A3: Horror-Unfall Eine Rettungsinsel, 16 Meter über dem Main

Eine Fahrt wie in einem James-Bond-Film: Ein Lastwagenfahrer fliegt über ein acht Meter breites Loch und landet auf einer Abrissbrücke.

Von Olaf Przybilla

Als der Fernfahrer am Dienstag gegen 22. 50 Uhr aus dem Cockpit seines Sattelschleppers gestiegen ist, muss sich ihm ein eigentümliches Bild geboten haben. Vor ihm tat sich ein Loch auf, hinter ihm auch. An der Seite seines Sattelzugs konnte sich Piotr Wojcik (Name geändert) auf einem Streifen von rund zwei Metern Autobahnasphalt bewegen. Dahinter lauerte der Abgrund.

Wäre es nicht mitten in der Nacht gewesen, hätte sich Wojcik in diesem Moment eine imposante Kulisse dargeboten. Auf der A3, fünf Kilometer von Würzburg aus in östlicher Richtung, genießen Autofahrer einen traumhaften Blick.

Zum Stehen aber ist Wojcik an der Stelle nicht freiwillig gekommen. Der 46 Jahre alter Fernfahrer aus Polen muss zuvor ein mindestens acht Meter langes Loch im Asphalt der Autobahnbrücke gleichsam im Flug überquert haben. Auf einer Art frei schwebender Verkehrsinsel, 16 Meter über dem Main, setzte der Sattelzug auf und kam zum Stehen.

Roland Wagner war als einer der ersten am Unfallort. Der Einsatzleiter der Würzburger Berufsfeuerwehr sagt, er habe schon Allerlei gesehen in seinem beruflichen Leben, darunter auch viele Leute mit einer schönen Portion Dusel. Dem Fernfahrer aus Polen aber, sagt der Brandamtsmann, dem rate er "nicht eine Kerze" anzuzünden, sondern "gleich einen ganzen Kerzenkarton".

Warum sind diese Löcher in der Autobahnbrücke? Ein Ingenieur von der Bauüberwachung erklärt, die alte Brücke sei marode. Bis zum Tag ihrer Sprengung am 28. Februar muss sie deshalb Stück für Stück abgetragen werden. Im Idealfall klappt die Brücke bei der Sprengung in zwei Teilen zusammen, ohne dass größere Betonbrocken in den Main stürzen. Bis es soweit ist, wird der Verkehr kurz vor der alten Brücke auf eine neue Brücke übergeleitet. Eben diese Überleitung muss Piotr Wojcik übersehen haben.

Warum das so war, konnte am Mittwoch noch nicht geklärt werden. Wojcik spricht weder Deutsch noch Englisch. Auf beiden Seiten der Mainquerung fällt die Trasse zwischen den Weinbergen steil und stetig ab. Wojcik könnte eingenickt oder abgelenkt gewesen sein, vielleicht versagten auch die Bremsen des Sattelzugs.

Die Reifen in der Luft

Warum der mit Keramikwaren und 1000 Litern Fliesen-Reinigungsmitteln beladener Schlepper - insgesamt 40 Tonnen schwer - nicht auf die Staatsstraße zwischen Heidingsfeld und Winterhausen oder gar in den Fluss gestürzt ist, versucht ein Polizeisprecher so zu erklären: Zwar sei die alte Brücke über den Main inzwischen "so löchrig wie ein Schweizer Käse". Aber zwischen diesen Löchern verlaufen noch schmale Betonverstrebungen, 60 Zentimeter sind sie breit.

Auf solch einer dürfte der Rumpf des Lasters entlang geschlittert sein, die Reifen hingen dabei in der Luft. Bis dann die Vorderachse des Lasters auf die Betoninsel über dem Main prallte.

Wojcik blieb völlig unverletzt. Seine Bergung aber gestaltete sich schwierig. Aufgrund des Aufpralls habe man zunächst nicht wissen können, ob die Brücke einsturzgefährdet sei, berichtet Einsatzleiter Wagner. Mit Hilfe von zwei Drehleitern gelangten um Mitternacht fünf Feuerwehrmänner zu dem Schlepper, alle waren mit Fallseilen gesichert.

Der Einsatzleiter erzählt, Wojcik habe erstaunlich ungerührt gewirkt bei seiner Rettung. Bei drei Grad unter Null habe er erst mal eine Zigarette geraucht in 16 Metern Höhe. Sein Laster soll in der Nacht zum Donnerstag mit einem Hebekran geborgen werden.

Noch am Tag vor dem Unfall stand Bürgermeister Heinz Koch aus dem benachbarten Städtchen Eibelstadt am Fuß des Bauwerks - um vor Ort ein Fest zu organisieren. Wenn "das marode Ding" Ende Februar nach all den Jahren gesprengt wird, dann wollen sie das in Eibelstadt entsprechend würdigen, sagt er. Irgendwie habe man sich inzwischen richtig gewöhnt an das Betonwerk zwischen den Weinbergen.

Einen Grund, das große Sprengfest nun abzusagen, kann der Bürgermeister nicht erkennen. Von den Einsatzkräften hat er gehört, der Fernfahrer aus Polen habe "eine ganze Handvoll Schutzengel" gehabt - das könne man doch trefflich feiern.

Der fliegende Sattelschlepper

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