Eine Reportage von Sarina Märschel

Die Seele des Menschen retten - das ist das Programm der CSU-Politikerin Gabriele Pauli. Mit Energie und Esoterik will die Landrätin Chefin der CSU werden.

Gabriele Pauli stellt ihr Programm vor

Gabriele Pauli unter der Heugabel: "Eine Ehe ist nicht dazu da, Sicherheit zu bieten, sondern die Liebe zweier Menschen zu dokumentieren", findet die CSU-Vorstandsdame. Wer mag, könne ja lebenslang zusammenbleiben. (Foto: dpa)

"Heute hast du was fürs Leben gelernt", wird ein Kameramann zu seinem Kollegen sagen, nachdem Gabriele Pauli ihre Rede beendet hat. Und der Kollege wird bedächtig nicken.

Die Frau, die die CSU in den vergangenen Monaten so durcheinander gebracht hat, stellt im Münchner Löwenbräukeller ihr Wahlprogramm vor. Parteichefin will sie werden, und dafür ist ihr kein orgineller Gedanke fern. "Ich habe es selbst geschrieben", sagt sie. Es klingt stolz. "Es sind meine Gedanken - Gedanken darüber, wie die CSU sich umstrukturieren sollte." Kleine Kunstpause.

Es ist ein filmreifer Auftritt der Landrätin aus Fürth. Sie hat auf sich warten lassen, 20 Minuten lang. Ein halbes Dutzend Fernsehkameras ist vor dem Tisch mit den vielen Mikrofonen, der blau gemusterten Tischdecke und den Blümchen aufgereiht. Dahinter prangt ein himmelblaues CSU-Plakat, eine Heugabel hängt da als Wanddekoration. Im Saal drängen sich Journalisten. Sogar das österreichische Fernsehen und der Korrespondent der Helsingin Sanomat, einer großen finnischen Tageszeitung, sind da.

Flower-Power im Löwenbräukeller

Während sie alle auf die Diva aus Franken warten, unterhalten sich die Reporter über Latex in der Haute Couture - und darüber, wie viele Stimmen Frau Pauli bei der Wahl um den Parteivorsitz wohl bekommen werde. Dann taucht sie auf.

"Todschick schaut sie aus, todschick", raunt ein älterer Mann, der an seinen Platz huscht: "Ganz in Weiß". Nicht ganz, denn unter dem weißen Blazer trägt sie ein grüngeblümtes T-Shirt. Flower-Power passt perfekt zu dem, was die Fürther Landrätin in den nächsten 90 Minuten vorträgt.

"Von Menschen für Menschen - CSU: Beginn der ganzheitlichen Politik", so hat sie ihr Wahlprogramm genannt. Sie wolle mit ihrer Kandidatur ein Signal geben, dass Poiltik wieder ernsthafter und glaubhafter werden soll - "dass wir Politiker das vertreten, was wir auch leben." Oft werde die Position und die Macht des Einzelnen über die Inhalte gestellt. Damit soll Schluss sein, wenn es nach der Kandidatin geht.

Der Clou ihrer Stoffsammlung

Nicht nur die CSU, am liebsten das ganze Parteiensystem will Gabriele Pauli verändern. "Politik hat ein schlechtes Image", sagt die Landrätin und referiert über Wahlverdrossenheit sowie die mangelnde Einbeziehung der Bürger in die Politik. Der Clou ihrer Stoffsammlung: Revolutionäres zur Beziehung von Mann und Frau.

"Mein Vorschlag ist, dass die Ehe nach sieben Jahren ausläuft und man sie danach aktiv verlängert", erklärt die selbsternannte Gesellschaftsreformerin vom Löwenbräukeller. Liebe spiele sich schließlich unabhängig von Institutionen ab - und wer nach sieben Jahren nicht mehr mag, der könne sich die Scheidungskosten sparen. Ob sieben Jahre genau die richtige Zeitspanne wären, sei aber noch näher zu untersuchen.

Auch das Ehegattensplitting sieht Gabriele Pauli kritisch. Jede Art zu leben sei richtig, der Staat müsse nicht regeln, wie Menschen zusammenleben sollen.
"Eine Ehe ist nicht dazu da, Sicherheit zu bieten, sondern die Liebe zweier Menschen zu dokumentieren", findet die CSU-Vorstandsdame. Wer mag, könne ja lebenslang zusammenbleiben.

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Bildstrecke Die rebellische CSU-Landrätin Rahmen
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An dieser Stelle lächeln auch mal die anderen im Saal. Sie blicken Gabriele Pauli verdutzt an. Am Ende ihres Vortrages fragen einige Journalisten nach, ob das nun ein wirklich ernstgemeinter Vorschlag gewesen sei. Sie bejaht.

Der Staat soll sich um die Seelen kümmern

Die Fränkin hat noch mehr zu bieten. "Politik hat den Menschen viel Materielles gegeben. Aber Menschen sehnen sich nicht nach Transrapiden, sondern nach Wert in der Gesellschaft." Politik solle sich darum kümmern, so Gabriele Pauli, dass die Menschen Selbstwertgefühl bekommen.

