Bad Bayersoien Das Torf-Dorf

Für Bad Bayersoien ist das Moor Segen und Fluch zugleich: Baugenehmigungen sind ein Gewaltakt, der Naturschutz aufwendig. Doch Touristen schätzen die gesunden Bäder - die sogar bei unerfülltem Kinderwunsch helfen sollen.

Von Sarah Kanning, Bad Bayersoien

Akkurat wie ein Chirurg schneidet Hans Klöck mit seinem L-förmigen Messer in die schwarze Masse hinein. Mit einem Schmatzen löst sich ein brikettförmiges Stück heraus, das Klöck aus dem Graben hoch zu seiner Frau wirft. Sie schlichtet den Klotz auf ein Briketttürmchen und stapelt einige andere, die schon etwas trockener aussehen, um einen Stab herum.

Was das Ehepaar Klöck an diesem Nachmittag am Haselbachweg in Bad Bayersoien zeigt, ist ein Handwerk, das in Bayern weitgehend in Vergessenheit geraten ist: das Torfstechen. "Wir wollen die Erinnerung lebendig halten und zeigen, was bei uns in der dritten Generation Familienhandwerk ist", sagt Birgit Klöck. Jeden Montag zieht sie daher mit Mann und Schubkarre über die feuchte Wiese bis zu dem zweieinhalb Meter tiefen Graben, aus dem die beiden die Briketts fördern.

Hans und Birgit Klöck wollen die Erinnerung an das alte Handwerk lebendig halten.

(Foto: Sarah Kanning)

Bad Bayersoien im Landkreis Garmisch-Partenkirchen ist ein sogenanntes Moordorf: Hohe Niederschläge, ein wasserundurchlässiger Boden und damit verbundener Sauerstoffmangel verhindern hier seit Tausenden Jahren, dass pflanzliche Reste abgebaut werden können. Sie vertorfen. Diese Torfschicht wächst im Jahr um einen Millimeter - in Bad Bayersoien ist sie an der tiefsten Stelle 7,20 Meter hoch. Im diesem Moor sind also Baumstämme und Wurzeln eingeschlossen, die zur Zeit Christi oder der Alten Ägypter standen.

Ein Schatz, der bewahrt werden muss

Für Biologen wie Helmut Hermann, der sich mit Exkursionen und viel Herzblut dafür einsetzt, dass Moore erhalten bleiben, ist Bad Bayersoien ein Schatz, der unbedingt bewahrt werden muss. Große Moorflächen sind in Deutschland selten geworden, 95 Prozent der Moore wurden über die Jahrhunderte durch Entwässerung und Abbau zerstört. Einerseits, um der Natur Boden für Häuser und Wald abzutrotzen, andererseits war Torf 300 Jahre lang ein wichtiger Brennstoff, zuletzt nach dem Zweiten Weltkrieg. Birgit Klöck weiß, dass ihre Großeltern einst mit den Kindern zusammen bis zu 40 000 Briketts in einem Frühjahr fertigten. Eine mühsame Arbeit. Sie selbst verfeuern nur ein bisschen Torf, nur zum Eigengebrauch. "Seit ich weiß, was in dem Boden drinsteckt, habe ich richtig Respekt davor", sagt Hans Klöck.

Für die Gemeinde Bad Bayersoien ist das Moor Fluch und Segen zugleich. Baugebiete in dem weichen Gelände auszuweisen ist schwierig, den schwarzen Baaz zu vermarkten auch nicht immer einfach. Und doch sind es gerade das Moor, die Heilwirkung und die Landschaft, die Touristen in das 1100-Einwohner-Örtchen in den Ammergauer Alpen locken. Die Bad Bayersoiener tun viel dafür, ihre Landschaft intakt zu halten, seit das Kurwesen Ende der Neunzigerjahre in ganz Deutschland einen Dämpfer bekam. Mit Hilfe des Biologen Hermann renaturieren sie offene Flächen am Bayersoiener See, ihrem Moorsee. Sie gestalteten eine kleine Moorrunde, auf der Gäste und Spaziergänger erfahren, warum die kargen Moorlandschaften besonders schutzbedürftig und schützenswert sind.

Turmbau zu Bad Bayersoien: Beim Schautorfstechen werden die Briketts an einem Stab geschichtet.

(Foto: Sarah Kanning)

So erfahren Interessierte, dass Moore extrem viel Wasser speichern können und daher einen natürlichen Hochwasserschutz bilden. Auch sind Moore riesige Kohlenstoffdioxidspeicher und bieten einer ganz besonderen Flora und Fauna Lebensraum, wie der Gerandeten Jagdspinne, dem Torfmoos und dem fliegenverspeisenden Rundblättrigen und Langblättrigen Sonnentau.

Ein Kreis von 15 Jahren

Die vier Moorbetriebe im Ort, die Bäder im 43 Grad warmen Bergkiefernhochmoor anbieten - das Parkhotel, das Kurhotel St. Georg, das Vitalhotel Moosanger und das Haus Franziska am See -, kaufen ihr Moor von der Gemeinde und bringen es nach der Anwendung zurück an die Aushubstelle. So schließt sich der Kreis. Das dickbreiige Moor kann nach etwa 15 Jahren erneut verwendet werden.

Etwa alle drei Wochen fährt Thomas Berchtenbreiter vom Haus Franziska mit dem Traktor an das gemeindliche Moorgelände neben dem Torfgraben der Familie Klöck. Er lädt den Anhänger voll und lässt die schwarze Masse bei sich zu Hause durch den Häcksler laufen, um Wurzeln und Steine herauszuholen. Besonders gut soll Moor auf Grund seiner Huminsäure bei Entzündungen wirken sowie bei unerfülltem Kinderwunsch. Wie viele Frauen mit diesem Anliegen nach Bad Bayersoien kommen, kann Berchtenbreiter nicht sagen. Die meisten seien da sehr zurückhaltend. Diese Erfahrung machte auch die Gemeinde, die gerne für jedes Moorbaby einen Baum pflanzen würde. Doch den meisten Eltern ist so viel Aufmerksamkeit unangenehm. Immerhin: Ein halbes Dutzend Bäume steht schon.

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Für den Tipp bedanken wir uns bei Gisela Kieweg, 1. Bürgermeisterin von Bad Bayersoien