Von K. Frank und K. Riedel

Immer mehr ganz normale Kinder werden als krank erachtet - und gegen Depression, Gefühlsarmut und Hyperaktivität behandelt.

Ansgar ist sieben und ein ganz normales Schulkind. Er spielt gern Playmobil und mag Milchreis. Seine Sporttasche räumt er nicht immer von allein aus und manchmal vergisst er, sein Fahrrad abzuschließen. Doch Ansgar ist in Therapie. Der Erstklässler macht seit zwei Jahren eine Spieltherapie mit. Der Kindergarten riet dazu, weil er noch nicht alles konnte, was ein Schulkind können muss. Eine Schleife binden zum Beispiel.

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Ist aus dem nervenden Zappelphilipp von einst heute der kranke Schüler mit ADHS geworden? (© Foto: ap)

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Die Krankenkasse hat die Kosten übernommen. Ansgar gefallen die Stunden bei seiner Therapeutin gut. "Ich glaube, das ist ein Symptom unserer Zivilisation: Ansgar hat einfach einen Ersatz für die Oma in der Nachbarschaft gebraucht, die er nicht hat", sagt seine Mutter.

"Jedes fünfte Kind ist bereits bei der Einschulung therapiebedürftig", sagt Klaus Wenzel vom Bayerischen Lehrerinnen- und Lehrerverband. Eine Zahl, die auch Verbände wie die bayerische Psychotherapeutenkammer anführen, wenn sie von der Politik fordern, die Vorbeugung gesetzlich zu verankern. Ob diese Zahl stimmt, lässt sich objektiv kaum belegen. Wer beklagt, dass immer mehr Kinder psychisch auffällig seien, beruft sich vor allem auf Gefühlswerte. Oder auf eine Studie, die dies zu belegen scheint.

Das Robert-Koch-Institut hat von 2003 bis 2006 gut 17.000 Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre untersucht. Sie und ihre Eltern haben Fragebögen ausgefüllt, die zur Diagnose von Seele und Verhalten dienten. Herauskam: Jeder fünfte Befragte zeigte psychische Auffälligkeiten. 10 Prozent klagten über Ängste, 7,6 Prozent zeigten Störungen des Sozialverhaltens, 5,4 Prozent Depressionen.

Ob heute tatsächlich mehr Kinder Störungen zeigen oder ob vor allem der Blick für Auffälligkeiten wie das Aufmerksamkeits-Defizit-Syndrom (ADHS) tatsächlich gestiegen ist, kann niemand letztgültig sagen, weder das Kultus- noch das Sozialministerium haben hieb- und stichfeste Zahlen. "Es gibt allerdings eine Tendenz, alles, was von der Norm abweicht, als therapiebedürftig einzustufen", sagte Sozialministerin Christine Haderthauer der Süddeutschen Zeitung.

Bereits 2004 ließen zwei Abgeordnete des bayerischen Landtags im Gesundheitsministerium anfragen, warum gerade in Bayern so viele Kinder, bei denen ADHS diagnostiziert wurde, mit dem Medikament Ritalin behandelt werden. In der Stellungnahme hieß es, zwei bis sechs Prozent aller Schüler seien davon betroffen.

Die Kassenärztliche Vereinigung Bayern sagte damals, dass die Zahl der Ritalin-Verordnungen steige, weil es "lange Zeit unterverordnet" wurde. Etwa 14 Prozent aller in Bayern im ersten Quartal 2008 psychotherapeutisch behandelten Patienten seien unter 17 Jahre alt gewesen, so eine KV-Sprecherin. 48Prozent wurden tiefenpsychologisch behandelt, 33 Prozent verhaltenstherapeutisch.

Die häufigsten Störungen waren Lese-Rechtschreib-Schwäche, ADHS, Autismus sowie Störungen des emotionalen Empfindens oder des Sozialverhaltens. Insgesamt haben sich 2008 ein Drittel mehr Bayern in Psychotherapie begeben als noch vor acht Jahren.

Margit Munique ist seit 24 Jahren Grundschullehrerin in Theilhofen (Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen). Nach ihrem Empfinden gibt es seit zehn Jahren mehr Kinder mit motorischen und sprachlichen Defiziten. Von 17 Schülern, die sie derzeit in ihrer Klasse unterrichtet, hatten sechs bei der Einschulung solche Störungen. Schuld sind aus ihrer Sicht auch die Eltern. Vor der Schule morgens schon fernsehen, Videospiele mit älteren Geschwistern ansehen - kein Wunder, dass die Kinder dann "total aufgeladen" in die Schule kämen.

Ist aus dem nervenden Zappelphilipp von einst heute der kranke Schüler mit ADHS geworden? "Meiner Erfahrung nach ja", sagt Frau Munique.

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(SZ vom 24.03.2009)