Spontan mit dem Zug fahren geht nicht: Von den etwa 1000 Bahnhöfen in Bayern sind gut 800 nicht barrierefrei, weil dafür das Geld fehlt
Als Anita Knochner neulich mit dem Gabelstapler aus dem Zug gehievt wurde, da dachte sie wieder einmal, dass das doch kein Zustand sei mit der Bahn in Bayern. Die Behindertenbeauftragte der Staatsregierung sitzt im Rollstuhl und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Klagen von behinderten Menschen über die Mühen des Zugfahrens.
(© Foto: Getty Images)
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"Es kann doch nicht sein, dass behinderte Menschen so sehr eingeschränkt werden", klagt Knochner über nicht barrierefreie Bahnhöfe und mangelnden Service. "Schließlich sind viele auf die Bahn angewiesen, weil sie ja auch nicht Auto fahren können."
Ein aktueller Bericht des Verkehrsministeriums bestätigt ihre düstere Analyse: Etwa 1000 Bahnhöfe gibt es demnach in Bayern, und gut 800 davon sind nicht barrierefrei. Weil das Geld fehlt, sei ein behindertengerechter Ausbau auch nicht in Sicht, geht aus dem Bericht hervor. Etwa eine Milliarde Euro sei nötig, um alle Bahnhöfe barrierefrei umzubauen.
Es geht um den Einbau von Aufzügen und Rampen und um die Standardisierung von Bahnsteighöhen. Das betrifft nicht nur Rollstuhlfahrer. Auch ältere Menschen oder Eltern mit Kinderwagen haben Schwierigkeiten an Bayerns Bahnhöfen.
Geldgeber ist der Bund, er stellt für den Ausbau bayerischer Verkehrsstationen jährlich 30 Millionen Euro zur Verfügung. Der Freistaat zahlt freiwillig dazu. Mit einem "nennenswerten Eigenanteil" der DB Station und Service AG als Eigentümerin der Bahnhöfe könne dagegen nicht gerechnet werden, heißt es in dem Bericht. Denn diese sei "zum wirtschaftlichen Einsatz der Eigenmittel verpflichtet".
Weitgehend barrierefrei sind bislang nur die S-Bahn-Stationen in München und Nürnberg. Ein Ausbauplan der Bahn sieht vor, dass bis 2012 die großen Bahnhöfe in Aschaffenburg, Augsburg, Ingolstadt, München-Pasing, München-Ost, Passau, Rosenheim und Würzburg ausgebaut werden.
Die Hauptbahnhöfe in München und Nürnberg sind bereits barrierefrei, so dass 2012 dann 80 Prozent der Fahrgäste ohne Einschränkung reisen könnte, sagte eine Bahnsprecherin. "Es kommt doch nicht auf die Zahl der Bahnhöfe an, sondern darauf, wie viele Fahrgäste es betrifft." Zudem müsse man sozusagen "unter dem rollenden Rad" bauen - und das dauere. Und dann sei da noch "der Riesenfaktor Geld".
Anita Knochner sieht das anders. "Acht Bahnhöfe in sechs Jahren, das kann doch nicht solange dauern", sagt sie. Knochner sieht dabei die Bahn auch finanziell in der Pflicht. "Wer ist hier eigentlich der Serviceleister", fragt sie. In Coburg läuft bereits eine Unterschriftensammlung, um den Druck auf die Bahn zu erhöhen.
Fliegen als Alternative
Anita Knochner selbst fliegt lieber, anstatt mit der Bahn zu fahren, da im Flugzeug stets alles reibungslos funktioniere. Über die Bahn müsse sie sich dagegen regelmäßig ärgern. Vor allem, seitdem das Servicepersonal immer weniger werde. Erst vor kurzem hat die Bahn den Service am Nürnberger Hauptbahnhof eingeschränkt. Dort können Behinderte jetzt nur noch bis 23 Uhr umsteigen.
Damit hat auch Heidi Dintel schon ihre Erfahrungen gemacht. Die 60-Jährige ist Behindertenbeauftragte der Stadt Memmingen und ebenfalls Rollstuhlfahrerin. Wenn sie von Memmingen nach München fahren will, kommt das einer Odyssee recht nahe.
Vor zehn Uhr schafft sie es zu keinem Termin in München, da der sogenannte Mobilitätsservice am Memminger Bahnhof nur von 6.30 Uhr bis 23 Uhr zur Verfügung steht. Die Bahn hat ihn mangels eigenem Personal ausgelagert, ein örtlicher Taxiunternehmer hilft Heidi Dintel nun in den Zug.
Voraussetzung dafür ist allerdings eine rechtzeitige Anmeldung, denn wer Hilfe beim Ein- und Aussteigen braucht, muss seine Fahrten in ganz Bayern bei einer zentralen Rufnummer bis zu drei Tage vorher anmelden. Zudem nimmt Heidi Dintel nur durchgehende Züge. Denn sonst müsste sie in Buchloe umsteigen und das sei mittlerweile beinahe unmöglich, obwohl Buchloe ein Knotenbahnhof ist. Es gibt dort allerdings niemanden mehr, der behinderten Umsteigern hilft.
