Die Beschäftigten der BayernLB quält der Gedanke, bei einem Sanierungsfall zu arbeiten - Tausende Arbeitsplätze sind in Gefahr.
Michael Kemmer wird in diesen Tagen oft an den Abend des 23. Oktober zurückdenken. Als Hunderte BayernLB-Angestellte im Innenhof der Bank an der Brienner Straße standen, "Wir wollen Kemmer" brüllten und es schafften, eine Absetzung Kemmers durch die Staatsregierung in letzter Minute zu verhindern. Kemmer war schwer bewegt an jenem Abend. Vielleicht war es der größte Moment in seiner Karriere. Nadelstreifenträger, die für ihren Boss auf die Straße gehen und demonstrieren - so etwas ist in der Bankerszene selten.
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(© Foto: dpa)
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Einen Monat später ist Kemmer noch immer im Amt. Aber er weiß, dass das nichts zu bedeuten hat. Dass diejenigen, die ihn damals loswerden wollten, weiter an ihrem Ziel arbeiten könnten, auch wenn ihm am Freitag zunächst die Landesregierung das Vertrauen ausgesprochen hat. "Es gibt in der Politik einige Leute, die nehmen dem Vorstandsvorsitzenden Kemmer die Mitarbeiterdemo noch heute sehr übel", sagen Insider der Bank. Wer Kemmer stürze, sei "schlecht beraten". Denn der Chef habe viele Unterstützer.
Retten dürfte ihn das nicht. Ein paar Wochen noch, ein paar Monate vielleicht. Kemmer ist ein Chef im Schwebezustand. Das hat er mit seinen 19000 Mitarbeitern gemeinsam. Niemand hier kann sagen, wie es weitergeht. Mit sich und seinem Arbeitsplatz, mit der Bank, mit den Milliardenbelastungen, die von Woche zu Woche ansteigen.
Zurück in die Zukunft
Die nächsten Demonstrationen, das dürfte Kemmer ahnen, könnten ihm gelten. Dann nämlich, wenn die ersten Stellen gestrichen werden. "Dann wollen wir sehen, ob sich der Vorstand immer noch so leicht damit tut, Demonstrationen im Innenhof zuzulassen", sagt ein Arbeitnehmervertreter.
Die Zeit läuft. Interne und externe Unternehmensberater sitzen bereits seit Wochen zusammen, prüfen die Bank auf Herz und Nieren. Erst vor ein paar Wochen hatte die Landesbank Einsparungen von mehr als 400 Millionen Euro bekanntgegeben. Damals fehlten der Bank 6,4 Milliarden Euro. Heute sind es zehn Milliarden. Eine "Momentaufnahme", wie ein hochrangiger Manager der Bank einräumt.
Ein neues Geschäftsmodell soll her, seit das Institut Milliarden mit riskanten Wertpapieren verzockt hat. Noch weiß niemand genau, wie dies aussehen wird. Nur so viel steht fest: Die Landesbank wird sich wieder stärker auf die Dinge konzentrieren, für die sie vor Jahrzehnten gegründet wurde. Auf die bayerische Wirtschaft, den Mittelstand, die Geschäfte mit den Sparkassen.
"Wozu brauchen wir ein Büro in Hongkong?"
Es sind Zeiten, in denen jeder Mitarbeiter seine ganz eigene Theorie hat, wie es weitergeht. Es hängt davon ab, für welche Abteilung man arbeitet. "Wozu brauchen wir ein Büro in Hongkong?", fragt ein Mitarbeiter aus der Zentrale in der Münchner Brienner Straße. "Oder eine Filiale in New York?" Ein anderer aus dem Geschäft mit Mittelständlern fordert, dass das Kapitalmarktgeschäft eingestellt werden müsse. Jene Geschäfte mit Wertpapieren also, die mit für die Milliardenlöcher der Bank gesorgt haben. "Sie brauchen weniger Führungskräfte, wir haben viel zu viele davon angesammelt", sagt ein Sachbearbeiter. Am besten wäre es, man würde " von oben nach unten runterkürzen".
Oben, unten, In- und Ausland. Alles stehe auf dem Prüfstand, heißt es aus der Bank. Je riskanter ein Geschäftsbereich, desto wahrscheinlicher ist, dass er zurückgefahren wird. "Man bleibt ruhig sitzen und hofft, dass der Blitz links oder rechts einschlägt", sagt ein Manager.
Von drei Gruppen von Mitarbeitern wird berichtet: "Es gibt diejenigen, die sagen, ,uns passiert eh nichts, weil uns bisher nie etwas passierte'. Dann gibt es die, die richtig Angst um ihren Arbeitsplatz haben. Und dann gibt es eine dritte Gruppe. Die wollen nach all den Monaten nichts mehr von dem Thema hören und konzentrieren sich auf ihre Arbeit. Gerade so, als ob nichts wäre."
"Juniorpartner? Niemals!"
Es fällt vielen Bankern der BayernLB noch immer schwer, das Unglaubliche zu akzeptieren. Dass ihre einst so stolze Bank in wenigen Monaten ein Sanierungsfall geworden ist, den es ohne Milliardenhilfen vielleicht schon gar nicht mehr gäbe. Es geht um Stolz, um so etwas wie Ehre. Und es geht darum, dass einiges von all dem zu Bruch ging, seit die Bank vor einem Jahr erstmals eingestehen musste, dass ihr die Engagements am US-Markt mit vermeintlich sicheren Papieren über den Kopf gewachsen waren.
Monatelang war deshalb über eine Fusion mit der ebenfalls angeschlagenen Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) debattiert worden. Ein Zusammenschluss, bei dem die Schwaben das Sagen hätten. Angefangen bei der Frage, ob die künftige Zentrale in Stuttgart oder München ist. "Die BayernLB als Juniorpartner?", fragt ein altgedienter Mitarbeiter der BayernLB. "Niemals."
Vielleicht sind Demonstrationen wie die vom Oktober deshalb so heilsam für das Gemeinschaftsgefühl einer Landesbank. Immerhin gab es da ein gemeinsames Ziel, und das hieß Kemmer. Die Ziele der Zukunft müssen sich erst noch zeigen. Noch hält der Pakt von Arbeitnehmern und Vorstand.
Das war schon die Botschaft bei der großen Kemmer-Demo: Es muss weitergehen, auch und gerade in den schwierigen Wochen der Krise. Heute sagt Betriebsrats-Chef Diethard Irrgang: "Der Kern der Mannschaft arbeitet hochmotiviert an einer Lösung des Problems. Das sind wir mit unserer starken Reputation den Kunden schuldig." Besser hätte es ein Vorstandschef auch nicht formulieren können.
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(SZ vom 29.11.2008/liv)
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