Behinderte Kinder an Regelschulen Ausflug in eine bessere Welt

In Südtirol besuchen behinderte Kinder die Regelschulen. Die SPD-Landtagsfraktion will dieses Modell auch für Bayern.

Von Katja Auer

Die 3b hat Deutschunterricht. Textverständnis. Es geht um Piercing und darum, dass es nicht sehr ratsam ist, sich derlei Körperschmuck in unhygienischen Klitschen verpassen zu lassen. Die Schüler, 13, 14 Jahre alt, beantworten schriftlich Fragen zum Text. Patrick bekommt eine eigene Aufgabe. Er soll aufzählen, wer in der Klasse Ohrringe trägt. Das macht er gut.

Patrick hat ein fragiles X-Syndrom. Er ist geistig behindert, er kann den Text nicht wie seine Mitschüler bearbeiten. Wenn Fremde in die Klasse kommen, steht er auf und klatscht in die Hände. Er ist dann sehr aufgeregt. Lange still zu sitzen fällt ihm schwer. Neben ihm sitzt ein junger Mann, sein Betreuer. Alleine käme Patrick in der Schule nicht zurecht.

Die Josef-von-Aufschnaiter-Mittelschule in Bozen ist keine Modellschule. Inklusion, also die Aufnahme behinderter Kinder in Regelschulen, ist in Südtirol ganz normal. Seit mehr als 30 Jahren gibt es dort keine Sonderschulen mehr, gesunde Kinder und solche mit irgendwelchen Einschränkungen gehen gemeinsam zur Schule. Zuerst in die Grundschule, fünf Jahre lang, dann alle zusammen zur Mittelschule. Erst in der Oberschule, nach der dritten Klasse Mittelschule, teilen sich die Bildungswege. Die Schulpflicht dauert bis zum 18. Lebensjahr.

"Das zeigt mir, dass es geht", sagt Markus Rinderspacher. Der Fraktionschef der SPD im Bayerischen Landtag war mit seinen Vorstandskollegen drei Tage in Südtirol unterwegs, um sich das Bildungssystem anzuschauen. Die autonome Region ist für die Besucher in vielen Dingen vorbildhaft. Acht Schüler werden hier im Durchschnitt von einem Lehrer betreut, in Bayern sind es doppelt so viele. Kleine Dorfschulen werden erhalten, so lange sie noch acht Kinder besuchen - insgesamt. Und die Integration behinderter Kinder ist so normal, dass sich kaum jemand an die Anfangsschwierigkeiten erinnert.

Die kommen auf Bayern erst zu. Die UN-Konvention für Menschen mit Behinderungen sieht die Inklusion für die gesamte EU vor, der Freistaat steht dabei noch am Anfang. Nur etwa 15 Prozent der behinderten Kinder besuchen eine Regelschule. Das soll sich nun ändern: Am Montag stellen alle fünf Fraktionen im Landtag einen gemeinsamen Gesetzentwurf vor.

Von der individuellen Förderung, wie sie in Südtirol betrieben wird, ist Rinderspacher schwer beeindruckt. Zusätzlich zum Fachlehrer arbeitet in jeder Klasse ein Integrationslehrer. Außerdem kümmert sich um jeden Schüler mit einer schweren Behinderung ein eigener sogenannter Mitarbeiter zur Integration. Es gibt Rückzugsräume, wo die Kinder einzeln betreut werden, wenn es ihnen in der Klasse zu viel wird.

"Die inklusive Schule ist keine Einheitsschule", sagt Rinderspacher, und er betont es so, weil das der Vorwurf ist, den die CSU den Sozialdemokraten gerne macht, wenn die eine längere gemeinsame Schulzeit fordern. Wie mit ihrem Konzept einer zehnjährigen Gemeinschaftsschule, die ebenfalls die Integration von behinderten Kindern vorsieht.

In Südtirol ist man überzeugt von der Inklusion. Und davon, dass auch nicht-behinderte Kinder davon profitieren. Soziale Kompetenzen würden gefördert, sagt Veronika Pfeiffer vom staatlichen Schulamt. "Die Kinder lernen, dass manche Kinder mehr Zeit brauchen." Die Schule habe eben nicht nur einen Bildungs-, sondern auch einen Erziehungsauftrag. Es geht nicht darum, dass alle am Ende des Schuljahres das Gleiche können. Sondern darum, dass jeder seine Fähigkeiten bestmöglich verbessern kann. Das gilt auch für besonders begabte Schüler.

Diese speziell zu fördern habe man in Südtirol eine Weile versäumt, räumt Ingrid Pertoll ein, die Direktorin der Josef-von-Aufschnaiter-Schule. Doch nun funktioniert es, der gemeinsame Schulbesuch hat das Niveau nicht absinken lassen. Bei der Pisa-Studie schneidet Südtirol regelmäßig gut ab. In Bayern müssen für alle Schüler einer Klasse die gleichen Lernziele gelten. Das ist einer der Hauptkritikpunkte der Gegner des dreigliedrigen Schulsystems.

"Ich bin mir sicher, dass niemand das hier ablehnt, wenn er es sieht", sagt Rinderspacher. Allerdings ist die Ausgangssituation für die Inklusion in Bayern eine andere als sie in Südtirol vor mehr als 30 Jahren war. Dort gab es nie das ausgeprägte Förderschulwesen wie im Freistaat, das hoch anerkannt ist. Fraktionsvize Thomas Beyer, der auch Vorsitzender der Arbeiterwohlfahrt in Bayern ist, möchte das gar nicht abschaffen.

Gerade Kinder mit sehr schweren Behinderungen profitierten von der speziellen Förderung. Entsprechende Vorbehalte gibt es sowohl bei Eltern wie bei den Trägern solcher Einrichtungen gegenüber der Integration in die Regelschulen. Und umgekehrt. Auch gibt es Lehrer und Eltern von nicht-behinderten Kindern, die um die Qualität des Unterrichts fürchten, wenn alle gemeinsam zur Schule gehen.

"Das geht nur im Dialog", sagt deswegen Markus Rinderspacher. Einen radikalen Neuanfang von heute auf morgen will die SPD gar nicht, aber schrittweise müsse nun etwas passieren. Das ist freilich auch eine Frage des Geldes. In Südtirol steht eine Milliarde Euro, ein Fünftel des Etats, für Bildung und Kultur zu Verfügung. Die Personalkosten für die Lehrer kommen dazu, die werden vom italienischen Staat bezahlt, Südtirol gibt einen Aufschlag dazu.

Das sei der einzige Nachteil, sagt Rinderspacher, dass die Inklusion Geld koste. Aber wer, wenn nicht Bayern, könne sich so etwas leisten. Und müsse das auch. "Das ist eine andere Welt", sagt Fraktionsvize Johanna Werner-Muggendorfer nach dem Schulbesuch in Bozen. "Eine bessere."