Asylbewerber Schweden? Falsche Antwort!

In der Clearingstelle empfangen Bundespolizisten die Flüchtlinge.

(Foto: dpa)

Die Bundespolizei weist an der bayerischen Grenze alle Flüchtlinge zurück, für die Deutschland nur Zwischenstation ist. Ob die Maßnahme greift, ist allerdings zweifelhaft.

Reportage von Andreas Glas, Passau

Die Notunterkunft in Passau heißt auch deshalb so, weil sie notdürftig eingerichtet ist. Es gibt keine Schreibtische, es gibt nur Biertische. Zum Beispiel in Halle zwei, die nicht nur ein Schlaflager ist, sie ist auch ein Großraumbüro. Statt Trennwänden stehen Baustellengitter herum, blickdicht gemacht mit grünen Plastikplanen. An einem Biertisch sitzen sich gegenüber: ein bärtiger Afghane und ein bärtiger Bundespolizist, daneben der Dolmetscher, kein Bart.

Der bärtige Bundespolizist fragt nach Namen, Alter und Herkunftsland, der Dolmetscher übersetzt, der bärtige Afghane antwortet. Dann stellt der Bundespolizist die wichtigste Frage: Wo der Afghane hin möchte, in welches Land? Der Dolmetscher übersetzt, der Afghane sagt: Schweden.

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Es ist die falsche Antwort, aber das scheint dem Afghanen noch nicht bewusst zu sein. Der Afghane heißt Sadeq, er ist 17 Jahre jung, er muss jetzt noch ein Formular unterschreiben, dann bringen ihn die Polizisten in den Warteraum, dessen Wände ebenfalls aus Baustellengittern bestehen. Im Warteraum hocken, liegen, stehen etwa 40 weitere Menschen.

Was mit den Zurückgewiesenen geschieht

Diejenigen, die auf die wichtigste Frage nicht mit Deutschland geantwortet, sondern als Ziel Schweden genannt haben oder Dänemark oder ein anderes Land. Diejenigen, die der deutsche Staat nun dorthin zurückschickt, wo sie gerade her gekommen sind: nach Österreich. So will es die Dublin-Verordnung.

Es ist Mittwochvormittag in Passau und das dänische Fernsehen ist auch da. Ein Reporter und ein Kameramann, sie wollen wissen, wie die Nachbarn darauf reagieren, dass Dänemark neuerdings seine Grenze zu Deutschland kontrolliert, um die Zahl der Flüchtlinge in ihrem Land zu begrenzen. Manche fürchten ja einen Domino Effekt. Sie fürchten, dass nach Schweden und Dänemark auch Deutschland seine Grenzpolitik weiter verschärft. Ist das so? Die Antwort lautet: ja und nein.

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Denn einerseits wird allen Flüchtlingen, für die Deutschland nur eine Zwischenetappe nach Skandinavien ist, die Einreise verweigert, sie werden direkt nach Österreich zurückgeschickt. Andererseits ist diese Praxis nicht neu, sie gilt bereits seit Mitte Dezember. Aber erst jetzt, da Schweden und Dänen ihre Grenzen wieder kontrollieren, kommt dem Verfahren ein weiterer Zweck zu: Das Einreiseverbot soll verhindern, dass sich an der deutsch-dänischen Grenze ein Rückstau bildet - oder schlimmer noch: Chaos und Gedränge, wie zuletzt an den Grenzzäunen zwischen Kroatien, Slowenien und Österreich.

Etwa 3000 Flüchtlinge kommen seit dem Jahreswechsel täglich in Bayern an. Diese Zahl verteilt sich ungefähr zur Hälfte auf die Grenzübergänge im Raum Rosenheim und auf die Grenzübergänge im Raum Passau. Allein in Passau, sagt ein Bundespolizeisprecher, werden jeden Tag zwischen 60 und 100 Flüchtlinge nach Österreich zurückgewiesen - weil sie angeben, nur deshalb nach Deutschland einzureisen, um ihre Flucht von dort aus nach Skandinavien fortzusetzen. Was in der Theorie bedeutet, dass in Dänemark und Schweden schon bald keine Flüchtlinge mehr ankommen dürften. Aber das ist natürlich ein Trugschluss.

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