Ausbildung für Flüchtlinge "Lasst uns diese Menschen integrieren"

Bayerische Handwerksbetriebe wollen mit der Ausbildung junger Flüchtlinge Fachkräfte für die Zukunft gewinnen - und damit gleichzeitig die Jugendlichen in die Gesellschaft integrieren.

(Foto: dpa)

Die Handwerkskammern in München und Oberbayern wollen Flüchtlinge gezielt in Ausbildungsberufe vermitteln. Dafür wurde sogar eine eigene Stelle geschaffen - die des Flüchtlingsakquisiteurs. Das Projekt will weit mehr als nur leere Stellen besetzen.

Von Dario Nassal

Said reibt sich die Hände. Grauer Novemberhimmel über München. Er schüttelt den Kopf. An die Kälte habe er sich immer noch nicht gewöhnt. "Bei mir zu Hause ist es das ganze Jahr über warm", sagt Said. Zu Hause - ein bisschen ist das immer noch Dschalalabad in Afghanistan, eine Provinzhauptstadt nahe der Grenze zu Pakistan. Vor zweieinhalb Jahren ist Said von dort nach Bayern geflüchtet. Nach dem Tod seines Vaters musste er weg. Er flog von Kabul nach Teheran, schlug sich weiter durch, per Anhalter, mit Bussen und Zügen von der Türkei über Griechenland, Italien und schließlich nach Deutschland. Die Flucht dauerte sechs Monate. Said war 15 Jahre alt.

Mittlerweile hat der 17-Jährige die Hauptschule abgeschlossen und macht seine Ausbildung als Heizungsmechaniker bei einem mittelständischen Betrieb in München. Said Abduhlwahed Haschimi ist einer der wenigen Flüchtlinge, die in Oberbayern bisher eine Lehre im Handwerk machen. Wenn es nach Handwerkspräsident Georg Schlagbauer geht, wird es bald mehr Lehrlinge wie Said geben.

"Es ist die soziale Verantwortung des Handwerks"

Denn seit Schlagbauer im Juli ins Amt gekommen ist, verfolgt der Handwerkskammerpräsident eine Idee: Flüchtlinge in München und Oberbayern sollen gezielt in Ausbildungsberufe vermittelt werden. Der Kammerpräsident will damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen: Zum einen soll es Betrieben leichter gemacht werden, motivierte Auszubildende zu finden, um die vielen unbesetzten Lehrstellen zu vergeben - in Oberbayern sind das allein 1700. Zum anderen: "Es ist die soziale Verantwortung des Handwerks, Menschen mit tragischem Schicksal einen Platz in der Gesellschaft zu geben."

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Seit August gibt es deshalb eine neue Stelle bei der Handwerkskammer München und Oberbayern, gefördert vom bayerischen Wirtschaftsministerium: der Flüchtlingsakquisiteur. Christoph Karmann vermittelt Flüchtlinge gezielt in Handwerksberufe, berät die Betriebe und begleitet die Flüchtlinge während ihrer Ausbildung in Oberbayern. Said hat seine Lehrlingsstelle selbst gefunden, doch Said hatte auch hervorragende Schulnoten vorzuweisen. Damit auch viele andere Flüchtlinge eine Chance bekommen, soll es gezielt Veranstaltungen geben, an Schulen und in Betrieben: Junge Flüchtlinge sollen die Qualität des bayerischen Handwerks vermittelt bekommen und Betriebe sollen sensibilisiert werden für die Arbeit mit Menschen aus anderen Kulturen.

"Hier ist auch die Politik gefordert", sagt CSU-Mann Schlagbauer. Er möchte von der Stadt mehr Geld, für den Sprachunterricht der Flüchtlinge und für Sozialarbeiter, die Flüchtlinge während ihrer Ausbildung betreuen. Einen entsprechenden Antrag brachte Schlagbauer vergangene Woche in den Stadtrat ein.

"Lasst uns diese Menschen integrieren - durch eine ordentliche Ausbildung!"

Flüchtlinge sollen länger in Deutschland bleiben und schneller arbeiten dürfen - solche Forderungen hört man von der CSU eher selten. Ähnlich neue Töne gibt nun auch Münchens zweiter Bürgermeister und CSU-Politiker Josef Schmid von sich: "Als weltoffene, liberale Stadt wollen wir jetzt die Vorreiter auf diesem Gebiet sein. Lasst uns diese Menschen integrieren - durch eine ordentliche Ausbildung!" Das Projekt Flüchtlingsakquise von der Handwerkskammer sei ein großartiges Pilotprojekt, um das zu erproben.

Pilotprojekt, Vorreiter - das klingt nach Avantgarde, nach neuen Wegen. Dabei ist die Idee mit dem Flüchtlingsakquisiteur gar nicht so neu: "Wir beschäftigen uns schon seit Langem intensiv mit dem Thema", sagt Monika Treutler-Walle, Sprecherin der Handwerkskammer Schwaben. In Augsburg gibt es nämlich bereits seit 2009 einen festangestellten Flüchtlingsakquisiteur. Und die Erfahrungen? Die seien bisher sehr positiv. Für Betriebe und für Lehrlinge.

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"Das Problem ist nur, dass es keinen einheitlichen Rechtsrahmen gibt: Für jeden Flüchtling müssen wir individuell abwägen, ob eine Ausbildung und ein anschließender Aufenthalt in Deutschland rechtlich möglich ist!" Das mache die Arbeit der Flüchtlingsakquise kompliziert. "Die Betriebe bei uns in Schwaben wollen mehr Flüchtlinge aufnehmen. Aber aufgrund der komplizierten Rechtslage fehlen uns dafür oft die Kapazitäten", sagt auch Ulrich Wagner, der Geschäftsführer der HWK Schwaben.

Das Modell könnte ein bayernweites Projekt werden

Die Handwerkskammer in Unterfranken schaut dieser Tage gespannt auf die Projekte in München und Augsburg. "Wenn das funktioniert könnten wir uns so etwas auch vorstellen", sagt Pressesprecher Daniel Röper. Das Modell Flüchtlingsakquise, es könnte ein bayernweites Projekt werden.

Said jedenfalls würde es freuen. "An guadn", sagt er und beißt in ein Schinkenbrot. Das mit der Sprache habe er schon ganz gut gelernt.