Behindertenpolitik in Bayern "Wir sind eine Bereicherung, keine Belastung"

Finanzminister Wolfgang Schäuble ist eine Ausnahme: Politiker im Rollstuhl gibt es in Deutschland kaum. Sibylle Brandt will das ändern. Sie ist blind - und überzeugt, dass die Gesellschaft viel von Menschen mit Behinderung lernen kann.

Interview: Anna Fischhaber

Finanzminister Wolfgang Schäuble, der im Rollstuhl sitzt, ist in der deutschen Politiklandschaft eine Ausnahme. Und ein Vorbild für Sibylle Brandt, 52, aus Veitshöchheim bei Würzburg. Sie ist blind. Am Samstag gründet sie gemeinsam mit 50 Delegierten, alles Menschen mit einer Behinderung, "Selbst Aktiv" - die erste Landesarbeitsgemeinschaft behinderter Menschen in der bayerischen SPD. Einzige Kandidatin für das Amt der Landesvorsitzenden ist Brandt.

SZ.de: Frau Brandt, wieso ist es wichtig, dass sich Menschen mit Behinderung politisch einmischen?

Sibylle Brandt: Behinderte Menschen wurden lange aus allem rausgehalten, ihre Meinung war nicht gefragt. Dabei können wir am besten beurteilen, was für uns gut ist. Ich bin blind und ich ärgere mich immer darüber, wenn mir jemand erzählt, was ich kann und was nicht. Ich kann alles, was "normale" Menschen auch können - ich brauche nur Hilfsmittel. Ich kann meinen Haushalt machen, ich kann arbeiten, ich kann spazieren gehen. Leider kann ich nicht mehr Auto fahren. Aber wenn das Hilfsmittel dazu käme, könnte ich das auch.

Seit wann sind Sie blind?

Seit etwa 15 Jahren. Ich hatte immer wieder Probleme beim Sehen, die Ärzte dachten, das kommt vom Stress. Ich war damals selbständig. Dann habe ich beinahe einen Unfall gebaut, weil ich den Motorradfahrer, der vor mir auf der Fahrbahn stand, nicht gesehen habe. Jetzt brauche ich wirklich eine Brille, hab ich gedacht. Doch es wurde festgestellt, dass bei mir der schärfste Punkt um den Sehnerv zerstört ist. In der Mitte sehe ich gar nichts, an den Rändern habe ich noch ein Sichtfeld, das aber immer geringer geworden ist.

Was hat sich nach der Diagnose verändert?

Ich musste meine Selbständigkeit aufgeben, meine Ehe ist kaputtgegangen. Ich bin dann in eine Umschulung für Blinde und Sehbehinderte gekommen und Verwaltungsfachangestellte geworden, habe aber keinen Job gefunden. Das war sehr hart für mich. Inzwischen bin ich in Frührente und kann mich um andere Dinge kümmern. Zum Beispiel darum, dass Menschen mit ähnlichem Schicksal in Lohn und Brot kommen.

Wie gehen die Menschen mit Ihnen um?

Manche Menschen haben Angst vor Kontakt. Sie denken, Behinderung wäre ansteckend. Viele wissen auch einfach nicht, wie sie mit uns umgehen sollen. Sie haben Angst, uns zu verletzen. Oft ist das einfach Unkenntnis. Jahrelang hat man Behinderte bewusst ausgegrenzt, sie in Förderschulen und Einrichtungen abgeschoben. Und jetzt muss die Gesellschaft erst wieder Inklusion lernen. Wir brauchen nicht nur Rollstuhlrampen oder Behindertenampeln, sondern auch Barrierefreiheit in den Köpfen. Unser Ziel muss sein, die Behinderten in den Fokus der Gesellschaft zu rücken, dort wo sie hingehören.

Gibt es da Vorbehalte in der SPD?

In meiner Partei habe ich manchmal das Gefühl, dass bei Entscheidungen nicht an die Bedürfnisse behinderter Menschen gedacht wird. Es wird an Frauen, an Kinder, an Senioren, an Migranten gedacht. An die Behinderten kaum. Seit das Netzwerk Selbst Aktiv auf Bundesebene vor zehn Jahren gegründet wurde, machen wir langsam Fortschritte.

Machen andere es besser?

So etwas wie Selbst Aktiv habe ich bei anderen Parteien nicht gefunden. Ich glaube mit Behindertenpolitik tut sich die Gesellschaft an sich schwer. Es ist an der Zeit, sie salonfähig zu machen.

Was hat Selbst Aktiv konkret geplant?

Wir kämpfen für den barrierefreien Zugang zu allen Kommunikations- und Informationsmedien. Wir wollen eine Plattform für Behinderte, wo jeder alle Auskünfte zentral bekommen kann, die er sich jetzt mühsam im Internet zusammensuchen muss. Ein ganz anderes Projekt ist das Thema Begleithunde für Blinde, Rollstuhlfahrer oder Diabetiker. Im Moment kann jeder diese Hunde ausbilden und zu Dumpingpreisen den Krankenkassen anbieten. Das ist gefährlich.

Braucht es auch mehr Menschen mit Behinderung in Führungspositionen?

Bei den Paralympics haben wir gesehen, wie leistungsfähig Behinderte sind - zum Teil sogar leistungsfähiger als Nichtbehinderte. Ich glaube unsere Gesellschaft könnte davon in vollem Umfang profitieren. Mittlerweile hat jeder achte bis neunte Mensch in Deutschland eine Einschränkung. Und je älter wir werden, desto mehr werden es. Die Augen werden schlechter, der Rücken tut weh, das Gehen wird schwerer. Ich glaube, dass wir als Behinderte in der Politik viel erreichen können, wenn man uns aktiv mitarbeiten lässt.

Was können Nichtbehinderte von Menschen mit Behinderung lernen?

Wir können nicht mehr so hektisch sein, das verbietet uns unsere Einschränkung. Nichtbehinderte können von uns lernen, sich mehr zu Zeit nehmen, geduldiger zu sein. Unsere Gesellschaft guckt in der Hektik dieser Zeit über so vieles hinweg und vermeidet den Kontakt zu dem, was sie nichts angeht, was ihr unangenehm ist. Zum Beispiel zu uns Behinderten.

Finanzminister Wolfgang Schäuble sitzt im Rollstuhl - glauben Sie, es ist es schwierig, sich als Mensch mit Behinderung in der Politik zu behaupten?

Es gehört eine ganze Portion Mut dazu, sich so exhibitionistisch zu platzieren. Man wird ja doch immer angestarrt. Ich merke das, wenn ich mit meinem Blindenhund unterwegs bin. Ich komme mir manchmal vor wie im Zoo. Es fehlt nur ein Schild: Das Füttern der Behinderten ist verboten. Ich glaube, der Herr Schäuble hat dieses Problem auch. Obwohl er den Umgang mit der Öffentlichkeit ja inzwischen gewohnt ist. Für uns, die wir jetzt erst anfangen in der Politik, ist es manchmal aber noch schwierig, damit umzugehen.