Altötting Caritas soll Millionen abgeschöpft haben

Der Caritas-Verband betreibt in Bayern zahlreiche Behinderteneinrichtungen. Dazu gehören auch die Ruperti-Werkstätten.

(Foto: Paul Zinken/dpa)
  • Der Elternbeirat der Ruperti-Werkstätten in Altötting hegt den Verdacht, "dass Menschen mit Behinderung für die finanzielle Aufbesserung eines Verbandes arbeiten sollen".
  • Der Caritas-Vorstand soll bewusst einen Millionenbeitrag aus der Werkstatt abgeschöpft haben soll, um so deren Kontostand zu drücken - und damit einen Grund zu haben, Mitarbeiter zu entlassen.
Von Andreas Glas, Altötting

Albert Kasböck hat einen Brief an Bischof Stefan Oster geschrieben, sechs Wochen ist das inzwischen her. Er will Antworten vom Bischof, aber das Bistum Passau schweigt. "So wie es ausschaut, sitzen die das aus", sagt Kasböck. Der 80-Jährige ist Elternbeirat der Ruperti-Werkstätten in Altötting. Einer Werkstatt, in der 300 behinderte Menschen im Auftrag der Passauer Caritas schreinern, schweißen und Teile für Solarkollektoren fertigen.

Einer Werkstatt, in der seltsame Dinge vor sich gehen. Es ist die Rede von einem Millionenbetrag, den der Caritas-Vorstand bewusst aus der Werkstatt abgeschöpft haben soll, um so deren Kontostand zu drücken - und damit einen Grund zu haben, Mitarbeiter zu entlassen.

Auffällig viel Geld für ein gemeinnütziges Unternehmen

Christian Fröhlich hegt nun den Verdacht, "dass Menschen mit Behinderung für die finanzielle Aufbesserung eines Verbandes arbeiten sollen". So hat er das in einer E-Mail an den Caritas-Vorstand formuliert, kurze Zeit später kündigte er seinen Job als Werkstattleiter in Altötting. Fröhlich war frustriert darüber, dass der Caritas-Vorstand sich lange Zeit dagegen gesperrt hat, seiner Werkstatt eine neue Schweißmaschine zu zahlen, etwa 260 000 Euro hätte die Maschine gekostet. Ein Betrag, den die Werkstatt nach Fröhlichs Auffassung locker hätte zahlen können - würde eben der Caritas-Vorstand nicht laufend die Gewinne der Behinderteneinrichtung kassieren.

Interne Dokumente, die der Süddeutschen Zeitung vorliegen, belegen diese Praxis. Darin verpflichtet der Caritas-Vorstand die Werkstätten zur "Gewinnabführung". Sämtliche, "das Arbeitsergebnis übersteigenden Gewinne" seien "jährlich an die Zentrale abzuführen". Im Fall der Ruperti-Werkstätten ist das ein Betrag von insgesamt 1,6 Millionen Euro - auffällig viel Geld für ein gemeinnütziges Unternehmen, das vom Grundsatz her eigentlich gar nicht darauf ausgerichtet ist, Gewinne zu erzielen.

"Sie müssen sparen und Leute entlassen"

Die vom Caritas-Verband einkassierten Gewinne hätten dann für wichtige Investitionen gefehlt, sagt Fröhlich - unter anderem für die Anschaffung der Schweißmaschine. Statt die kassierten Gewinne zu investieren, habe die Caritas dem Werkstattleiter geraten, Mitarbeiter zu kündigen und die Maschine über eingesparte Gehälter zu finanzieren. In seinem Brief zitiert Fröhlich die Caritas-Buchhaltung mit den Worten: "Es ist kein Geld da, Sie können nichts mehr investieren, Sie müssen sparen und Leute entlassen".

Während der Bischof schweigt, weist der Passauer Caritas-Verband die Anschuldigungen zurück. Es habe zu keiner Zeit eine Aufforderung gegeben, Personal zu entlassen, sagt Vorstand Wolfgang Kues auf Nachfrage. Außerdem handle es sich bei den 1,6 Millionen Euro um einen Betrag, der sich über insgesamt 19 Jahre angesammelt habe - und darüber hinaus nicht von den behinderten Menschen in der Werkstätte erwirtschaftet worden sei. Vielmehr, so steht es in einer Pressemitteilung der Caritas, handle es sich bei den 1,6 Millionen Euro um "Zinserträge, Geldbußen beziehungsweise -auflagen", die von Gerichten stammen, die Strafen häufig gemeinnützigen Einrichtungen zuweisen.

"Sehr weitreichende Prüfungen" angekündigt

Ob das stimmt? Altöttings Amtsgerichtsdirektor Dieter Wüst sagt auf Nachfrage der SZ: "Ich bin seit ewigen Zeiten hier, aber ich kann mich nicht erinnern, dass ich denen mal was zugewandt habe". Das gleiche sagen die beiden anderen Altöttinger Strafrichter. Und dass die Caritas besonders hohe Zinserträge bekommen hat, darf angesichts der zuletzt niedrigen Guthabenzinsen zumindest für die jüngere Vergangenheit bezweifelt werden.

Als Geldquelle blieben dann nur noch Spenden und die Pflegesätze, die der Bezirk Oberbayern - und damit der Steuerzahler - für jeden behinderten Mitarbeiter an die Werkstätten überweist. Die Pflegesätze machen mindestens die Hälfte der gesamten Einnahmen der Werkstätten aus, das ist eine Menge Geld. Zahlt der Bezirk also viel zu hohe Pflegesätze und macht damit erst möglich, dass die Werkstätten der Passauer Diözese so hohe Gewinne einstreichen? Eine Sprecherin des Bezirks schließt das aus, will aber nicht verraten, wie viel Geld bislang über die Pflegesätze nach Altötting geflossen ist. Diese Auskunft sei gesetzlich "nicht zulässig". Allerdings hat die Bezirkssprecherin nun angekündigt, in Kürze "sehr weitreichende Prüfungen" durchzuführen.

Die gute Atmosphäre ist dahin

Auch Caritas-Vorstand Kues bestreitet, dass sein Verband sich an den Pflegesätzen des Bezirks bereichert hat. Kues sagt, die Caritas habe "die Überschüsse nach Recht und Gesetz ermittelt und verwendet", sowohl ein Wirtschaftsprüfer als auch der Aufsichtsrat hätten bestätigt, dass sämtliche Vorgänge der geltenden Werkstättenverordnung entsprechen. Caritas-Vorstand Kues glaubt, dass die Kündigung des Altöttinger Werkstattleiters "eher in sehr persönlichen Umständen liegen", mit der Buchhaltung der Caritas also gar nichts zu tun haben.

Elternbeirat Albert Kasböck findet es trotzdem "sehr merkwürdig", was sich gerade in Altötting abspielt. Seine 50-jährige Tochter arbeitet seit 20 Jahren in den Ruperti-Werkstätten, sie hat das Down-Syndrom. Wie viel sie dort verdient, will Kasböck nicht sagen, nach Angaben der Bundesregierung bekommen Werkstättenbeschäftigte im Monat durchschnittlich weniger als 200 Euro. Nicht viel Geld, aber ums Geld geht es Albert Kasböck auch gar nicht. Er sorgt sich um das Wohlbefinden seiner Tochter und die Arbeitsmoral ihrer behinderten Kollegen. "Das Schlimme ist, dass die Werkstatt in einem unwahrscheinlich guten Zustand war und die Arbeitsmoral hoch", sagt Kasböck. Doch seit Werkstattleiter Fröhlich vor zwei Monaten hingeschmissen hat, sei die gute Atmosphäre dahin.