Bayern: G8-Abiturienten Ministerium verärgert Hochbegabte

Mit einem besonders guten Abitur hat man Chancen auf eine Begabtenförderung. Doch dieses Jahr gab es mehr Bewerber als sonst. Kurzerhand verschärfte das Ministerium die Kriterien. Jetzt schaltet sich der Minister ein.

Von Tina Baier

Das Hin und Her um das Abitur des ersten G8-Jahrgangs nimmt kein Ende. Diesmal sind die Hochbegabten betroffen. Zum Beispiel Verena Berthold, die ihr Abitur am Hans-Leinberger-Gymnasium in Landshut gemacht hat. Sie hat so gut abgeschnitten, dass die Schule sie für das Max-Weber-Programm für hochbegabte Studierende angemeldet hatte. Am Freitag bekam sie ihr Abitur-Ergebnis, am Montag sollte sie zur Aufnahmeprüfung in das Hochbegabten-Programm erscheinen.

Offenbar gab es im ersten G8-Jahrgang so viele gute Abiturienten, dass die Kriterien für die Hochbegabtenförderung kurzerhand geändert wurde.

(Foto: dpa)

Sie lernte das ganze Wochenende und stellte sich am Montag von acht bis elf Uhr fünf mündlichen Prüfungen in unterschiedlichen Fächern. Als sie den Prüfungsraum verließ, kam ihr ein Mitschüler entgegen. Ob sie schon davon gehört habe: Die Aufnahmeprüfung habe sie gerade umsonst gemacht, weil sie die Zulassungsbedingungen nun nicht mehr erfülle.

Das Kultusministerium hatte übers Wochenende die erforderliche Gesamtpunktzahl von 774 Punkten auf 812 erhöht. 774 Punkte entsprechen einem Schnitt von 1,5 in den Abiturprüfungen und von 1,3 bei den schulischen Leistungen, die in die Abiturnote einfließen. Verena hatte niemand darüber informiert. "Fast an jedem bayerischen Gymnasium gibt es einen oder mehrere Schüler, die zu der Hochbegabten-Prüfung eingeladen und dann mitten in den Vorbereitungen wieder ausgeladen wurden", sagt Heinz-Peter Meidinger, Vorsitzender des Deutschen Philologenverbands. Der Grund: Das G8-Abitur ist offenbar so gut ausgefallen, dass viel mehr Schüler als sonst die Hürde für das Stipendium genommen haben.

Nach Auskunft des Kultusministeriums sind es etwa 1000, in den Jahrgängen davor waren es maximal 500, die sich um 190 Stipendienplätze beworben haben. Im Kultusministerium hat man deshalb von einer Klausel Gebrauch gemacht, wonach die Hürde für das Max-Weber-Programm angehoben werden darf, wenn das Verhältnis der Stipendienplätzen zur Zahl der Bewerber größer ist als eins zu drei.

Doch von Entschuldigung war keine Rede. Ob sie denn diese Verordnung nicht gelesen habe, bekam Bettina Rubow von einem Mitarbeiter des Ministerialbeauftragten zu hören, der für die Gymnasien in Oberbayern-Ost zuständig ist. Sie hatte nachgefragt, warum ihre Tochter Vera, die am Münchner Luitpold-Gymnasium Abitur gemacht hat, zwei Tage vor der Aufnahmeprüfung in das Stipendienprogramm wieder ausgeladen wurde. "Meine Tochter war sehr enttäuscht", sagt sie. "So kann man mit Bürgern doch nicht umgehen."

Das findet offenbar auch Kultusminister Ludwig Spaenle (CSU). "Alle G8-Abiturienten, die die ursprünglich geltenden Mindestvoraussetzungen erfüllt haben, werden eingeladen", sagte er am Dienstag, als er auf einer Polenreise durch die Anfrage der Süddeutschen Zeitung von der Verärgerung und dem Durcheinander um das Max-Weber-Programm erfuhr. Schließlich müssten die G8-Abiturienten die gleichen Chancen bekommen wie die Absolventen des G9. Alle ausgeladenen Bewerber müssen jetzt wieder eingeladen werden. "Das Problem wird nur sein, dass viele der Betroffenen schon in den Urlaub gefahren sind", sagt Heinz-Peter Meidinger.

Und noch ein anderes Problem könnte auf Spaenle zukommen. "Vieles deutet darauf hin, dass die Noten der G8-Absolventen um etwa zwei Zehntel besser sind als die der G9-Abiturienten", sagt Meidinger. Die Matheklausur etwa, die im G9-Abitur überdurchschnittlich schwierig war, ist im G8 an vielen Schulen extrem gut ausgefallen. Von Chancengleichheit bei der Bewerbung um die Studienplätze könne da keine Rede sein, sagt Meidinger. Und in diesem Punkt kann wohl auch der Minister persönlich nicht mehr nachbessern. Abiturzeugnisse können schließlich nicht umgeschrieben werden.