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Wenn der Staatsanwalt unter die Theke schaut
Prozess in Passau
04.11.2007, 17:41
Es geht nichts über eine wirklich freie Presse; durch sie erfahren die Bürgerinnen und Bürger alles, was sie unbedingt wissen müssen über die Zeitläufte in der großen weiten Welt und in ihrer eigenen kleinen Stadt. Am 8. Juli dieses Jahres zum Beispiel informierte das Passauer Anzeigenblatt Am Sonntag seine Leser über einen ungeheuerlichen Vorgang: "Geschockte Gäste: Manager der Stadt hatte Sex in Kneipe!" stand in fetten Lettern auf der Titelseite. Das Ausrufezeichen signalisierte einen Vorgang jenseits jeden vernünftigen Zweifels, im Inneren des Blattes kam die Story nicht ganz so hart daher. "Wenn die Geschichte stimmt, ist sie ein Skandal", hieß es da.
Zugetragen haben soll sich, wenn die Geschichte denn stimmt, Folgendes: Gegen halb vier Uhr in der Nacht zum vorangegangenen Samstag sei der "prominente Passauer" in Begleitung einer Dame in die Kneipe "Big Ben" in der Passauer Innenstadt gekommen. Das Paar nahm in einer schmalen Nische hinter dem Bartresen Platz und bestellte ein Weißbier und einen Schoppen Weißwein.
An der Theke schräg gegenüber, durch den Schankraum getrennt, saßen mehrere andere Gäste. Kurze Zeit später habe die Bedienung, als sie sich beim Gläsereinräumen über die Theke lehnte, bemerkt, dass die Frau ihren Kopf über den Schoß des Mannes gebeugt hatte und ihn rhythmisch auf und ab bewegte.
Nachdem sie den Schankkellner auf den Vorgang aufmerksam gemacht habe, so berichtete das Sonntagsblatt weiter, habe dieser die Gäste kurzerhand aufgefordert, zu zahlen und das Lokal zu verlassen. Der Gast wurde zwar nicht namentlich genannt, aber mit so vielen Hinweisen auf seine berufliche Stellung etikettiert, dass er für Kenner der politischen Szene in Passau unschwer zu identifizieren war.
Gleich am nächsten Tag zog die seriöse Tageszeitung Passauer Neue Presse die Geschichte nach, nicht ohne den Hinweis, der anstößige Akt habe sich "unübersehbar für die restlichen acht Gäste, darunter auch Frauen" abgespielt.
Aufmerksame Leser fanden die beiden Artikel auch in der Passauer Staatsanwaltschaft. Der Leitende Oberstaatsanwalt Helmut Walch ist ein zupackender Mann. Er hat als Staatsanwalt in Deggendorf überregional einen gewissen Bekanntheitsgrad erlangt durch seine außerordentliche Hartnäckigkeit bei der Verfolgung eines jungen Vaters wegen einer vermeintlichen Kindstötung, welche sich vor Gericht jedoch als plötzlicher Kindstod herausstellte.
Mittlerweile zum Behördenleiter in Passau aufgestiegen, fackelte er beim "Sexskandal um Topmanager" nicht lange. Es hatte zwar niemand Anzeige erstattet, "aber wenn die Staatsanwaltschaft Kenntnis von einer Straftat erhält, dann muss sie tätig werden", sagt Walch. Schon am 9. Juli ließ er eine Akte anlegen wegen des Verdachts der Erregung öffentlichen Ärgernisses.
Die Passauer Kriminalpolizei nahm die Ermittlungen auf, die Bedienung und der Schankkellner aus dem "Big Ben" wurden als Zeugen vernommen, die Namen der übrigen Gäste ermittelt und auch diese ausführlich befragt, eine maßstabsgetreue Skizze des "Tatorts" wurde gefertigt und eine Fotomappe angelegt, die jeder Mordermittlungsakte zur Ehre gereichen würde: Das Lokal von außen und von innen, der Tatort aus der Sicht des Herrn H. und des Herrn K. und der Frau A., der Standort der Bedienung und ihr Blickwinkel auf die Bank, auf welcher das verdächtige Paar gesessen hatte.
Die Aussagen der Bedienung und des Schankkellners lassen wenig Zweifel daran, dass die Zeitungsberichte im Kern das Geschehen leidlich korrekt wiedergeben. Die 23-Jährige, die nur aushilfsweise im Big Ben bedient, schildert anschaulich den Vorgang, den sie dann mit dem Ausruf "Pfui Deifi‘‘ und einer volkstümlich-derben Charakterisierung des Geschehens dem Kellner weitergemeldet habe.
Dieser bestätigt, dass er die Gäste noch in Aktion beobachtet habe, ehe er die "Schweinerei" durch einen Schlag mit der flachen Hand auf den Tresen und die Aufforderung "Zahlen und gehen" beendet habe. Lediglich die Aussage in der Sonntagszeitung, dass der Pfui-Deifi-Gast "seine Hose bis auf die Oberschenkel heruntergezogen" hatte, war offensichtlich dem Bemühen des Autors um anschauliche Darstellung entsprungen.
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![]() 05.11.2007 23:49:16 cajkacechovs: Hallo .Illechwed!!! Der deutschsprachige Schriftsteller Franz Kafka mag mit seinem Talent und künstlerischen Spürsinn "inflationäres" Benehmen, wie wenn etwas ganz aus dem Ruder gerät, uneffektive Bürokratie, Kompetenzgerangel plastisch hervorgehoben haben. Er weilte auch in Deutschland mitten im Höhepunkt der Depression von 1923. Insofern ist es kein Problem für mich, Literatur und "Realität" einklängig zu sehen, auch Ihre von Arbeitsamt Geprellten (etwas, das wirklich a l l täglich passiert) kommen dabei unter. Das ist so schön an mancher Bücherwelt, sie beschreibt ein durchdrehen, den REALITäTSVERLUST in der Bevölkerung. Und "oralthematisch" mag ich als Nicht-Popstar nichts ....ergründen, auch nicht der SZ zuliebe. Den Gefallen tue ich niemandem, .haaselot, das für Ihre "Festplatte". :-)))) ![]()
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