Asylpolitik Wieviele Flüchtlinge in Bayern eine Ausbildung anfangen, hängt von der Perspektive ab

In der Metallbranche haben schon einige junge Asylbewerber eine Ausbildung begonnen. In Bayern werden im Herbst wohl viele Lehrstellen frei bleiben.

(Foto: Wagner/dpa)
  • In Bayern herrscht branchenübergreifender Fachkräftemangel.
  • Wie viele Geflüchtete genau inzwischen eine Ausbildung begonnen haben oder überhaupt in Arbeit sind, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen von unterschiedlichen Akteuren.
  • Schätzungen gehen von 4000 bis 5000 Geflüchteten aus, die zum September mit einer Ausbildung in Bayern beginnen könnten.
Von Maximilian Gerl

Im September beginnt das neue Ausbildungsjahr. Schon jetzt ist klar: Auch in diesem Jahr werden wieder zahlreiche Lehrstellen im Freistaat unbesetzt bleiben. Ende Juli fehlten 34 641 Azubis. Es herrscht Fachkräftemangel, branchenübergreifend. Die Nöte vieler Betriebe sind groß. Flüchtlinge könnten die Lücke zumindest verkleinern, viele von ihnen sind jung und würden gerne arbeiten. Doch wie viele Geflüchtete genau inzwischen eine Ausbildung begonnen haben oder überhaupt in Arbeit sind, darüber gibt es unterschiedliche Aussagen von unterschiedlichen Akteuren.

Eine einheitliche Zahl für ganz Bayern fehlt. Ob ein Mensch geflüchtet ist, wird statistisch oft nicht abgefragt. Außerdem stehen manche Werte erst mit Verspätung zur Verfügung. Das macht Vergleiche mit anderen Statistiken schwierig. Schätzungen gehen von 4000 bis 5000 Geflüchteten aus, die zum September mit einer Ausbildung in Bayern beginnen könnten. Der Versuch eines Überblicks:

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Wirtschaftsministerium

Immer im Frühjahr und Herbst veröffentlicht das Wirtschaftsministerium eine Übersicht zum Stand der Integration. Aktuelle Zahlen werden derzeit erhoben. 2016 fanden demnach bayernweit 60 741 sogenannte Integrationen in Praktika, Ausbildung und Arbeit statt. Der Name deutet an, dass Mehrfachzählungen nicht ausgeschlossen sind - wer etwa ein Praktikum machte und dann einen befristeten Helferjob annahm, taucht eventuell doppelt in der Statistik auf. Für die Zahlen fragt das Ministerium etwa bei Arbeitsagentur und Wirtschaftskammern nach.

Bildungsministerium

Überall in Bayern gibt es Berufsintegrationsklassen für Flüchtlinge. Der Unterricht geht über zwei Jahre und soll auf eine Ausbildung vorbereiten. Die Absolventenzahlen geben daher einen Eindruck, wie viele junge Geflüchtete dem Arbeitsmarkt überhaupt zur Verfügung stehen. Laut Ministerium schlossen in diesem Sommer etwa 5500 Flüchtlinge eine Berufsintegrationsklasse ab. Die Absolventen seien vor allem Jugendliche und junge Erwachsene, "die noch vor dem massiven Flüchtlingszustrom vom Herbst 2015 sowie den folgenden Monaten nach Bayern gekommen waren", sagt ein Ministeriumssprecher. Im kommenden Sommer werde die Zahl der Absolventen wohl bei gut 13 000 liegen.

Agentur für Arbeit

Die Zahlen aus den Jobcentern wirken zunächst vergleichsweise niedrig. Nur 765 Geflüchtete in Bayern fanden demnach zum Juli 2017 eine Ausbildungsstelle. Auf den zweiten Blick wird klar, dass die tatsächliche Zahl weit höher liegen muss. Nicht alle ausbildungssuchende Flüchtlinge sind bei einem Jobcenter gemeldet. Wer etwa direkt aus einem Praktikum in eine Ausbildung übernommen wurde, hatte keinen Anlass, dazwischen aufs Amt zu gehen - und taucht daher in den Zahlen nicht auf. Statistisch besser nachvollziehen lässt sich, dass die ins Leben gerufenen Arbeitsmarktmaßnahmen inzwischen Erfolge zeigen.

