23. September 2016, 19:00 Zweiter Weltkrieg Als Franz Krönauer nicht mehr kämpfen wollte

Der Soldat versteckt sich im Zweiten Weltkrieg viereinhalb Jahre in der Wildnis - und lernt dort seine spätere Ehefrau kennen. Über ein modernes Volksmärchen.

Von Karin Seibold

Einmal haben sie ihn sogar angeschossen. Er hatte sich aus seinem Versteck getraut, um ein paar Minuten in menschlicher Gesellschaft zu verbringen - mit seinem Onkel. Da kamen zwei Dorfpolizisten vorbei, die schon seit langem auf der Lauer lagen. Franz Krönauer schlug einem von ihnen auf den Kopf und flüchtete in den Wald. Dann fiel der Schuss. "Er hat ihn am Arm gestreift", sagt Helene Reißmann.

Sie hat ihn selbst noch gekannt, den "Man-Franzl", wie ihn hier in der Gegend um Gotteszell im Landkreis Regen alle nannten. Franz Krönauer, Jahrgang 1913. Soldat der Wehrmacht bis Sommer 1941, danach fahnenflüchtig. Reißmann hat ein kleines Buch über ihn geschrieben. "Vogelfrei" hat sie es genannt. Ein Stoff, der das Zeug zur Legende hat, wie die Geschichte über den Räuber Kneißl, den Underdog aus dem Dachauer Hinterland, der die Obrigkeit an der Nase herumführte und auf dem Schafott endete.

Krönauer dagegen ist mit dem Leben davongekommen. Obwohl er sich selbst zum Tode verurteilt hatte, als er 1941 nach einem Heimaturlaub nicht mehr an die Front zurückkehrte und sich stattdessen in den Wäldern verkroch. Hitler startete damals seinen Vernichtungsfeldzug im Osten. Krönauer vegetierte viereinhalb Jahre alleine in der Wildnis des Bayerischen Waldes, ständig auf der Flucht von seinen Häschern, die regelrechte Hetzjagden auf ihn veranstalteten. Doch im Dorf gab es auch Menschen, die ihm bei seiner Flucht vor dem Krieg zur Seite standen, heimlich und leise, weil sie dafür selbst um ihr Leben fürchten mussten.

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Was genau ihm in den viereinhalb Jahren zugestoßen ist, hat Krönauer 1958 in langen Winternächten Helene Reißmann und ihrem Mann Gottlieb erzählt. "Die Jahre der Flucht haben Spuren an ihm hinterlassen", erinnert sich Helene Reißmann. Krönauer war ein kleiner, hagerer Mann, sagt sie, gezeichnet von der Zeit der Einsamkeit. Immer wieder saß er während seinen Erzählungen da, stockte und überlegte lange. Dann redete er sich in Rage, fuchtelte mit den Armen, wenn er von besonders aufregenden Erlebnissen erzählte.

Helene Reißmann hat jetzt, Jahrzehnte danach, aufgeschrieben, was dem Man-Franzl auf seiner Flucht widerfahren ist. Einsamkeit lernte er dabei kennen, wie wenige andere. Er hauste in Höhlen und versteckte sich in Ställen. Er sammelte Pilze und Beeren, angelte Fische und stahl hin und wieder ein paar gekochte Kartoffeln, die Bäuerinnen für die Hühner und Schweine bereitgestellt hatten. "Einmal hat mich der Hunger so gepackt, da hab ich sogar Gras gegessen", zitiert ihn Helene Reißmann aus ihrer Erinnerung.

Die Angst vor Entdeckung war sein ständiger Begleiter. Von seiner Familie konnte Krönauer kaum Hilfe erwarten. "Fahnenflüchtig" stand auf einem Plakat, das im Ort aufgehängt war - mit einem Portraitfoto von ihm. Seine Eltern und Geschwister wurden mehrmals abgeholt und vernommen. "Sogar mit der Inhaftierung im Konzentrationslager Dachau drohte man ihnen, und eingesperrt wurden sie auch ein paar Tage", schreibt Helene Reißmann. "Das gesamte Dorf war in Aufruhr." Die einen wünschten dem Franz, dass er sich dem Krieg weiter entziehen könnte, andere aber ereiferten sich, weil ihre eigene Söhne ja auch im Krieg waren. Diese Leute hätten ihn am liebsten gefangen und ans Messer geliefert.