Gabriele PauliGrossbild

Gabriele Pauli im Löwenbräukeller: Der Staat, so die Landrätin, soll sich um die Seelen der Bürger kümmern. (Foto: dpa)

Zuweilen wirkt die Veranstaltung wie der Auftakt zu einem ganztägigen Esoterik-Seminar. "In unserem Staat kommt das Kümmern um die eigene Seele viel zu kurz", weiß die Gastgeberin, "die Menschen wollen nicht nur materiell versorgt werden, sondern es steht auch die Frage da: 'Wie finde ich den Weg zu mir?'" Wie die Politik bei der Selbstfindung helfen kann, wird zwar nicht ganz klar, es bleibt aber der gute Wille. Schließlich handelt es sich ja auch um eine christliche Partei. "Das war ein fast religiöser Einstieg", findet Gabriele Pauli selbst.

Ihre Weltanschauung will sie in einigen konkreten Punken umsetzen. Das achtjährige Gymnasium zum Beispiel sieht sie als typisch für eine Politik von oben nach unten an. Sie fordert, dass nicht die Pisa-Studie der Maßstab sein solle, den Kindern etwas beizubringen - sondern es solle darum gehen, "sie zu glücklichen Menschen zu machen, die ihren Weg dann schon finden". Frühzeitige Förderung von schwächeren Schülern könne das Gefühl ersparen, nicht mithalten zu können.

Mehr Nahverkehr, mehr Bürgerbeteiligung

Außerdem spricht sich Pauli in ihrem Programm für weniger Beamte und gegen den Transrapid aus - das Geld würde sie lieber in den Nahverkehr in ländlichen Regionen stecken. Am Herzen liegt Pauli auch die Beteiligung der Bürger an der Politik - und der Integration Andersdenkender in die CSU. "Es ist gut, dass Menschen anders denken, es ist bereichernd und sollte nicht dazu führen, das Leute diffamiert werden."

Auf die Frage, was denn passiere, wenn sie bei der Wahl um den CSU-Vorsitz verliere, gibt sich Gabriele Pauli unbekümmert: "Es ist nicht wichtig, wie viel Prozent ich bekomme. Politik hängt nicht an Mandaten und Ämtern. Es geht darum, Ideen zu spüren und umzusetzen, und das gibt die Kraft und die Macht." Und wenn sie zur Vorsitzenden gewählt würde? "Das wäre ein Riesenumbruch, der in mehreren Köpfen und vielleicht manchen Herzen schon begonnen hat, aber noch nicht zum Ausdruck gekommen ist." Im Parteivorstand würde sie aber gerne wieder mitwirken wollen.

Ungläubiges Staunen im Reporterpulk

Einer fragt, ob sie sicher sei, unter dem richtigen Plakat zu sitzen - dem himmelblauen CSU-Banner. Die Antwort: "Ja. Wenn man will, kann man alles ändern!"

Auf solche Antworten reagiert der Reporterpulk mit belustigter Ungläubigkeit. Kann das wirklich alles wahr sein? Oder ist das hier eine Reality-Soap?

Gabriele Pauli bleibt unverdrossen bei ihrer Linie. Ihre weiße, mit glitzernden Steinchen besetzte Uhr funkelt im Scheinwerferlicht der Kameras. Die Hände schließen und öffnen sich, ihre Fingernägel sind gut manikürt.

Nach der knapp anderthalbstündigen Vortrags- und Fragerunde steht die CSU-Chefkandidatin entschlossen auf. Es warten die Damen und Herren vom Fernsehen. Abends werden sie dann überall in Deutschland sehen, wie Gabriele Pauli eine würdige Nachfolgerin für Edmund Stoiber sein will.

(sueddeutsche.de)

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Leserkommentare (28)



22.09.2007 09:04:10

Wolfgang zopora: Frau Pauli und die Medien

Dass eine Frau einen mächtigen Landesfürsten entmächtigt hat, fand ich noch ganz gut. Als diese Frau sich dann mit Latexhandschuh wichtig tun wollte, kamen meine ersten Zweifel auf. Dass diese (geschiedene) Frau sich nun um die Ehe "kümmert", hat diese Selbstdarstellerin für mich endgültig jegliche öffentlichkeit nicht verdient.

Bleibt die Frage, warum sich "alle" Medien dieser Frau bemächtigen? Sind wir die Konsumenten so einfach gestrickt, womit Pisa grüßen lässt? Oder wollen Medien nicht doch eine andere Gesellschaft? Von einem Journalisten aus den öffentlich rchtlichen Anstalten weiß ich, dass es unter dieser "Arbeiterklasse" fast nur geschiedene Frauen und Männer gibt.

Was mich mehr aufregt, ist die Tatsache, dass alle Medien auf den ersten Seiten oder in den ersten Nachrichten von dieser "wunderbaren" Frau berichten. Ich neige der Versuchung zu unterliegen und zu behaupten, dass es unter den medien so etwas wie ein sozialer Druck herrscht. Das heißt: wenn Du nicht so eine Nachricht (wie Pauli) veröffentlichst, dann bist Du außen vor. Wo bleibt da eigentlich die Pressefreiheit? Und noch einmal: wenn sich "alle" medien mit solchen Themen auf den ersten Seiten beschäftigen: sind diese nicht "auch" dafür verantwortlich, wenn unsere Gesellschaft angeblich immer mehr "verblödet"?


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