Zum Beispiel haben immer mehr Ausländer, die aus einem der acht Hauptasylherkunftsländer stammen, einen sozialversicherungspflichtigen Job. Ihre Zahl erhöhte sich von 15 827 Personen im Juni 2015 auf 27 272 im Dezember 2016. Allerdings geht das Plus nicht allein auf die Geflüchteten zurück, die vom Herbst 2015 an nach Bayern kamen. Die Regionaldirektion der Arbeitsagentur geht aber davon aus, dass sie zumindest einen großen Teil des Anstiegs ausmachen.

Kammern

Die bayerischen Industrie- und Handelskammern (IHK) gehen derzeit von 3100 neuen Ausbildungsverträgen für 2017 aus. Zum Vergleich: 2016 waren es 1803. Insgesamt befanden sich damals etwa 3200 Flüchtlinge in einer IHK-Ausbildung. Bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern spricht man von bislang 455 neuen Azubis mit Fluchthintergrund, Zahlen für ganz Bayern lägen noch nicht vor. Im vergangenen Jahr waren 1331 Flüchtlinge in einer Handwerksausbildung - rund 200 weniger, als die Jahresübersicht des Wirtschaftsministeriums ausweist. Wie die Arbeitsagentur erfassen die Handwerkskammern das Herkunftsland des Lehrlings, nicht seinen rechtlichen Status. "Es gibt auf dem Lehrvertrag kein Kästchen zum Ankreuzen für Flüchtling", sagt ein Sprecher der Handwerkskammer München und Oberbayern.

Wirtschaftsinitiativen

Auch Teilnehmer von Qualifizierungsprogrammen tauchen nur zum Teil in anderen Statistiken auf. Die größte Initiative ist die "IdA 1000"-Kampagne der beiden bayerischen Metall- und Elektro-Arbeitgeberverbände Bayme und VBM. Sie betreuten zuletzt 1295 junge Geflüchtete. Von diesen konnten 384 Personen direkt in eine Anschlussbeschäftigung vermittelt werden: in ein Praktikum, eine Helferstelle oder eine Ausbildung.

Probleme und Potenziale

Die Integration geht voran. Einige für Unternehmer wichtige Vorschriften wurden präzisiert, zum Beispiel die 3+2-Regelung. Laut dieser darf fünf Jahre bleiben, wer eine Ausbildung beginnt - das schafft Planungssicherheit. Dennoch bleibt viel tun. Integration sei "ein langer Marsch, auf dem viele Steine aus dem Weg geräumt werden müssen", sagt Eberhard Sasse, Präsident des Bayerischen Industrie- und Handelskammertags. Bertram Brossardt, Geschäftsführer von Bayme und VBM, sagte bei der Vorstellung der "IdA"-Ergebnisse im Juli: "Extrem wichtig ist eine intensive und kontinuierliche Betreuung der Flüchtlinge aus einer Hand."

Daneben zählen die Vermittlung von Deutsch- und Schulkenntnissen zu den Kernherausforderungen. Schwierigkeiten gibt es auch regelmäßig mit den Behörden: etwa rechtliche Unsicherheiten und Missverständnisse, was die Arbeitserlaubnis angeht. Immer wieder berichten Flüchtlingshelfer, den Ausländerbehörden fehle eine einheitliche Linie. Der Erfolg eines Asylgesuchs - und damit unter Umständen der Arbeitsaufnahme - hänge oft davon ab, welcher Gemeinde der Antragssteller zugewiesen wurde.

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