Bayerische Hausärzte Aus für den Ausstieg

Bayerns Hausärztechef Wolfgang Hoppenthaller ist gescheitert: Die Mediziner haben sich für den Verbleib im Kassensystem entschieden - zumindest vorerst. Denn es gibt noch eine Hintertür.

Von Dietrich Mittler, Nürnberg

Am Ende halfen all die Appelle nichts: Der Aufstand der bayerischen Hausärzte ist gescheitert. Nur 2751 der nahezu 7000 Mitglieder des Bayerischen Hausärzteverbandes folgten am Mittwoch in der Nürnberger Arena dem Aufruf ihres Vorsitzenden Wolfgang Hoppenthaller, kollektiv aus dem Kassensystem auszuscheiden. Das sind 39 Prozent; um den Ausstieg vollziehen zu können hätten 60 Prozent der Verbandsmitglieder ihre Ausstiegsbereitschaft erklären müssen. Hoppenthaller stellte am Ende der Veranstaltung verbittert fest: "Mit solch einem Ergebnis enthaupten Sie sich selbst."

Zu viele seiner Kollegen haben aus Angst vor dem Unbekannten und Ungewissen den Absprung nicht gewagt. Da halfen auch flehende Appelle von Kollegen nichts, die zum Mikrophon eilten und erklärten: "Bitte, bitte gehen Sie vor und geben Sie ihre Stimme ab."

Hausärzte können noch länger abstimmen

Schließlich eilte Hoppenthaller noch einmal zum Rednerpult. Er verkündete, entgegen der vorherigen Ankündigung, es nicht bei der heutigen Abstimmung zu belassen, sondern einen sogenannten Korb aufzumachen. Das heißt, die Hausärzte können jetzt noch bis zum 18. Februar 2011 abstimmen.

Der Verbleib im Kassensystem, so mahnte Hoppenthaller, werde den Hausärzten nicht die Sicherheit bringen, die sie sich durch ihre Unterwerfungshaltung erhoffen. Statt den bislang mehr als 70 Euro pro Patient und Quartal müssten sie künftig voraussichtlich mit einem Regelleistunsvolumen von 30 bis 35 Euro auskommen. "Es mag sich jeder überlegen, wie lange er das durchhält", sagte Hoppenthaller.

Erleichterung hingegen bei den Krankenkassen: "Bayerns Hausärzte haben sich klug und richtig entschieden. Sie wollen zum Wohl ihrer Patienten - aber auch zu ihrem eigenen Wohl im System bleiben", sagte ein Sprecher. Eine gemeinsame Erklärung der Kassen soll am heutigen Freitag herausgehen. Auch Bayerns Gesundheitsminister Markus Söder will die Entscheidung der bayerischen Hausärzte erst am Freitag kommentieren.

Sowohl die Krankenkassen als auch die bayerische Staatsregierung hatten den Ärzten in den vergangenen Tagen und Wochen mit dramatischen Konsequenzen gedroht, falls sie geschlossen ihre Kassenzulassung zurückgeben. In diesem Fall würden sie nicht nur ihre Stammklientel - die Kassenpatienten - verlieren, sondern zugleich würden auch umgehend die Honorarzahlungen eingestellt. Somit bestehe "die Gefahr von Darlehenskündigungen durch die Banken", ließen die Kassen ihre Vertragsärzte wissen. Insbesondere aus Sicht junger Hausärzte ist dies existenzvernichtend, da sich die meisten von ihnen bei ihrer Praxisgründung hoch verschulden mussten.

Kein Kavaliersdelikt

Zudem hatten die Kassen die Ärzte vor Geldbußen in Höhe von bis zu 10.000 Euro gewarnt. Ein kollektiver Systemausstieg von Kassenärzten sei kein Kavaliersdelikt, sondern ein klarer Gesetzesverstoß, der entsprechend geahndet werden müsse. Auch hatten Kassen angekündigt, die ausgestiegenen Ärzte für eventuelle finanzielle Schäden haftbar zu machen.

Diese Drohkulisse zeigte offensichtlich Wirkung. Umsonst hatte Hoppenthaller seinen Kollegen Mut zugesprochen. Sätze wie: "Wenn 4000 bis 5000 Kolleginnen und Kollegen sich heute an der Hand fassen und sagen, wir gehen gemeinsam diesen Weg, dann haben weder die Politiker noch die Kassen uns etwas entgegenzusetzen." Oder: "Wer soll uns denn ersetzen? Die übermüdeten Kollegen in den Krankenhäusern etwa?" wurden zwar mit viel Applaus und zum Teil sogar mit Standing Ovations honoriert, blieben aber letztlich folgenlos.

Einige der zum Austieg bereiten Hausärzte machten ihrer Enttäuschung über den Ausgang der Abstimmung beim Verlassen der Arena Luft. "Ich kann das einfach nicht verstehen", sagte ein Mediziner.