Amtsgericht Hof Waldläufer muss in die Zelle

Der als 'Waldläufer' bekanntgewordene mutmaßliche Einbrecher soll laut Anklage rund um den Kornberg im Landkreis Wunsiedel 90 Einbrüche in Wochenendhäuser, Fischer- und Jagdhütten begangen haben.

(Foto: dpa)
  • Ein 62-jährige Tscheche, der Waldläufer genannt wird, ist vom Amtsgericht Hof wegen Diebstahls zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt.
  • Zwischen April 2014 und Januar 2015 ist er in etwa 90 Gartenhäuser, Kioske und Bauwägen eingestiegen und hat sich dort bedient.
  • Der Wert seines Diebesgutes wird auf 1200 Euro taxiert. Der Einbruchsschaden beläuft sich auf etwa 6400 Euro.
Von Katja Auer, Hof

Für die einen ist der Mann ein Volksheld, eine Art moderner Robin Hood. Einer, der sich nicht länger der Gesellschaft und ihren Zwängen unterwerfen wollte und sich einfach ausklinkte. In den Wäldern lebte ohne Geld und ohne Krankenversicherung. Erst in Tschechien, dann in Österreich und zuletzt am Kornberg im Fichtelgebirge. Und sich dort sein Essen und was er sonst noch brauchte aus Hütten und Ferienhäusern klaute. Aber was hätte er denn machen sollen? Meinen diese einen.

Für die anderen ist er schlicht ein Straftäter. Einer, der zwischen April 2014 und Januar 2015 in etwa 90 Gartenhäuser, Kioske und Bauwägen einstieg und sich dort bediente. Unrechtmäßig. Am Mittwoch wurde der 62-jährige Tscheche, der seit seines Einsiedler-Daseins der Waldläufer genannt wird, vom Amtsgericht Hof wegen Diebstahls zu drei Jahren und drei Monaten Gefängnis verurteilt. "Auch wenn die Leute Ihnen wohlgesonnen sind, braucht es eine empfindliche Strafe", sagte Richter Gerhard Severin. Zumal der Mann ein beachtliches Vorstrafen-Register hat. Auch in Tschechien und Österreich lebte er schon in den Wäldern, brach Hütten auf, wurde deswegen verurteilt. Als er aus der Haft entlassen wurde, suchte er sich den nächsten Wald. Mit Robin Hood habe er nichts gemeinsam, sagte Severin.

Kissen, Decken, Schnitzel stehen auf der Liste des Diebesguts

Bier und Wurst hat er sich genommen, Schokoriegel und lebende Hasen, auch ein Paar Fischerstiefel, ein Fahrrad, Kissen, Decken, Töpfe. Was er eben so brauchen konnte in seinem Unterschlupf. Manchmal speiste er auch direkt in den Hütten, einige Schnitzel stehen auf der Liste des Diebesguts, die die Staatsanwaltschaft zusammengestellt hat. Die DNA-Spuren, die er dabei zurückgelassen hat, brachten die Polizei schließlich auf seine Spur. Das hat lange gedauert, monatelang suchten Beamte in dem unzugänglichen Gebiet nach dem Mann, sogar mit Spürhunden und einem Hubschrauber. Scheu wie ein Reh sei der Waldläufer gewesen, erzählt der ermittelnde Polizist vor Gericht, nie habe er den Kontakt zu Menschen gesucht.

Als er dann doch erwischt wurde, weil er Spuren im Schnee hinterlassen hatte, schwappte dem unfreiwilligen Volkshelden die Sympathie des Volkes entgegen. Selbst von denen, die er bestohlen hatte. Noch nie habe er etwas derart Skurriles erlebt, sagte Verteidiger Walter Bagnoli. Menschen hätten in seiner Kanzlei angerufen und Kleidung und Lebensmittel für den Waldläufer angeboten. Fremde Leute schickten Briefe in die Untersuchungshaft, mit Fotos vom Wald darin, damit er seine gewohnte Umgebung nicht so sehr vermisse. Ein paar Unterstützer taten sich gar zusammen, die dem Mann eine Hütte im Wald bauen wollten. Und an den Stammtischen im Fichtelgebirge wird sogar ein Lied über den Waldläufer gesungen.

"Er ist durch das soziale Netz gefallen"

Zur Heldensaga taugt dessen Lebensgeschichte allerdings nicht. Seinen Anwalt ließ er erzählen, wie er in der Tschechoslowakei auf einem Bauernhof aufgewachsen sei. Die Familie war arm, später habe er in der Landwirtschaft keine Arbeit mehr gefunden und als 2006 sein Haus baufällig war und er die Renovierung nicht bezahlen konnte, sei er - arbeits- und obdachlos - in die Wälder gegangen. "Er ist durch das soziale Netz gefallen", sagte Bagnoli. Damit wolle der Waldläufer seine Einbrüche und Diebstähle nicht rechtfertigen, sagte er, aber er habe sich nicht anders zu helfen gewusst. "Er hat nicht aus Profitgier gestohlen, nicht um sich zu bereichern, sondern um zu überleben", sagte Bagnoli. Der 62-Jährige, der wie bei seiner Festnahme immer noch lange weiße Haare und einen langen Bart trägt, sei völlig mittellos.

Der Wert seines Diebesgutes ist überschaubar, auf 1200 Euro taxierte ihn die Staatsanwaltschaft. Keiner der Hüttenbesitzer habe Schadenersatz gefordert, sagte der Verteidiger. Größer ist der Einbruchsschaden, er beläuft sich auf etwa 6400 Euro. Die meisten Zuhörer im Gerichtssaal fanden die Strafe zu hart. Viele hätten den Waldläufer am liebsten freigesprochen. Bis auf eine Frau, deren Hasen der Mann gestohlen und vermutlich verspeist hat. Dafür kenne sie "kein Erbarmen", sagt sie.

Wenn er aus dem deutschen Gefängnis entlassen wird, will der Waldläufer zurück nach Tschechien gehen und dort seine Rente beantragen. Die werde wohl mager ausfallen, mutmaßte Richter Severin. Er empfahl dem Mann, sein momentanes Volkshelden-Dasein für seine Zukunft zu nutzen. Die Fernsehsender hätten bestimmt Interesse an seiner Geschichte, sagte Severin, das solle er sich anständig bezahlen lassen. "Handeln Sie etwas Gescheites für sich heraus."