Mit sagenhaften zehn Prozent stürmen die Freien Wähler das bayerische Parlament - und werden aus dem Stegreif drittstärkste Kraft im Landtag.
Hubert Aiwanger hat sich schnell wieder gefasst, so schnell es eben geht bei einem Erfolg dieser Größenordnung: Mit 10,2 Prozent sind die Freien Wähler in den Landtag gestürmt, aus dem Stand sind sie zur drittstärksten Kraft im Maximilianeum geworden.
Die Freien Wähler im Glück - zum ersten Mal ziehen sie in den bayerischen Landtag ein - und gleich an der Spitze aller kleinen Parteien.Sie haben mehr als zehn Prozent der Stimmen errungen. (© Foto: dpa)
Anzeige
Als der Spitzenkandidat am späten Nachmittag telefonisch von den ersten verlässlichen Wahlnachfragen gehört hatte, musste er noch um Worte ringen vor lauter Freude. Dann sprach er von einem "Erdrutschsieg" und einem "Glückstag" für Bayern. Jetzt, im abendlichen Trubel in den Hallen des Landtags, bemüht sich Aiwanger, die Sensation in nüchterne Worte zu kleiden: "Wir sind für unsere Bürgernähe belohnt worden." Der übe schon staatsmännisches Auftreten, sagt einer der Umstehenden. Die Freien Wähler sind schließlich den Zahlen nach erster Ansprechpartner der CSU für eine Koalition - und die zweite Kraft in einem möglichen Viererbündnis gegen die CSU.
"Wir werden nicht ins erstbeste Koalitionsbett springen", verspricht Aiwanger nun in jede Kamera. "Bei den Themen machen wir keine Abstriche", und man werde ja sehen, mit wem das am besten gehe: "Alles ist möglich." In der ausgelassenen Menge bei der Wahlparty der Freien im Münchner Unionsbräu steht allerdings einer, der zu Vorsicht rät: Armin Grein, der FW-Bundesvorsitzende, der zuvor fast drei Jahrzehnte die Geschicke der bayerischen Freien lenkte.
"Wir sind noch unerfahren", sagt er, "wir sollten uns in der Opposition an die Parlamentsarbeit gewöhnen." Die CSU, hört man von anderen Mitgliedern, werde ohnehin "einen Teufel tun und mit Gabriele Pauli anbandeln". Mit der CSU-Rebellin hatte die FW ihr eher unspektakuläres Personaltableau aufgehübscht.
Im Wahlkampf hatten die Freien versucht, sich als neue Heimat für CSU-müde Konservative und als Anwalt der Kommunen zu profilieren. Die Strategie ist aufgegangen. "Die Hybris der CSU ist bestraft worden", ruft Aiwanger nach seinem umjubelten Einzug im Unionsbräu seinen Anhängern zu. "Eine neue Ära hat begonnen."
Es gibt keine Bühne in dem dunklen Saal, der Sieger hat sich auf eine Bank gestellt. "Wir sind lange genug beiseite geschoben worden", ruft er von dort ins Publikum. Langfristig wolle man zweitstärkste Kraft in Bayern werden.
Die Freien Wähler gibt es seit 30 Jahren, und am Anfang war es ein Sieg für sie, irgendwo eine Mülldeponie verhindert zu haben. Mit der Zeit konnten sie sich dann als Anti-Partei profilieren. Ihr Versprechen war simpel: anders zu sein als die Anderen. Es ist nicht verwunderlich, dass es manche innerhalb der Vereinigung lange Zeit für eine schlechte Idee hielten, in den Landtag zu streben.
Zwei Mal haben sie vergeblich Anlauf genommen. Beide Male blieben sie deutlich unter der Fünf-Prozent-Hürde: 1998 bekamen sie 3,7 Prozent, 2003 immerhin 4,0 Prozent der Stimmen. Die Freien mussten warten, bis die CSU schwächelte. Dieser Moment war jetzt gekommen.
Natürlich profitierten sie aber nicht nur von den Fehlern der CSU. 2003 waren sie noch wesentlich schlechter organisiert, sogar in großen Städten fehlte ein Direktkandidat. Die Meinungsforschungsinstitute ließen die FW bei ihren Umfragen einfach weg. Dieses Jahr war alles anders: Kandidaten auf allen Stimmzetteln, dazu der Rückenwind der Kommunalwahl, bei der die Freien 19 Prozent der Stimmen erhalten hatten.
Ob Regierung oder Opposition: Die Parteiendemokratie, sagt Armin Grein, müsse in jedem Fall endlich zu einer "Volksdemokratie" werden. Das sei der Auftrag der Freien im Landtag: "Den Bürgern mehr Einfluss zu verschaffen." Greins Wort vom großen Ziel dieser Volksdemokratie führen viele im Taumel des Unionsbräu im Munde. Aber es gibt keinen, der erklären kann, wie genau das Ende der Parteiendemokratie aussehen soll - jetzt, wo die Freien Wähler noch ein Stück mehr dazugehören.
- Nach den Hochrechnungen "Ein schwarzer Tag für die CSU" 28.09.2008
- Bayernwahl Sieben erste Erkenntnisse 28.09.2008
- Wahldesaster für die CSU Das Ende der Staatspartei 29.09.2008
- Landtagswahl "Ich bin optimistisch" 28.09.2008
- Änderungen in der Schulpolitik Die Schüler haben die Wahl 28.04.2010
- Parteitag der Linken Gysis Machtwort 18.04.2010
- Reisen in Deutschland Servus, Watzmann! 09.04.2010
(SZ vom 28.09.08/cag)
Gewalt in Syrien
Die neueste Antwort
Naja, wer mit dem Ergebnis der Freien Wähler einen Rechtsrutsch verbindet, hat ziemlich viel an Kommunalpolitik der letzten Jahrzehnte nicht ganz mitbekommen. Rechts von der CSU, da wirds sowieso schwierig, da gibts ja eigentlich fast nichts. Das hat die CSU ja in den letzten Jahren sich einverleibt, oder?
Wer sich ein Bild von den FW machen will, und das hat sich jeder bereits die letzten 30 Jahre machen können, sollte sich ansehen, was die über 800 1.Bürgermeister, die mehreren 100 stv. Bürgermeister und die 15 Landräte der Freien Wähler im Freistaat für die Bürger getan haben. Und das ist jetzt honoriert worden, und das zu Recht!