Andreas Kümmert nach ESC-Absage "Ich bin Günther"

Das grelle Scheinwerferlicht, wie hier bei seinem ESC-Auftritt, hat Andreas Kümmert hinter sich gelassen.

(Foto: Getty Images)

Sechs Tage nach seinem Rückzug von der Eurovision-Song-Contest-Kandidatur ist Andreas Kümmert wieder aufgetreten. Auf der Bühne des "Mäx" in Bad Tölz kommentierte er auch die Aufregung um seine Entscheidung.

Von Kathleen Hildebrand, Bad Tölz

Nach Bühnen wie dieser muss Andreas Kümmert sich zurückgesehnt haben, als er vor Millionen von Zuschauern beim ESC-Vorentscheid sang. Als er überwältigende achtzig Prozent der Zuschauerstimmen bekam und sich dann doch gegen die Fahrt nach Wien entschied. Nach Bühnen wie der im Tölzer "Mäx": ein kleines Eckplateau in einem schummrigen Gewölbekeller. Darauf ein Stuhl, ein Mikrofon. Sonst nichts.

Greller könnte der Kontrast zur ESC-Show in Hannover kaum sein. Die Getränke heißen hier "Harter Sepp" und "89er Schorle". Kein Handynetz dringt durch die dicken Mauern. Man versteht sofort, wieso Andreas Kümmert hier sein erstes Konzert nach dem Abend spielen kann, den viele Menschen als den Abend eines gewaltigen Eklats in Erinnerung behalten werden. Obwohl da nur jemand aus einem Singwettbewerb ausstieg.

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Es ist Mittwoch, abends um halb neun. Ein paar Dutzend Leute haben sich frisch gemacht nach der Arbeit und warten jetzt auf Kümmert. Im Fernsehen läuft Champions League, der FC Bayern spielt. Aber hier unten im Mäx gibt es keinen Fernseher. Klar, dass da irgendwie die Frage in der Luft liegt, ob es sich gelohnt hat, heute herzukommen. Ob Andreas Kümmert wirklich kommt. Nach dem Vorentscheid hatte er zwei Konzerte kurzfristig abgesagt.

Aber er kommt. So von hinten durch die Mitte drängelt er sich vorsichtig durchs Publikum. Wie einer, der da vorn auf der Bühne nur noch schnell was aufbauen will. Schwarze Hose, dunkelblauer Kapuzenpulli, mehr Roadie als Star. Der Bart ist an den Wangen kürzer, nur am Kinn fusselt es weiter wild herum. Er setzt sich hin, nimmt die Brille ab und die Akustikgitarre in den Arm. Und legt los: Robert Johnsons "Cross Road Blues". Kümmerts Stimme füllt sofort den ganzen Keller. So etwas dürfte in einem Keller in Bad Tölz sehr sehr selten zu hören sein.

Großer Applaus. "Ich bin Günther", sagt er vor dem nächsten Song. "Das einzige zugelassene Andreas-Kümmert-Double Deutschlands." Jetzt ist das ein Scherz. Aber woher kommen Scherze? Immer aus so etwas wie Wirklichkeit. In den vergangenen Tagen muss Kümmert sich das ernsthaft gewünscht haben. Nicht er zu sein.

Keine Journalisten erwünscht

"Schön, dass ihr da seid", sagt er ins Mikrofon. "Saugeil, dass du hier bist!" ruft ein Mann aus dem Publikum zurück. Hier im Mäx sind alle auf seiner Seite. Strahlen ihn an, johlen, klatschen.

Draußen, im Internet, das nicht bis hier herunter in den Keller dringt, ist das gerade anders. Auf seiner Facebook-Seite hat Andreas Kümmert die Beschimpfungen gegen ihn vor drei Tagen als "unterste Schublade" bezeichnet. Unter dem Hashtag #kuemmertgate brach auf Twitter ein Entrüstungssturm über seinen Rücktritt vom ESC los. Wieso er überhaupt angetreten sei. Unzuverlässig, labil sei der Kerl. Die Bild-Zeitung spekulierte, Kümmert sei Autist. Sein Lied "Autism" (Autismus) kündigt er später mit den Worten an: "Diesen Song habe ich für den Chefredakteur der Bild am Sonntag geschrieben."

Er möchte lieber nicht

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Daran mag es liegen, dass im Mäx an diesem Mittwochabend eigentlich keine Journalisten erwünscht waren. Dabei hätte ein Bild-Verbot gereicht. Die meisten Kommentare in anderen Medien waren verständnisvoll bis anerkennend. Viele lobten Kümmert als widerständiges, ja revolutionäres Element im Anpassung fordernden Unterhaltungsgeschäft. "Dieser Mensch gehört euch nicht" und "Andreas Kümmert definiert Männlichkeit neu" waren so die Schlagzeilen.

Von Labilität ist an diesem Abend im Mäx jedenfalls nichts zu spüren. Kümmert scherzt mit dem Publikum ("So, noch Bock?" fragt er nach dem dritten Lied), wünscht "Gesundheit", wenn jemand niest und signiert in der Pause freundlich CD-Hüllen. Sogar fotografieren darf man ihn. Zusammen mit den Fans? Kein Problem. Als es blitzt, reckt Kümmert den Daumen nach oben.

Am Ende, nach dem Hit "Simple Man", nach Eric-Clapton-Covern und seinem ESC-Gewinner-Song spielt Andreas Kümmert dann die letzte Zugabe, Leonard Cohens "Halleluja". "Ganz viel Hall" wünscht er sich vom Tonmann. Und vom Licht: "Macht es bitte dunkel, bei dem Lied schäm ich mich sonst so." Das Licht geht aus, kein Spot geht an. Beim Song Contest wäre das wohl kaum gegangen.