Stattdessen läuft gerade ein Pilotprojekt der Bahn: Mobiles Personal soll den Bahnhof von Augsburg aus betreuen, mit der Konsequenz, dass nur noch von elf bis 18 Uhr umgestiegen werden kann - nach rechtzeitiger Voranmeldung.
"Spontan mit dem Zug fahren geht nicht", sagt Heidi Dintel. Die nicht barrierefreien Bahnhöfe seien die eine Seite, aber andererseits helfe es behinderten Menschen auch nicht weiter, wenn sie bis zum Gleis kämen, dort aber nicht einsteigen könnten. "In meinen Augen denkt die Bahn da sehr kurzsichtig", sagt sie. Schließlich seien angesichts des demographischen Wandels immer mehr Menschen betroffen. "Das ist ja auch ein Fahrgastpotential."
Die Parteien im Landtag sind sich ausnahmsweise einig, dass der Bahnhofsausbau schneller vorangehen müsse. Der Bericht zeige, "wir haben Nachholbedarf, aber kein Geld", lautet die übereinstimmende Meinung im Verkehrsausschuss. Eine Lösung wusste allerdings keiner.
(SZ vom 19.05.2008/bica)
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Die neueste Antwort
...die Mitnahme von Fahrrädern wird von der Bahn auch nicht gerade gefördert. Laut ADFC ist es nicht mehr möglich, mit der Bahn an einem Tag von München nach Hamburg zu fahren, wenn man ein Fahrrad mitnehmen will.
Der ICE ist für Fahrräder gesperrt, im IC ist es Glückssache, ob man mit dem Fahrrad einsteigen darf.
Bekanntlich gibt es keine Patentlösungen, aber wenn die Bahn wollte, hätte es längst Abhilfe gegeben!
Die Deutsche Bahn bremst nicht nur Bhinderte aus, nachdem, wie dort üblich, das Geld für sinnvolle Pojekte auch für barrierefreie Bahnhöfe fehlt.
Ein weiteres Beispiel für "Ausbremsen" sind hier die mir seit etwa 50 Jahren bekannten "Bahn-Verkehrshindernisse" im Münchner Strassenverkehr.
Paradebeispiel in München ist die, wegen einem Kohlenkeller des Bahnhofs, zweispurige "Laimer Unterführung" in München. Täglich kilometerlange Staus in beiden Richtungen zu allen Berufsverkehrszeiten. Abertausende täglich feststeckender Autofahrer im "Giftkanal" mit Millionen vergeudetem Volksvermögen durch Zeitvernichtung und Auspuffgase aus hochversteuertem Sprit.
Nahezu das gleiche Schauspiel täglich an der Bahnunterführung am Berg am Laimer S-Bahnhof. u.s.w. .
Behinderungsterror durch die Deutsche Bahn AG seit mahr als 50 Jahren.
Wer prügelt endlich einmal juristisch auf solche "Beamtenbetonköpfe" ein, die dafür verantwortlich sind ?
... und man den Fahrgast wie sich das gehört behandeln würde wäre es für mich kein Problem mit der Bahn zu fahren und mehr zu bezahlen als mit dem Auto und dann noch die 2% draufzulegen. So aber nicht.
Wenn man sieht, wofür in bei der Deutschen Bahn Geld zur Verfügung steht, dann kann man sich schon mit Recht darüber ereifern, dass der Zugang zur Bahn - nicht nur Geh- und Sehbehinderten, sondern allen - immer weiter erschwert wird.
Millionen, die in die Planung des Transrapid geflossen sind, obwohl absehbar war, dass das Ding nicht realisierbar ist. Milliarden, die in die Neubaustrecke über Ingolstadt geflossen sind, wo ebenfalls klar war, dass die Kostenvoranschläge nicht haltbar sind. Und eine wenige Minuten langsamere Alternative über Augsburg besser kalkulierbar war und erheblich günstiger gewesen wäre.
Auch für regelmäßige Neu- und Umlackierungen von Wagenpark und Bahnstationen ist Geld da ("sehbehindertenfreundliche" weiße Schrift auf blauem Grund): Neue Herren, neues "branding". Wo Geld sinnlos verschwendet wird, da geht, finde ich, die Forderung nach sinnvollem Mitteleinsatz nicht fehl.
Selbst Lösungen, die nichts kosten würden, werden gescheut: Z.B. muss man in Buchloe zum Umsteigen häufig durch die Unterführung, obwohl zwei Bahnsteigkanten Vis-a-Vis frei wären. Aber die betrieblichen Umstände machen das angeblich unmöglich.
Ich finde auch, man sollte die Fahrpreise um 2 % erhöhen und von den Einnahmen alles sofort behindertengerecht umbauen. Oder sind wir nur entrüstet, wenn andere zahlen sollen?
Paging