Manche helfen den Deserteuren, manche verachten sie

Nur manchmal verließ Krönauer den Wald, um ein bisschen Zivilisation zu verspüren und seine Liebsten zu besuchen. Einmal verkleidete er sich als alte Frau. Ein Kleid und ein Kopftuch dazu hatte er aus einer Einöde gestohlen. So ging er zum Kramerladen im Dorf, um sich mit seiner Mutter zu treffen. "Sprechen konnten wir nicht miteinander, aber ihr rannen die Tränen über die Wangen", erzählte er später. "Mir wurde das Herz schwer wie Blei." Am liebsten hätte er seine Mutter in die Arme genommen und sie getröstet. Doch das ging nicht. Zu groß war die Gefahr, dass er sich dadurch verraten hätte.

Also ging der Franz wieder zurück in eine seiner Höhlen. Eines dieser kleinen Erdlöcher versteckt sich zwischen Felsen, dicht eingewachsen vom Gestrüpp, in der Nähe von Weihmannsried, nur eineinhalb Kilometer entfernt von daheim. Gottlieb Reißmann kann den Weg dorthin weisen. Weit muss man in den Wald hinein, die Stelle ist nur für Ortskundige zu finden. Moosig riecht es und nach Pilzen, und überall wachsen Blaubeersträucher aus dem laubbedeckten Boden.

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Von Beeren und Pilzen ernährte sich Krönauer damals, er stellte Fallen, um Hasen und Rehe zu fangen, damit er sich durch die Tage brachte. Die Höhle hat ihren Namen kaum verdient, sie ist ein Unterschlupf, eine kleine Lücke zwischen großen Felsblöcken. Nicht einmal aufrecht sitzen kann man darin, im Dreck und Laub muss Krönauer damals gelegen haben, wenn er dort seine Nächte verbrachte, so nah bei seiner Familie und doch so unendlich weit weg.

Manchmal haben ihm die Frauen aus dem Dorf Lebensmittel vor die Tür gestellt. "Töpfe voll gekochter Kartoffeln", erinnert sich etwa Elisabeth Prinz. Die waren dann am anderen Morgen einfach weg. Niemand hat groß danach gefragt, wussten doch alle, dass der Man-Franzl da draußen Hunger litt, so ganz allein im Wald. Gelegentlich hat er sich auch einen Schlafplatz gesucht in der Nähe der anderen Menschen, im Stall oder in einer Scheune, wo der Winter nicht ganz so kalt war. "Der Vater hat das gewusst, aber er hat es ihm zugestanden", sagt Maria Lippl. Auf dem Hof ihrer Schwiegereltern hat Krönauer so manche Nacht verbracht - auch getrennt von den Menschen, aber immerhin zwischen dem Vieh und in der Wärme, die Stall und Scheune hergaben.

Einmal, so hat er es Helene Reißmann erzählt, war der Dorflehrer auf der Suche nach ihm. Er hatte es sich gerade auf einem Baum bequem gemacht, als er den Mann kommen sah. Direkt unterhalb seines Baumverstecks soll der Dorflehrer Halt gemacht haben, so geht die Geschichte. Dort packte er seine Brotzeit aus. Nach seinem Mahl zündete sich der Dorflehrer eine Verdauungszigarette an. Anschließend legte er sich hin, um zu schlafen.

