Bilanz nach den Missbrauchsskandalen Mindestens 380 Opfer

Vor neun Monaten erschütterten die ersten Missbrauchsvorwürfe die Öffentlichkeit. Bistümer und Orden wollten sich der Verantwortung stellen. Was ist aus der versprochenen Aufklärung geworden? Eine Bilanz.

Bilanz: Heiner Effern, Roman Deininger, Katja Riedl, Susanne Klaiber, Dominik Stawski, Monika Maier-Albang, Annette Ramelsberger

Wilhelm Ritthaler ist mittlerweile ein bekannter Mann. Immer wieder hat er gesprochen über das, was ihm in seiner Zeit bei den Regensburger Domspatzen passiert ist. In der Süddeutschen Zeitung hat er im März zum ersten Mal öffentlich von den körperlichen Misshandlungen berichtet, später sprach er auch im Fernsehen. Sein Name sei dadurch bekannt gewesen, sagt Ritthaler, er wäre jederzeit zu kontaktieren gewesen. Gemeldet aber habe sich niemand, bis heute.

"Es fühlt sich bitter an, es ist sehr enttäuschend", sagt der 63 Jahre alte Arzt und Psychotherapeut. "Ich hätte mir eine Reaktion gewünscht, aber ich habe es nicht anders erwartet. Das Bistum reagiert passiv, defensiv, beschwichtigend." Das Bistum Regensburg bestätigte, dass Wilhelm Ritthaler nicht kontaktiert wurde. "Es liegt kein Schreiben an ihn vor", erklärte Sprecher Clemens Neck. Das Bistum ruft Betroffene aber weiter dazu auf, sich zu melden.

Neun Monate sind vergangen, seitdem überall die Wunden der Vergangenheit aufbrachen und sich immer mehr Menschen meldeten, die als Kinder missbraucht oder misshandelt wurden. Anlass für die Süddeutsche Zeitung zu fragen, was aus der versprochenen Aufklärung geworden ist.

Das Fazit: Allein in Bayern muss man von mindestens 380 Opfern ausgehen, die meisten davon (156) in der besonders großen Diözese München. Dazu kommen 80 Fälle im Kloster Ettal und 27 Fälle bei den Salesianern. Im Bistum Augsburg sind 34 Fälle bekannt, in Passau 40, in Würzburg gut 30, in Regensburg 14. Auch in den Bistümern Eichstätt und Bamberg gab es Fälle, die Diözesen lehnen es aber ab, irgendwelche Zahlen herauszugeben.

Bei den Tätern muss man von mindestens 280 Personen ausgehen, von denen die meisten aber schon gestorben sind. Insgesamt wurden in mindestens 36 Fällen Ermittlungsverfahren eingeleitet, wegen Verjährung aber oft eingestellt. Ein Täter wurde wegen der Verbreitung pornographischer Schriften verurteilt.

Viele Bistümer gehen mittlerweile offen auf die Betroffenen zu, manchmal - wie in München und Würzburg - trafen sich die Bischöfe sogar persönlich mit ihnen, in anderen Bistümern wie in Regensburg gab es persönliche Gespräche mit dem Bischof nicht.

Besonders intensiv kümmern sich die Bistümer München und Regensburg um die Aufklärung: Sie durchforsten ihre Personalakten zum Teil bis Kriegsende, ob irgendwo Hinweise auf Übergriffe auftauchen. Nirgendwo ist bisher wirklich die Entschädigung geregelt - alle Bistümer warten auf die Deutsche Bischofskonferenz. Die betroffenen Orden, zum Beispiel die Benediktiner in Ettal, haben aber angeboten, Therapien zu bezahlen.

Erstaunlich ist, wie unterschiedlich Bistümer und Ordensgemeinschaften auf die Fragen der SZ reagierten. Manche, gerade die Ordensgemeinschaften, gaben bereitwillig Auskunft auf alle Fragen. Andere, wie die Bistümer Bamberg und Eichstätt, wollten keinerlei Auskunft geben.

Andere wiederum, wie das Bistum München, das seine Zahlen bereits vor Wochen veröffentlicht hatte, und das Bistum Passau wollten sich nicht verglichen wissen mit anderen Bistümern. Noch immer haben manche Kirchenvertreter große Mühe, sich der Verantwortung zu stellen. Die SZ hat die Zahlen, soweit möglich, nun aus Angaben der Bistümer und Orden sowie aus den bereits veröffentlichten Missbrauchsberichten erstellt.

Für diejenigen, die mutig waren, von ihren Erlebnissen zu sprechen, dauert die Aufarbeitung zu lange. "Unsere Familien werden durch das Thema belastet", sagt Robert Köhler, Gründer des Vereins Ettaler Misshandlungs- und Missbrauchsopfer. Der Verein hat sich mit den Ordensoberen auf einen Täter-Opfer-Ausgleich geeinigt. Über Mediatoren sprechen Opfer und Orden miteinander, um sich "nicht emotional zu verhaken", sagt Köhler.

Um abzuschließen, müsse es endlich auch eine Lösung bei der Entschädigung geben. Es sei schwierig, diese individuell zu regeln, denn kein Opfer wäre bereit, "einen Seelenstrip vor einer kirchlichen Musterungsbehörde abzulegen, schon gar nicht für 2000 bis 5000 Euro", sagt Köhler. Die Summe sei zu niedrig, das Verfahren ungeeignet. "Das ist keine Buße."

"Wir arbeiten gerade mit dem Kloster gemeinsam daran, dass Ettal den Missbrauch als Teil seiner Geschichte akzeptiert." Nur so würden Ehemalige, die nicht selbst betroffen seien, den Missbrauchten nicht mehr länger das Gefühl geben, "wir seien nur Störenfriede", sagt Köhler. Dem früheren Domspatz Ritthaler geht es ähnlich: Auch er wird noch immer beschimpft, er wolle doch nur das Nest der Domspatzen beschmutzen.