Arbeit Gleiches Geld für alle

Bayern fehlt es an Pflegefachkräften. Ein Branchentarifvertrag könnte das ändern - würden sich nur die Träger einigen

Von Dietrich Mittler

Vor einiger Zeit hat Manuela Müller, Lehrerin für Pflegeberufe, in einer ihrer Rundmails auf die Lage ihrer Schüler hingewiesen. "Noch nie hatte ich so ein intensives Gefühl der Angst", schreibt sie. Es werde nicht lange dauern, bis etliche der angehenden Pflegekräfte aussteigen. "Die Bedingungen sind nach wie vor grottenschlecht", mahnte Müller, "das Burn-out-Risiko ist enorm." Diese Worte wirkten am Dienstag bis nach Nürnberg. Dort wollten Vertreter der Wohlfahrtsverbände und der Gewerkschaft Verdi Zuversicht verbreiten - in einer Branche, die dringend gute Nachrichten braucht. Etwa eine von der Sorte: Wir können das Nachwuchsproblem in der Pflege lösen.

Angesichts der durch eine Landtagsinterpellation der Freien Wähler bekannt gewordenen Fakten sind Antworten gefragt. Vor allen Dingen darauf, wie Personalengpässe abgefangen werden können. Laut einer wissenschaftlichen Prognose sollen in Bayern bis 2030 gut 62 000 Fachkräfte fehlen. Herrmann Imhof, Bayerns Patienten- und Pflegebeauftragter, gehört indes zu jenen, die zwar ebenfalls warnen im Sinne von "Wir müssen jetzt handeln. Es brennt im Lande lichterloh". Zugleich hat er aber auch Lösungen parat bezüglich Fachkräftemangel. Und das bereits seit zwei Jahren. "Ich habe versucht, Impulse zu setzen", begann Imhofs Redebeitrag. Das ist Untertreibung pur. Passender wäre: "Vor zwei Jahren hätte ich beinahe ein politisches Harakiri hingelegt." Der CSU-Politiker dachte nämlich etwas an, was aus Sicht der privaten und der kirchlichen Träger von Pflegeheimen tabu und aus dem Blickwinkel vieler seiner Parteifreunde schlichtweg pfui ist: die Einführung eines verbindlichen Tarifvertrags für alle Pflegenden in Bayern.

Dass Imhofs Stimme in Nürnberg so optimistisch klingt, hat seinen Grund. Wie er durchblicken lässt, steht zumindest eine abgespeckte Variante dieser Idee vor dem Durchbruch, "ein allgemein verbindlicher Ausbildungstarifvertrag Pflege". Dieser Zungenbrecher hat es in sich, bedeutet er doch nichts anderes, als dass angehende Pflegekräfte in allen Heimen auf gleiche Bezahlung und gleiche Arbeitsbedingungen pochen könnten. Und das könne die Entscheidung junger Menschen für eine Pflegeausbildung positiv beeinflussen. Die Arbeiterwohlfahrt und das Bayerische Rote Kreuz weiß Imhof in dieser Sache bereits lange hinter sich. Die kirchlich angebundenen Heimträger der Caritas und der Diakonie indes scheuen Tarifverträge, die mit den Gewerkschaften ausgehandelt sind. Haben sie doch mit dem Dritten Weg ihre eigene Methode, Gehälter und Arbeitsbedingungen auszuhandeln. Aber Imhof sagt, bei den kirchlichen Organisationen habe nun ein Umdenken stattgefunden, was den Ausbildungstarifvertrag betrifft.

"Das stimmt so - ungefähr", erklärt Michael Bammessel, der Präsident des Diakonischen Werkes Bayern, auf Nachfrage. "Wir streben eine Lösung an, bei der es eine wechselseitige Abstimmung zwischen den von der Gewerkschaft ausgehandelten Tarifen und den auf dem Dritten Weg erzielten Arbeitsrechtsregelungen gibt", sagt Bammessel. Das wäre ein erster Schritt hin zu Tarifverträgen, an die sich dann auch die privaten Heimträger halten müssten. Und die sind in ihrer Mehrheit bislang kaum durch hohe Ausbildungsquoten auffallen, sondern eher dadurch, dass sie der Wohlfahrtspflege frisch ausgebildete Fachkräfte abwerben. Und das funktioniert so: Sie bezahlen ihre Hilfskräfte, sei es in der Pflege oder etwa in der Hauswirtschaft, schlechter als die tarifgebundene Konkurrenz. Dadurch haben sie mehr Geld in der Kriegskasse, um die begehrten und auf dem Arbeitsmarkt schwer zu findenden Fachkräfte durch Boni und andere Annehmlichkeiten für sich zu gewinnen.

"Trittbrettfahrer", nennt sie der AWO-Landesvorsitzende Thomas Beyer. Würde es nun tatsächlich gelingen, die kirchlichen Träger ins Boot zu holen, so wäre das bei Gesprächen mit dem zuständigen Sozialministerium ein Trumpf, um die Tarifbindung für alle verpflichtend zu machen. In Niedersachsen ist ein ähnlicher Versuch allerdings fehlgeschlagen. Leonhard Stärk, der Landesgeschäftsführer des Bayerischen Roten Kreuzes, betont indes - und er hat dabei Manuela Müllers Worte im Kopf: "Über einen Tarifvertrag hinaus müssen wir mit den Mitarbeitern so umgehen, dass sie uns bleiben. Und dazu gehören vernünftige Arbeitsbedingungen und Wertschätzung."