Asylbewerber in Bayern Zufluchtsort Kaserne

Hoffnungslos überfüllt: Rund 100 Flüchtlinge, die eigentlich in Zirndorf unterkommen sollten, müssen vorübergehend in einem Festzelt in Nürnberg leben.

(Foto: dpa)

In Bayern stehen viele Kasernen leer, weil die Bundeswehr oder die amerikanischen Streitkräfte abziehen. In neun früheren Militärarealen leben bereits Asylbewerber - bald sollen noch mehr Kasernen Unterkunft für Flüchtlinge bieten.

Von Katja Auer, Nürnberg

Herbert Eckstein wollte sich nicht vorwerfen müssen, er habe zu wenig getan. Auch wenn er als Landrat gar nicht zuständig ist. Aber als er mitbekam, wie die Asylbewerber im überfüllten Erstaufnahmelager in Zirndorf zurzeit hausen müssen, da wollte er einfach etwas tun. Und so hat der Rother SPD-Landrat der Bundesverteidigungsministerin angedroht, den leer stehenden Teil der Otto-Lilienthal-Kaserne in Roth zu beschlagnahmen und dort Flüchtlinge unterzubringen.

Offenbar nicht ohne Wirkung. Am Montag besichtigte eine Abordnung um Sozialministerin Emilia Müller das Gelände, nun wird geprüft, ob dort Asylbewerber wohnen können. Und es sieht ganz danach aus.

Bayern will Kasernen öffnen

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Jetzt zieht der Kelheimer Landrat Hubert Faltermeier (Freie Wähler) nach. Auch er kündigt an, "bundeseigene Gebäude zur Unterbringung von Asylbewerbern zu beschlagnahmen". Konkret geht es um ein ehemaliges Munitionsdepot in Schierling-Langquaid auf der Grenze der Landkreise Kelheim und Regensburg, auf das er die Regierung von Niederbayern schon vor zwei Jahren als denkbaren Standort für eine Flüchtlingsunterkunft hingewiesen habe. Doch "wegen des Unvermögens der vorrangig zuständigen staatlichen Stellen", müsse sich das Landratsamt nun selber kümmern. Eine Sprecherin der Regierung teilte daraufhin mit, dass nun die "baurechtliche Nutzbarkeit und die Kosten für die Erschließung" geprüft würden.

Mehr als 20 Immobilien werden geprüft

In Bayern stehen viele ehemalige Kasernen leer oder werden demnächst frei, weil die Bundeswehr oder die amerikanischen Streitkräfte abziehen. Die Areale gehören zunächst der Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (Bima), die sie an Kommunen oder Investoren weiterverkauft. Man unterstütze kommunale und staatliche Stellen gerne bei der Suche nach Unterkünften für Asylbewerber, teilt ein Bima-Sprecher mit, sofern eine Immobilie nicht kurz vor dem Verkauf stehe. Ansonsten würden "sämtliche freien Gebäude und Freiflächen" angeboten. Konkret habe man in Bayern über 44 Objekte verhandelt, neun davon werden als Flüchtlingsunterkünfte genutzt oder sollen es demnächst werden. Mehr als 20 Immobilien würden von den Behörden noch geprüft.

An diesen Orten könnten Asylbewerber in früheren Kasernen unterkommen.

Zwar warnen manche Kritiker davor, Flüchtlinge aus Kriegsgebieten ausgerechnet in ehemals militärisch genutzten Gebäuden unterzubringen, doch Kasernen bieten zumindest vorübergehend schnell viel Platz. Und der wird dringend benötigt, denn nicht nur die beiden Erstaufnahmeeinrichtungen in München und Zirndorf sind heillos überfüllt, auch die Gemeinschaftsunterkünfte sind voll belegt.

Die Regierung von Unterfranken will deswegen eine Notunterkunft für bis zu 150 Asylbewerber in den Kasernen der US-Armee in Schweinfurt einrichten, die demnächst frei werden. Ebenso will die Regierung von Oberfranken bis zu 180 Flüchtlinge in fünf Häusern in Bamberg unterbringen, die bislang die US-Armee nutzte. Die zieht demnächst ab und macht so beinahe ein Zehntel der Stadtfläche frei. Viele Bamberger hatten sich in einem Asyl-Appell dafür ausgesprochen, auf einem Teil des Geländes Asylbewerber unterzubringen. Nach Auskunft des Bima-Sprechers könnte sich neben diesen beiden bald ehemaligen US-Standorten auch die Wohnsiedlung in Kitzingen als Unterkunft eignen.

Zahlreiche mögliche Orte

In der ehemaligen Alfred-Delp-Kaserne in Donauwörth und im früheren Fliegerhorst in Fürstenfeldbruck sollen Asylbewerber einziehen, ebenso in der leer stehenden Bundeswehrkaserne in Neunburg vorm Wald. In Ansbach könnten auf dem Gelände, wenn auch nicht in der Kaserne selbst, Unterkünfte errichtet werden. Und die neuen Erstaufnahmeeinrichtungen, die in jedem Regierungsbezirk gebaut werden sollen, werden zum Teil ebenfalls auf ehemaligem Militärgelände eingerichtet, etwa in der Bajuwaren-Kaserne in Regensburg. In Bayreuth favorisiert die Stadtspitze zwar einen anderen Standort, doch auch dort soll diskutiert werden, ob die Markgrafenkaserne geeignet sein könnte.

Flüchtlinge statt Soldaten

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Und schließlich gibt es ehemalige Kasernen, die längst als Unterkünfte genutzt werden. Die Münchner Bayernkaserne beispielsweise, das Erstaufnahmelager also, das derzeit wegen Masern geschlossen ist. Auch in der ehemaligen Funkkaserne sind Asylbewerber untergebracht,in der McGraw-Kaserne sollen bald welche einziehen. Im oberpfälzischen Weiden und im unterfränkischen Aschaffenburg, im schwäbischen Sonthofen und im niederbayerischen Landshut, im oberbayerischen Neuburg an der Donau - in ganz Bayern dienen ehemalige Militärgebäude als Gemeinschaftsunterkünfte für Asylbewerber.

Die frühere Emery-Kaserne in Würzburg erlangte traurige Bekanntheit, als sich dort vor zweieinhalb Jahren ein junger Iraner das Leben nahm. Denn auch wenn der Platz momentan dringend benötigt wird - am Konzept der Staatsregierung, Asylbewerber grundsätzlich in Gemeinschaftsunterkünften unterzubringen, gibt es viel Kritik. Doch angesichts der steigenden Asylbewerberzahlen ist davon momentan wenig zu hören. Hauptsache, es muss niemand mehr im Zelt schlafen.