Von Korbinian Spann

Die Bayreuther Opernfestspiele suchen dringend Nachwuchs. Die "jungen Freunde von Bayreuth" sind eine neue Plattform für Wagnerianer - mit hohen Ambitionen.

Die Opernfestspiele von Bayreuth sind ein betagtes Spektakel - aber das soll sich jetzt ändern. Prominenz und Presse geben sich ein Stelldichein, und die zahlreichen Kunstliebhaber und -Kritiker bevölkern den grünen Hügel. Beinahe selbstverständlich stellt die ältere Generation die Mehrheit der Besucher in Bayreuth.

Bild vergrößern

Die ehemalige Bundesjugendministerin Angela Merkel im Gespräch mit Studenten des 42. Internationalen Jugendfestspieltreffens in Bayreuth. (© Foto: dpa)

Anzeige

Und doch gibt es seit einiger Zeit eine Gruppe junger Menschen bis 35, die sich die "jungen Freunde von Bayreuth" nennen. Zu ihr gehören bislang rund 200 junge Wagnerianer aus Deutschland und anderen Ländern. Für 100 Euro bietet der Förderverein, die traditionelle Gesellschaft der Freunde von Bayreuth, seit Sommer 2008 eine besondere Mitgliedschaft an. Der lose Zusammenschluss soll sich nun zu einem festen Netzwerk etablieren.

Peter Gloystein, der Vorstand der Gesellschaft, erklärt, dass gerade jüngere Leute in die Reihe der Unterstützer aufgenommen werden sollen. Die "jungen Freunde" sind zwar ein Teil der regulären Gesellschaft, haben aber ein eigenes Programm. "Wir leiten mit diesem Schritt die Verjüngung der Gesellschaft ein", sagt Gloystein. Es sei das erklärte Ziel, die Zahl der jungen Förderer noch um einige hundert Mitglieder zu erhöhen. Es sei sicher, dass die "alten" Freunde die jüngere Gesichter gerne in ihren Reihen begrüßen.

Um die jungen Leute nicht mit Wagnerklängen zu überfordern, bietet der Förderverein einen organisatorischen Rahmen an. Den jungen Freunden steht nicht nur ein Kartenkontingent zur Verfügung, sie haben auch eine Internet Homepage und besondere Veranstaltungen. Um der Initiative ein Gesicht zu geben, wurde in diesem Sommer ein Sprecherkreis der "jungen Freunde" initiiert.

"Wagner muss keinenfalls langweilig sein" Einer von den vierzehn Sprechern ist Daniel Cantzler. Er kam bereits in der Schulzeit mit dem Bayreuther Musikgott in Berührung. "Vorher wusste ich wenig über Wagner". Besonders faszinierend fand Cantzler die Musik. "Je vertrauter man mit den Opern ist, desto mehr kann man entdecken", erzählt der Musikliebhaber. Die Handlung der Stücke, die anfangs unübersichtlich und langweilig wirkte, habe für ihn immer mehr an Tiefe gewonnen.

Während seines Studiums übernahm er eine Statistenrolle am Theater. In seinem Studienort Mannheim war Wagner fester Programmpunkt des Spielplans. Und so kann Cantzler behaupten, jede Wagner Oper einmal mitgemacht zu haben. Als einer der Riesen im "Rheingold" oder als einer von Hundings Gefolgschaft war er Sängern und Musik besonders nahe.

Die Begeisterung für Wagner ist kein Zufall. "Welche Titel einer modernen Band werden wohl in zweihundert Jahren noch gespielt?", fragt Cantzler. Der anhaltende Erfolg erkläre sich über den Einfluss, den Wagner auf die moderne Musik gehabt habe. Allerdings kann der Wagnerfreund verstehen, wenn Außenstehende Berührungsängste haben. "Ich versuche immer wieder meine Freundin mitzunehmen, die vor der Länge der Stücke zurückschreckt." Die Opern könne nur der genießen, der sich in das Werk eingehört habe.

Sebastian Barnstorf ist ebenfalls Sprecher und hat die Homepage programmiert. Der 31-jährige interessiert sich seit seiner Jugend für Wagner. Mit 15 besuchte er zum ersten Mal den "Thannhäuser". Für Barnstorf hat die Musik einen "Rauschfaktor", die den Hörer fesseln kann.

Als junger Freund schätzt er die moderne Interpretation der alten Stücke. Die Inszenierung von Christoph Schlingensief mit der eigenwilligen Hasensymbolik sei besonders gelungen: "Wagner muss keinenfalls langweilig sein". Er hält es für unerlässlich, dass sich die Anhängerschaft Wagners verjüngt. Doch gerade unter Jugendlichen bestünden viele Vorurteile. Ein beliebter Vorwurf sei, dass Wagner Nazimusik sei und urdeutsch. Die Aufklärung über die Rezeptionsgeschichte hält er deshalb für unumgänglich. Trotz der braunen Vergangenheit der Festspiele könne das Werk Wagners immer neu interpretiert werden.

Rausch und Verführung Unter den Sprechern gibt es auch Frauen. Veronika Beran promoviert in Musikwissenschaften und ist nicht nur aus beruflichen Gründen beigetreten. Auch sie ist über ihre Familie mit Wagner in Berührung gekommen.

Ihre Promotion schreibt sie derzeit aber über den italienischen Komponisten Giuseppe Verdi. Sie habe ein Problem mit dem "Rausch" der Wagnermusik, erklärt sie. "Mich hat die Ekstase der Musik nie besonders ergriffen". Deshalb bezeichnet sie sich auch nicht als klassische Wagnerianerin. Der Komponist habe zu gut verstanden, das Publikum zu verführen. Weil die Musik so emotional sei, könne sie leicht missbraucht werden. Dennoch sollte niemand die Rezeption Wagners mit dem Werk verwechseln.

Bayreuth muss also keineswegs altväterlich sein. Für die juvenile Opernliebhaberin ist es eine Kultstätte für junges Theater. Nach ihrer Einschätzung könne Wagner auf junge Menschen großen Eindruck machen: "Auch ohne Erfahrung mit klassischer Musik kann man sich von ihm begeistern lassen".

Leser empfehlen 

(sueddeutsche.de)