Diese Gelegenheit nutzte Krönauer, stieg vom Baum herab, schlich sich zu dem schlafenden Lehrer und stahl ihm das Gewehr. Damit machte er sich wieder auf den Weg zu einem seiner Verstecke. Der Lehrer aber musste ins Dorf zurückkehren, ohne den Franz gefangen zu haben und auch noch den Verlust seines Gewehres erklären. Er sei, sagen die alten Damen, nachher nie mehr wieder mit auf die Hatz gegangen, wenn die Männer aus dem Dorf sich auf die Jagd nach dem Deserteur machten.

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Sogar seine Frau lernte Franz im Wald kennen. Und da klingt die brutale Geschichte von der Flucht schon fast wie ein Volksmärchen: Im Sommer 1944, ein sonniger Tag war es, sah er ein Mädchen, das im Wald Heidelbeeren pflückte und sang. "So schön war sie, dass es mir einen Stich im Herzen gab", zitiert Helene Reißmann den Krönauer in ihrem Büchlein. Also nahm er sich ein Herz und ging auf das Mädchen zu: "Ich erzählte ihr, wer ich war und dass sie niemandem von mir etwas sagen dürfte."

Das Mädchen willigte ein. Sie hieß Reserl, und die beiden verliebten sich schnell ineinander. Ihr Vater, der von der jungen Liebe anfangs nicht unbedingt begeistert war, merkte bald, dass er dagegen nichts tun konnte. Also half auch er, den Freund der Tochter zu verstecken, und hob ihm unter dem Stall seines Geißbocks ein kleines Erdloch aus. Als die Dorfpolizei kam, kroch Franz in das Loch, und die Familie schüttete schnell Mist darüber.

Einsamkeit und Angst zieht er dem Krieg vor

Franz Krönauer überlebte. Aber die Angst, erwischt zu werden, blieb. Nach Kriegsende musste er sechs Wochen ins Gefängnis, weil er dem Nazi-Dorfpolizisten auf den Schädel geschlagen hatte; 1946 heiratete er sein Reserl. Das Paar bekam sechs Söhne und eine Tochter. Unter Menschen ging Franz nur noch ungern, wie er später zu Protokoll gab: "Ich fühlte mich immer im Wald am wohlsten und mied größere Menschenansammlungen. Nur bei meiner Frau und meinen Kindern vergaß ich die Angst vor Verfolgung."

Elisabeth Prinz, Maria Lippl und Buchautorin Helene Reißmann (von links) kennen die alten Geschichten.

Bis zu 400 000 deutsche Soldaten sollen während des Zweiten Weltkriegs desertiert sein, 23 000 Todesurteile wurden deswegen vollstreckt. Wieso Franz Krönauer aus Gotteszell abgehauen ist? "Der hat das Töten satt gehabt", versucht Rudolf Krönauer, einer seiner Söhne, heute die Flucht des Vaters zu erklären. "Er wollte niemanden umbringen." Er zog das Gefängnis der Einsamkeit dem Krieg vor.

Franz Krönauer hat das Zeug zum Anti-Helden. Einer, der beim Morden nicht mitmachen wollte. Anderswo werden Schulen und Straßen nach solchen Menschen benannt. In Gotteszell ist er heute kaum noch Thema, obwohl jeder seine Geschichte kennt. Einige seiner Kinder leben noch im Dorf. Helene Reißmann hat sie um Erlaubnis gefragt, bevor sie ihr Buch schrieb. Eigentlich wäre es den Söhnen lieber gewesen, wenn der Name ihres Vaters darin gar nicht vorgekommen wäre. Helene Reißmann hat die Kinder dann überzeugt, dass sie doch den richtigen Namen nennen durfte. "Weil sowieso jeder hier weiß, um wen es bei der Geschichte geht", sagt sie.

Krönauer, der Überlebenskünstler, starb früh. In den Jahren 1951 bis 1960 wohnten Franz, seine Frau und die Kinder im selben Haus wie die Reißmanns. Dort erzählte er den beiden die Geschichte seiner Flucht. Am 27. März 1960 zog Krönauer mit seiner Familie ins benachbarte Weihmannsried und begann, im Steinbruch zu arbeiten. Nur einen Tag später verunglückte er dort tödlich.

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