Politik Die AfD in Bayern - eine Phantompartei

Illustration: Dennis Schmidt

"Rechts von der CSU ist durch ihren Linksruck sehr viel Platz", heißt es bei der bayerischen AfD. Wenn jetzt gewählt würde, zöge sie in den Landtag ein. Doch kaum jemand kennt Personal oder Programm.

Reportage von Johann Osel

Es klingt am Anfang nach einem Seminar für Erstsemester, Einführung in die Volkswirtschaft. Von der Geldmenge und Lohnentwicklung in der Euro-Zone spricht Referent Martin Sichert, verweist auf Diagramme mit vielen Kurven. Bald aber kommt Sichert, Typ Bankangestellter, auf den Kern des Vortrags: die "Bedrohung des Sozialstaats durch die Altparteien" und die "Gefahr Zuwanderung". Damit zieht Sichert durch Bayern, normalerweise wirft er die Thesen an eine Leinwand.

An diesem Abend, in einem Wirtshaus im Landkreis Fürstenfeldbruck, streikt die Technik, der Vortrag wird auf Papier verteilt. Man kann sich entweder einen Sozialstaat leisten oder offene Grenzen, ist zu lesen und zu hören, beides sei unmöglich. Kopfnicken im Saal. 32 643 Euro betrage das Bruttoeinkommen im Schnitt, so viel sei ein Bürger der Gesellschaft wert; für den Attentäter von Würzburg seien 51 050 Euro in einem Jahr ausgegeben worden. Raunen im Saal. "Das ist verrückt", sagt Sichert, seine Stimme wird piepsig: "Da werden wir als AfD massiv ansetzen." Applaus.

Eine wehrhafte Demokratie muss Hetzer nicht fürchten

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Die bayerische Alternative für Deutschland, Kreisverband Dachau-Fürstenfeldbruck, lädt zum offenen Stammtisch samt Fachvortrag - von Herrn Sichert, AfD-Chef und Bundestagskandidat aus Nürnberg-Nord, Diplom-Kaufmann, Mitte 30. Optisch ähnelt der Abend einer CSU-Ortsversammlung. Weißblaue Rauten fließen auf einem großen Banner über in das AfD-Blau, dazu Slogans wie "Unsere Heimat". In den Bräustüberlsaal trägt ein Kellner in Lederhose Gulasch und Schnitzel im Akkord, dazu Weißbier, Apfelschorle.

Gut 40 Leute sind gekommen, Mitglieder und Dauergäste, wie die Ortsvorsitzende erzählt und Besagte mit Begrüßungsküssen ausstattet, und neue Interessenten. Die meisten Gäste sind männlich und älter als 50, ein paar Frauen nur. Bayernweit intensiviert die AfD die Basisarbeit. Experten schicken sich die Kreisverbände gegenseitig: Der Fürstenfeldbrucker Kandidat geht auch auf Tour, Thema: "Putsch von oben, der Bürger im Würgegriff des Staates."

Wenn bisher CSU-Vertreter wie Finanzminister Markus Söder in Talkshows saßen, was oft vorkam, und da über die AfD diskutiert wurde, was noch öfter vorkam, dann war die Interpretation aus bayerischer Sicht cool: die Rechtspopulisten seien im Freistaat einstellig, das schöne Bayernland mit seiner CSU brauche keine AfD. Der Bayerntrend, die Umfrage des Bayerischen Rundfunks, hat nun jüngst die Partei auf zehn Prozent taxiert, die CSU auf 45 Prozent, die SPD auf nur noch 14. Das Mantra der Einstelligkeit ist perdu. Fast jeder zweite Befragte attestierte der AfD zudem, besser als andere zu verstehen, dass sich viele Menschen nicht sicher fühlten.

81 Prozent

der bayerischen Bürger sehen bei der AfD eine unklare Haltung gegenüber rechtsextremen Positionen. Wie der Bayerntrend zeigt, die Umfrage des Bayerischen Rundfunks, halten 85 Prozent der Befragten die Partei nicht für regierungsfähig. Viele Bürger im Freistaat deuten die AfD-Wahlerfolge in anderen Bundesländern vielmehr als Versuch unzufriedener Bürger, ein Zeichen gegenüber den etablierten Parteien zu setzen (78 Prozent). Gleichwohl begrüßt jeder dritte Bayer, dass die AfD eine stärkere Begrenzung des Flüchtlingszuzugs fordert als andere Parteien. Gut jeder Zweite attestiert der Partei, besser zu verstehen, dass sich viele Menschen nicht sicher fühlten.

Die Zehn-Prozent-Partei AfD ist ein Phantom. Ihr Personal ist so unbekannt wie die Köpfe der Bayernpartei. Wer sind die Leute, die nach Umfragen ins Maximilianeum zögen und mit einem Dutzend bayerischer Leute in den Bundestag? Fast 4000 Mitglieder hat die AfD nach eigenen Angaben, zehn Anträge pro Tag. 50 Prozent der Leute seien nie in einer Partei gewesen, die anderen kämen von der CSU, auch der SPD, am Anfang oft von der FDP. Das hat mit der Gründerzeit durch den Euro-Skeptiker Bernd Lucke zu tun. Nach dem Exodus liberaler Lucke-Leute hat sich die Partei auch im Freistaat auf Asylpolitik ausgerichtet - während "die Lucke-Leute" Anti-Islam-Broschüren am Infostand verschämt nach hinten legten, wie man hört. Landeschef Petr Bystron war früher in der FDP, ein anderer aus dem Landesvorstand in CSU und SPD; Martin Sichert war in der FDP und SPD.

Im Bräustüberl spricht er von der deutschen Mentalität - "Ordnungsliebe". Ein "Wettbewerbsvorteil", der aber "erodiert, weil er mit vielen anderen Kulturen nicht funktioniert". Eine "Gutmenschenpolitik" als Hemmnis für Wirtschaft; zudem Vollkasko-Rundumversorgung für Asylbewerber. Das sei "Rassismus gegen die eigene Bevölkerung". Sichert, an die zwei Meter groß, spricht vom "kleinen Mann", um den sich die AfD kümmert. Als Erfolg verbucht er, dass auf seine Intervention hin ein Nürnberger Theater den pauschalen Gratis-Eintritt für Flüchtlinge gestrichen habe; denn es war rechtlich nicht haltbar, dass bedürftige Einheimische nur manche Aufführungen umsonst sehen durften.