Augsburg Kinderarzt gesteht Missbrauch von 21 Jungen

Der wegen des Missbrauchs von rund 20 Jungen angeklagte Kinderarzt Harry S. wird zwischen seinen Anwälten Ralf Schönauer (r) und Moritz Bode (l) in einen Gerichtssaal geführt.

(Foto: dpa)
  • Seine Taten fotografierte der Kinderarzt Harry S. und speicherte alles auf seinem Computer.
  • Die Verlesung der Anklageschrift dauert fast zwei Stunden. Anschließend legt der Angeklagte ein Geständnis ab.
Aus dem Gericht von Stefan Mayr, Augsburg

Harry S. starrt auf den Tisch und beißt auf seine Lippen. Je länger die Verlesung der Anklageschrift dauert, desto kleiner wird der Angeklagte, desto verkrampfter. Wenn die Details seiner Taten besonders unappetitlich sind, blickt er verstohlen umher. Zu den Richtern des Landgerichts Augsburg, in den vollbesetzten Zuhörerbereich, zu seinen zwei Anwälten neben ihm.

In diesem Moment wirkt er nicht wie 40 Jahre alt, sondern wie ein Bub, der Hilfe suchend zu seinem Vater aufschaut. Harry S. wirkt wie ein braver Musterschüler, sehr harmlos. Aber dieser Eindruck täuscht: Die Staatsanwaltschaft Augsburg wirft dem Kinderarzt vor, 21 Buben im Alter von fünf bis elf Jahren mitunter schwer sexuell missbraucht zu haben.

Nach einer fast zweistündigen Verlesung der Anklageschrift legt der Angeklagte ein Geständnis ab: "Ich kann nur um Vergebung bitten für das, was ich getan habe", sagt er mit stockender Stimme. Seine Wortwahl ist so, wie man es sich von einem Oberarzt vorstellt, er drückt sich etwas umständlich aus: "Ich stehe dazu, dass ich den Opfern und ihren Angehörigen durch meine Taten schlimmen Schaden und großes Leid zugefügt habe." Mit seinem Geständnis wolle er allen Beteiligten "die Möglichkeit geben, die Taten zu verarbeiten".

Bei drei Kurztrips kam es zu mehreren Übergriffen

Die Verlesung der Anklageschrift zieht sich auch deshalb unerträglich lange hin, weil jeder einzelne Fall des Kindesmissbrauchs detailliert beschrieben wird. Wie der Angeklagte seine jungen Opfer ansprach und ihre Hilfsbereitschaft ausnutzte. Wie er ihnen eine Belohnung für ihre Hilfe in Aussicht stellte. Wie er sie mitnahm, anfangs in Kellerabteile oder Tiefgaragen, am Ende in seine Wohnung. Wie er sie zwang, sich zu entblößen. Wie er versuchte, ihren Intimbereich zu streicheln. Wie er Fotos oder Filme von sich und seinen Opfern anfertigte. Wie er nach vollbrachter Untat den Kindern versprach, eine Belohnung zu holen. Und wie er dann einfach verschwand.

Dieser Fall ist in vielerlei Hinsicht ungewöhnlich. Erstens wegen der großen Anzahl der Opfer und der sieben langen Jahre, über die sich die Taten hinzogen. Zweitens wegen des Berufs des Angeklagten: Er war Kinderarzt am Klinikum Augsburg, am Klinikum der TU München und der Medizinischen Hochschule Hannover.

Zudem war er beim Bayerischen Roten Kreuz (Kreisverband Augsburg) Vorstandsmitglied und Chefarzt. Diese Stellung nutzte er auch für sein dunkles Doppelleben aus: Unter dem offiziellen BRK-Logo trat er an Grundschulen heran und bot "benachteiligten" Schülern kostenlose Ausflüge an. Dabei kam es bei drei Kurztrips im Großraum München zu mehreren Übergriffen.

Er fotografierte und speicherte alles auf seinem Computer

Vor allem aus Sicht eines Opfers hat der Fall eine schwer fassbare Komponente: Patrick S. war lange Zeit gar nicht bewusst, dass er von Harry S. missbraucht worden war. Im Gegenteil: Er erachtete Harry S. als guten Freund und sogar als eine Art Ersatzvater. Patricks Mutter war zeitweise die Lebensgefährtin des Angeklagten. Harry S. nutzte das Vertrauen aus, um sich sexuell an dem Buben zu befriedigen.

Dabei verabreichte er ihm Betäubungsmittel und eine weitere Substanz, die Erinnerungsausfälle bewirkt. Harry S. verging sich nachts an dem bewusstlosen Buben und fotografierte alles. Als sein junges Opfer am nächsten Morgen erwachte, war es vollkommen arglos und ahnte nichts.

Erst Jahre später, nach der Festnahme des Arztes im Oktober 2014, wuchs in Patrick der schreckliche Verdacht. Hat er auch mich missbraucht? Patrick und seine Mutter hätten wohl bis ans Lebensende mit der Ungewissheit leben müssen, wenn der Angeklagte seine Taten nicht fotografiert und auf seinem Computer abgespeichert hätte.

Im Schwimmbad fiel ihm auf, dass ihm der Anblick kleiner Jungen gefiel

Harry S. hatte seine Taten in Augsburg, München, Nürnberg und Hannover begangen. Dabei wurden die Zeiträume zwischen den Fällen immer kürzer, und er wurde dabei auch immer brutaler. Der massivste Übergriff geschah im August 2014. Er machte bundesweit Schlagzeilen.

Damals lockte S. in Garbsen bei Hannover einen Fünfjährigen in sein Auto. Er zwang ihn, ein Betäubungsmittel zu schlucken, trug ihn in seine Wohnung, missbrauchte ihn auf seinem Bett. Danach schlug und beschimpfte er ihn und setzte ihn schließlich aus. Eine Passantin beobachtete, wie er das weinende Kind auf die Straße setzte, obwohl dieses wegen der Medikamente noch Gleichgewichtsstörungen hatte.

Trotz erdrückender Beweislage hatte der Junggeselle in der Untersuchungshaft monatelang nichts zu den Vorwürfen gesagt. Erst kurz vor Prozessbeginn brach er sein Schweigen und legte ein Geständnis ab. Am Montag berichtet er vor Gericht, wie er zunächst erste sexuelle Kontakte mit Mädchen und Frauen hatte. Irgendwann sei ihm im Schwimmbad aber aufgefallen, dass ihm der Anblick kleiner Buben gefiel. "Das hat sich dann wie eine Spirale zugezogen", berichtet er - und kämpft mit den Tränen.

Der Prozess ist bis März terminiert. Das Strafgesetzbuch sieht für schweren sexuellen Missbrauch von Kindern sowie für Vergewaltigung jeweils eine Haftstrafe von zwei bis 15 Jahren vor. Nach Angabe des Gerichts kommt auch eine Sicherungsverwahrung oder die Einweisung in ein psychiatrisches Krankenhaus in Betracht. Seine Approbation hat Harry S. abgegeben.