange andeuteten:

Nur 2813 Schüler an den 322 staatlichen Gymnasien besuchten im vergangenen Schuljahr den gebundenen Ganztag, das sind 1,4 Prozent. Zum aktuellen Schuljahr kamen zwei Schulen mit gebundenem Ganztag dazu. Bei den 238 Realschulen sind es sogar nur 1,3 Prozent, also 2150 Mädchen und Buben. Die Mittelschulen kommen auf 18,2 Prozent der Schüler, Grundschulen auf 6,4 Prozent. Dies gab das Kultusministerium nun auf eine Anfrage der Landtags-SPD bekannt.

Die Fraktion fordert ein Umdenken und neue Ansätze, um in Bayern den Ausbau des echten Ganztagsunterrichts voranzutreiben. Darunter verstehen der bildungspolitische Sprecher Martin Güll und die stellvertretende Fraktionsvorsitzende Simone Strohmayr den gebundenen Ganztag, also Unterricht von acht bis 16 Uhr. In dieser Zeit wechseln sich Stoff wie Mathe, Biologie und Deutsch mit entspannteren Phasen wie Sport oder Freiarbeit ab.

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Wenn die Kinder heimgehen, sollten alle Hausaufgaben erledigt sein. Beim Blick auf die Zahlen fällt auf, dass viele Landkreise und kreisfreie Städte gar keine Ganztagsklassen anbieten. In der Oberpfalz besuchen 0,5 Prozent der Gymnasiasten eine Ganztagsklasse, in Oberbayern sind es 0,9 Prozent. Spitzenreiter ist Unterfranken mit 2,7 Prozent. Außerdem gibt es an staatlichen Gymnasien meist nur bis zur 7. oder 8. Klasse Ganztagsunterricht, an Realschulen in der Regel nur bis zur 6. Klasse.

"Das System Halbtagsschule funktioniert aber nicht mehr", sagt Güll. Das zeigten Erkenntnisse der Hirnforschung: Das Gehirn könne Gelerntes besser verarbeiten, wenn sich Kinder zwischenzeitlich bewegten. Für viele sei es unmöglich, sich sechs Stunden lang zu konzentrieren. Hinzu kommt das Betreuungsproblem: Sogar gebundene Ganztagsklassen enden freitags früher, selten ist das beim Arbeitstag der Eltern der Fall. Es fehle Betreuung nach 16 Uhr, freitags oder in den Ferien.

Derzeit endet der Unterricht meist um 13 Uhr

Im Kultusministerium hält man dagegen, dass die Kommunen für die Betreuung am Nachmittag zuständig sind. Das gelte auch für Ganztagsklassen. Jeder genehmigungsfähige Antrag werde bewilligt. So will die Staatsregierung umsetzen, was Ministerpräsident Horst Seehofer in seiner Regierungserklärung 2013 versprochen hatte: Bis 2018 soll jedes Kind bis 14 Jahre einen Betreuungsplatz bekommen. Werden offene Ganztagsbetreuung und Mittagsangebote eingerechnet, haben 80 Prozent der allgemeinbildenden Schulen ein Ganztagsprogramm - wobei der Unterricht meist um 13 Uhr endet und die Kinder danach von Eltern oder sozialen Trägern betreut werden.

"Natürlich wollen die Eltern das nicht, die gehen vom Istzustand aus. Guten Ganztag hat es in Bayern noch nie gegeben", kritisiert Güll. Für ihn ist der bayerische Weg "eindeutig gescheitert". Statt auf Nachfrage zu warten, müsste das Kultusministerium attraktive Konzepte mit neuen Lernformen entwerfen. Nur, Unterricht am Nachmittag kostet deutlich mehr als Betreuung. "Aber der Mehrwert ist da: Ganztag verringert soziale Unterschiede und individuelle Förderung gelingt viel besser", sagt Güll. Wie die Gutachter der Bertelsmann-Stiftung fordert auch die SPD einen Rechtsanspruch auf einen Ganztagsplatz.

Als die Bertelsmann-Studie öffentlich wurde und das Kultusministerium wie üblich reagierte, reichte die CSU-Landtagsfraktion einen Antrag für eine familiengerechtere Arbeitswelt ein. Inbegriffen ist darin, dass man sich bei den Kommunen für bessere Betreuung in den Randzeiten einsetzen werde. Kurz darauf lehnte die CSU den SPD-Antrag für besseren Ganztag im neuen G 9 ab.

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